Sachbuch "Die Schönheit des Scheiterns" - Wie Missgeschicke unseren Charakter formen

Wer Fehler macht, eine Prüfung vergeigt oder eine Firma in den Sand setzt, wird in der Leistungsgesellschaft skeptisch betrachtet. Dass Missgeschicke nicht nur Schlechtes bewirken, zeigt Charles Pépin in seinem neuen Buch.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR

Charles Pépin, französischer Philosophieprofessor und Autor
Charles Pépin, französischer Philosophieprofessor und Autor Bildrechte: Carl Hanser Verlag/Steinberger

Da alle den Erfolg lieben, müsste es doch auch Menschen geben, die dem Scheitern zugeneigt sind, oder? So zumindest der Gedankengang Philosophen E.M. Cioran. Einer von diesen Menschen, die sich frohgemut dem Scheitern widmen ist Charles Pépin. In seinem Buch "Die Schönheit des Scheiterns" versucht Monsieur Pépin uns davon zu überzeugen, dass nur derjenige, der immer wieder stolpert, am Ende als Erster ins Ziel gelangt. Getreu dem doppelbödigen Motto von Samuel Beckett: "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern."

Was haben Charles de Gaulle, Steve Jobs und Serge Gainsbourg gemeinsam? ... Wegen ihrer Fehlschläge hatten sie Erfolg. ... Ohne all die Gelegenheiten, die ihnen ihr Scheitern geboten hat, um nachzudenken und sich wieder aufzurichten, hätten sie sich nicht so vervollkommnen können, wie sie es getan haben.

Scheitern als Chance - das ist nichts Neues

Charles Pépin: Die Schönheit des Scheiterns, Buchcover
Charles Pépin: Die Schönheit des Scheiterns, Buchcover Bildrechte: Hanser Literaturverlage

Unter Steve Jobs oder Charles Darwin argumentiert Pépin nicht. Seine Beispiele von Genies, die erst aus ihrem Scheitern die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hätten, sind schlagend – wenn auch in ihrer Konsequenz nicht nachprüfbar. Apropos schlagend: Besonders der Tennissport hat es Pépin angetan. An ihm illustriert er gerne seine Thesen. Ob Roger Federer oder Rafael Nadal – all seine Gewährsleute müssen erst einmal durchs Tal der Tränen gehen, bevor sie als Champion den Platz verlassen können. Manchmal liest sich dieses mit literarischen und philosophischen Zitatschnipseln von Kant über Nietzsche bis Sartre angereicherte Buch wie ein Motivationskurs für Burn-Out-Patienten.

Dabei ist der Erkenntnisgewinn insgesamt doch relativ überschaubar: Natürlich - das wussten wir schon vorher - ist die Kunst, die Wissenschaft, das Leben eine Trial-and-Error-Versuchsanordnung. Wer sich von Niederlagen nicht gänzlich aus der Bahn werfen lässt, wird gestärkt und belehrt aus ihnen hervorgehen und hat die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. Die Psychologie beschäftigt sich schon lange mit dem Scheitern. Und mit der in vielen Gesellschaften vorherrschenden Fehlerintoleranz. Pépins Buch ist ein gut gemeintes, populär geschriebenes Plädoyer fürs Fehlermachen – ob in der Schule oder im Beruf, im Sport oder der Kunst. Fortschritt kann eben nur aus dem Irrtum heraus erwachsen. Letztlich geht es um eine andere Bewertung des vermeintlichen Versagens: Scheitern nicht als Makel, sondern als Chance:

Ein "normaler" Irrtum wird zum schmerzhaften Fehlschlag, wenn wir damit nicht fertigwerden, wenn sich das Gefühl einstellt, versagt zu haben. Eine Kultur des Irrtums schützt dagegen vor dem Gefühl des Versagens.

Die Leistungsgesellschaft bleibt unhinterfragt

Pépins Buch springt dem Scheiternden zwar zur Seite, trägt die Kriterien der Leistungsgesellschaft aber doch unhinterfragt in sich. Die existenzielle Dimension des Scheiterns, Tragik und Verzweiflung werden von Pépin nicht im Entferntesten berührt. Es geht vielmehr um Affirmation: Mache Fehler, aber nur um optimiert und erfolgreich aus dem Krisentief wieder aufzutauchen. Schau dir doch nur mal an, was Serge Gainsbourg, Roger Federer oder Steve Jobs aus ihren Fehlern gemacht haben! Auch jenes Scheitern, das seine Ursache in sozialen und ökonomischen Schieflagen hat, nimmt Pépin nicht in den Blick.

Trotzdem hat das Buch als freundlicher Ratgeber durchaus seine Berechtigung. Es funktioniert in etwa wie eine Verhaltenstherapie: Man muss lernen, sagt uns der Therapeut, die eigene Lebenserzählung unter positive Vorzeichen zu setzen. Scheitern muss als Zwischenetappe verstanden werden. Es geht – frei nach Sartre – um Handlungsfähigkeit, um die Freiheit der Wahl und eine Deutung von misslichen Ereignissen, die neue Wege öffnet. Wer sich allerdings für die Absurdität des Lebens interessiert, für die Verzweiflung, für die Einsamkeit des immer wieder und immer besser Scheiternden – der lese statt dieser kleinen Philosophie der Niederlage doch besser Samuel Beckett oder E.M. Cioran.

Angaben zum Buch: Charles Pépin: "Die Schönheit des Scheiterns. Kleine Philosophie der Niederlage"
aus dem Französischen übersetzt von Caroline Gutberlet
erschienen bei Hanser, 208 Seiten, 20 Euro
ISBN : 978-3-446-25669-9

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Vormittag | 09. Januar 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2018, 00:00 Uhr