Buchempfehlung Einmal um Berlin gewandert – ein beeindruckender Erlebnisbericht

Der Brite und Wahlberliner Paul Scraton hat die deutsche Hauptstadt erkundet. Das ist nichts besonderes, das haben schon viele vor ihm getan. Doch Scraton ist nicht an die üblichen hippen Orte gegangen: er hat die Stadt über die Randgebiete kennengelernt. In zehn Spaziergängen ist er einmal rund um Berlin gelaufen, 180 Kilometer zu Fuß. Entstanden ist das lesenswerte Porträt einer wenig beachteten städtischen Grenzregion, findet unsere Kritikerin Vera Linß, die selbst gebürtige Berlinerin ist.

Paul Scraton, Am Rand. Rund um Berlin, Buchcover
"Am Rand. Rund um Berlin" – das Buchcover konterkariert die kochende Stadt Berlin. Bildrechte: Matthes & Seitz Verlag

Eine Stadt erobert man am besten zu Fuß. Diese Weisheit hat sich Paul Scraton zu Herzen genommen – nachdem er schon fünfzehn Jahre in Berlin gelebt hatte. Denn nach all der Zeit stand Scraton immer noch zwischen den Welten: Nicht mehr zu Hause in Großbritannien – und noch immer nicht angekommen in Berlin. Was helfen könnte, so der Plan: ein Spaziergang um den Rand der Stadt.

Um Berlin wirklich kennen zu lernen, musste ich die Peripherie kennenlernen, jenseits der U-Bahn-Endhaltestellen. Je mehr ich entdeckte, desto mehr würde ich mich in dieser Stadt vielleicht heimisch fühlen.

Paul Scraton

Seltsame Poesie der Nicht-Orte

Immerhin: Zehn Prozent der Berliner wohnen am Rand; in diesen "Nicht-Orten", wie Scraton sie nennt, mit ihrer "seltsamen Poesie", die – der Verdacht drängt sich auf – gut zur Verlorenheit des Briten passen könnte.

Scraton jedenfalls war sich sicher: Hier würde es Geschichten zu entdecken geben: "Schon bevor ich auch nur mit dem ersten Spaziergang begonnen hatte, hatte ich eine vage Vorstellung davon, was ich finden würde. Die Vorstädte und Trabantensiedlungen. Die vergessenen Randgebiete, wo die verwahrloste Ödnis des einen, die leere Leinwand für die Fantasie des anderen ist. Die seltsame Poesie dieser Nicht-Orte, die hier oder da sein konnten, doch immer am Rand der Stadt angesiedelt."

Windmühle auf dem Hügel des dörflichen Alt-Marzahns.
Windmühle auf dem Hügel des dörflichen Alt-Marzahns – im Hintergrund die Betonwelt von Berlin. Bildrechte: imago images / imagebroker

Lübars, das älteste Dorf Berlins

Den ersten Spaziergang beginnt Paul Scraton an einem kalten Januartag in Alt-Tegel, im Nordwesten der Stadt. Sein Ziel liegt etwa acht Kilometer östlich. Man folgt ihm zum Tegeler Hafen, unter der Autobahn hindurch, hin zum Tegeler Fließ, wo Scraton über Feuchtwiesen und Vorstadtgärten ins älteste Dorf Berlins, den Ortsteil Lübars, gelangt.

180 Kilometer bemisst die Umrundung insgesamt: Die Woche drauf läuft der Brite nach Ahrensfelde, dann nach Köpenick, Waltersdorf über Lichterfelde, Griebnitzsee und von Spandau zurück nach Tegel.

Zwei Spaziergänger laufen an einem Bach durch die sonnenbeschienenen Natur.
In dem zu Berlin gehörenden Lübars kann man ländliche Idylle genießen. Bildrechte: imago images / CHROMORANGE

Erkenntnisreich ist das allemal. Denn neben detailgetreuen Wegbeschreibungen verbindet Scraton jedes Kapitel mit einem kleinen Geschichtsdiskurs; berichtet von der Kindheit der Humboldt-Brüder in Tegel, von den Spuren des Dreißigjährigen Krieges in Wartenberg und Malchow und erläutert die Bedeutung des Begriffs "Spandau Ballett", den die gleichnamige britische Band in den 80er-Jahren berühmt gemacht hatte.

Wege, die im Nichts enden

Doch was wäre ein Spaziergang ohne die präzise Beschreibung der Atmosphäre und vor allem: der eigenen Befindlichkeit? Hier überrascht, wie treffend der Wahlberliner die Stimmung auffängt. Etwa, wenn er immer wieder in triste Ecken kommt, wo Fußwege zwischen Autobahn, Container und Lagerhalle einfach im Nichts enden.

Die dumpfe Landschaft des äußersten Nordens von Berlin machte insgesamt einen ziemlich düsteren Eindruck auf mich.

Paul Scraton

Randgebiet, Edgeland, Zwischenstadt – das alles sind Begriffe, mit denen seit Längerem versucht wird, das Besondere und Spröde der Außenbezirke zu benennen. Dazu zählt, zumindest in Berlin, auch der Autokult, der sich im Übermaß an Waschplätzen und Reklametafeln zeigt. Man fühlt sich ein bisschen ertappt.

Ein teilweise zugewachsene Bahnschiemen und Reste eines Prellbocks.
Manche Wege enden einfach, so wie diese S-Bahnstrecke bei Düppel Bildrechte: dpa

Und dann ist man wieder berührt von der Schönheit der Landschaft, die Scraton beschreibt – auch wenn sie sich, wie am Wannsee, mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verbindet. Das Haus der Wannseekonferenz ist nur eine von mehreren geschichtsträchtigen Villen am Ort.

Der Spaziergang war bislang der schönste gewesen und gleichzeitig der verstörendste. Nirgendwo spürte ich den Einfluss längst vergangener Ereignisse stärker als in Wannsee. Der millionenfache Tod, bei Brandy und Zigarren an Erkerfenstern geplant, die sich zu dem zugefrorenen See dahinter öffneten.

Paul Scraton

Heimat gefunden

Das Buch endet mit einem positiven Resümee des Autors, der seinem Ziel, Klarheit über den eigenen Platz in der Stadt zu finden, ein Stück nähergekommen ist.

Ich fühlte mich jetzt heimischer als zu Beginn meiner Wanderung. Mein Berlin ist jetzt weiter, sowohl mein Wissen über die Stadt, als auch mein Gefühl für sie.

Paul Scraton

Genau dieses Gefühl stellt sich auch beim Leser ein, weshalb das Buch nur zu empfehlen ist – auch den Einheimischen. Die haben bekanntlich oft am wenigstens Detailkenntnis über ihre Stadt, zumindest verglichen mit den Zugezogenen. Scratons Buch hat das auf wunderbare Weise bestätigt.

Angaben zum Buch Paul Scraton: "Am Rand. Rund um Berlin"
Englischer Originaltitel: "Berlin Outskirts"
Übersetzung: Ulrike Kretschmer
207 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-95757-843-3
Matthes & Seitz Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Juli 2020 | 08:10 Uhr