Neues Album "Domestic" Der Brite Paul Armfield sucht die Heimat und findet Europa

Paul Armfield von der britischen Insel "Isle of Wight" setzt sich auf seinem neuen Album "Domestic" mit seinem Verständnis von Heimat auseinander – und findet erstaunliche Einsichten. MDR KULTUR hat den Musiker getroffen und mit ihm über sein das musikalisch bislang vielfältigstes Album gesprochen.

Paul Armfield
Der Musiker Paul Armfield war schon Buchhändler und leitete ein Kunstzentrum auf seiner Heimatinsel, der Isle of Wight Bildrechte: Mischa Scherrer

Bei dem Musiker Paul Armfield standen und stehen immer Veränderungen an. Die Kinder verlassen das Haus, werden flügge, er kündigt einen stressigen Job als Manager eines Kunstzentrums und beschließt erstmal eine Pause von allem zu machen und sich wieder der Musik zu widmen. Und während er zu Hause sitzt und über neue Songs nachdenkt, stellen sich ihm immer öfter die Fragen: Heimat? Zu Hause? Was ist das eigentlich?

Freiwilliger Winterschlaf

Im Falle seines Songs "I'm not here", einem der bedrückendsten Lieder des neuen Albums "Domestic", klingt die Antwort nach Rückzug, ein bisschen nach Wohlfühloase, nach einer Pause vom stressigen Leben, nach einem Regal voller Bücher und einem guten belgischen Bier. Armfield beschreibt: "Nach meinem Job im Art Center, da schien es, als fiele ich in eine Art Winterschlaf, für eine kurze Zeit. Ich stand über Jahre in der Öffentlichkeit, jede Stunde, jeden Tag – und ehrlich, ich wollte niemanden mehr sehen, wollte nicht ausgehen, wollte mich auch nicht kümmern. Und als die Weihnachtszeit kam und ging, habe ich einfach beschlossen: ich bleibe im Winterschlaf, ich bleibe zu Hause. Das hat sich gut angefühlt. Jetzt, mit der ganzen Selbstisolation und Corona, bekommt das natürlich nochmal eine ganz andere Bedeutung."

Dorfstraße mit alten Häusern. Winkle Street, Calbourne, Isle of Wight, England
Die beschauliche Isle of Wight im Ärmelkanal ist die Heimat von Paul Armfield Bildrechte: imago/robertharding

Viele Arten von Heimat

Doch das ist nur eine Deutung Armfields von Heimat auf dem Album "Domestic". Die konzeptionelle Klammer, sich mit den verschiedenen Bedeutungsebenen von Heimat zu beschäftigen kommt eher zufällig zustande, erzählt der hünenhafte Vollbartträger:

Es war kein Thema, das ich mir überlegt habe. Aber als ich die Songs geschrieben habe, wurde klar, das ist das Thema, das sich hier herauskristallisiert.

Paul Armfield über das Thema Heimat auf seinem Album "Domestic"

Armfield wendet und dreht den Begriff der Heimat in seinen folkigen Songs, betrachtet ihn von allen Seiten. Und so kann Heimat eben auch die Liebe sein, der Herzensort, die Verbündete an der Seite oder auch die Ehefrau. Armfield erläutert: "Zu Hause veränderte sich alles, meine Kinder verließen zu der Zeit unsere Haus, gingen fort. Ich war mehr zu Hause, weil ich meinen Job aufgegeben hatte, Brexit rumorte im Hintergrund, die Flüchtlinge – all das hat mich dazu gebracht, über Home nicht nur als das Haus, sondern auch als politischen Begriff, als Home als mein Heimatland, meine Identität nachzudenken. Wo fühle ich mich denn zu Hause? Vielleicht mehr in Europa als im Königreich? Ich denke, das ist es, worum es geht in den Songs."

Paul Armfield 27 min
Bildrechte: Mischa Scherrer

Der Singer/Songwriter Paul Armfield ist beachtliche über zwei Meter groß. Er spielt Gitarre und Bass und macht Musik zwischen Folk, Kammerpop und Chanson.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 12.09.2020 16:00Uhr 27:18 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Paul Armfield 27 min
Bildrechte: Mischa Scherrer

Der Singer/Songwriter Paul Armfield ist beachtliche über zwei Meter groß. Er spielt Gitarre und Bass und macht Musik zwischen Folk, Kammerpop und Chanson.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 12.09.2020 16:00Uhr 27:18 min

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Klanggewordenes Europa

"Domestic" von Paul Armfield ist vielleicht das musikalisch vielfältigste Album des Musikers. Zwar schimmert es auch im goldenen, warmen Westerngitarren-Moll seines Vorgängers "Found" oder des sensationellen Debüts "Songs Without Words" aus dem Jahr 2004. Doch stilistisch ist "Domestic" breiter, vielseitiger als alles, was Armfield bislang produziert hat – was auch an der Internationalität der beteiligten Musiker liegen könnte. Es sei ein richtiges europäisches Projekt, erzählt Armfield und nennt es ein "klanggewordenes Europa".

Es spielen Musiker aus dem Königreich, aus Italien und Deutschland, aufgenommen wurde es in Stuttgart – mehr Europa geht nicht. Und das Beste ist: Es klingt wunderbar – homogen, dicht, warm, ergreifend. Und auf einmal macht jede Facette von Heimat Sinn, klingt in den Köpfen und schwingt in den Herzen.

Armfield ist eigentlich kein politischer Songwriter, aber wenn er in dem Song "Flagbearer" auf subtile Art aufdeckt, dass alle Nationalpflanzen des Königreichs – die Rose für England, das Kleeblatt für Irland, die Narzisse für Wales und die Diestel für Schottland – botanische Einwanderer sind, dann wird Popmusik zur Botschaft gegen die Enge, gegen die falschen Heimaterzählungen. Armfield hat mit "Domestic" auf poetische, ganz zarte und doch eindringliche Art den Begriff der Heimat ausgedeutet, für die Hörer und vor allem auch für sich.

Paul Armfield 7 min
Bildrechte: Mischa Scherrer

MDR KULTUR - Das Radio Mo 28.09.2020 06:00Uhr 07:10 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Paul Armfield 7 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mo 28.09.2020 06:00Uhr 07:10 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. September 2020 | 07:40 Uhr