Das Buch 'Leben und Werk' über Peter Hacks.
600 Seiten schwer ist die Biografie über den Dramatiker Peter Hacks. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Biografie über Lyriker Peter Hacks – der bunte Vogel der DDR

Er gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker der DDR und als Begründer der "sozialistischen Klassik": Peter Hacks. Er gehörte zu den Bühnenautoren, deren Stücke sowohl in der DDR, als auch in der BRD gespielt wurden. Mit "Leben und Werk" ist nun eine Biografie über den Lyriker erschienen. Warum lohnt es sich, sich heute noch – oder wieder – mit Peter Hacks zu beschäftigen?

von Rayk Wieland, artour

Das Buch 'Leben und Werk' über Peter Hacks.
600 Seiten schwer ist die Biografie über den Dramatiker Peter Hacks. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich möchte gern ein Holperstein
In einer Pflasterstraße sein.
Ich stell mir vor, ich läge dort
Jahrhunderte am selben Ort,
Und einer von den Kunsteunuchen
Aus Medien und Kritik
Käm beispielsweise Hacks besuchen
Und bräch sich das Genick.

Peter Hacks

Bei der Annäherung an Peter Hacks ist Vorsicht geboten. Wie ein aus der Zeit gefallener Dichterfürst residierte er bis zu seinem Tod 2003 im Süden Berlins. In der DDR wurde er als "Goethes Stellvertreter" verspottet, Fans und Freunde jedoch bewunderten ihn. So erinnert sich Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht:

Peter Hacks hatte etwas bewusst Adliges, Elitäres.

Sahra Wagenknecht, Politikerin

Für sie als junges Mädchen sei es zutiefst beeindruckend gewesen, mit dem Lyriker und Essayisten zu diskutieren. Und Schriftsteller Wolfgang Kohlhaase pflichtet bei: "Die Schwerelosigkeit, die Schönheit, der Umgang mit Worten und Bildern – er hatte ein großes Handwerkszeug, das er auch eingesetzt hat."

Bunter Vogel der DDR

Mit seinem extraordinären Lebensstil war Peter Hacks ein bunter Vogel in der grauen DDR. Über sein Leben ist wenig bekannt. Er selbst meinte, es lohne nicht darüber zu schreiben: Er sei Dichter, es enthalte keine äußeren Ereignisse. Reine Koketterie, wie eine 600-seitige Biographie jetzt beweist.

Geschrieben hat sie der Philologe Ronald Weber. Ihn habe vor allem Hacks‘ ungewöhnliche Geschichte dazu bewogen, sagte er MDR KULTUR. "Er gehört zu den wenigen, die aus dem Westen in DDR gegangen sind – als überzeugter Kommunist“, so Weber. Später habe Hacks jedoch große Probleme mit der Kulturpolitik gehabt, sei trotzdem bei der Stange geblieben:

Als einer der wenigen prominenten DDR-Autoren hat Peter Hacks nach der Wende die DDR vehement verteidigt.

Ronald Weber, Hacks-Biograf

Sonnyboy am Theaterhimmel

Der junge Hacks ist in München schon am Theater erfolgreich und zusammen mit seiner Frau Anna Wiede ein schillerndes Paar der Szene, als er sich bei seinem Idol Bertolt Brecht erkundigt, ob der ihm rate, in den Osten zu kommen. Brecht schreibt ausweichend, gute Leute seien überall gut.

Hacks, ganz selbstbewusst, antwortet, falls das ein Rat gewesen sein solle, werde er ihn jedenfalls nicht befolgen. Es passiert nicht oft, dass Künstler aus dem Westen übersiedeln – für das Fernsehen der DDR war das ein willkommener Propagandacoup.

Nach einem kurzen Ausflug auf dem Bitterfelder Holzweg wird Hacks Anfang der 60er-Jahre zum Sonnyboy am Theaterhimmel der DDR. Seine Klassiker-Nachdichtungen sind Jahrhunderterfolge. Kaum einer bringt das Lebensgefühl der Zeit so auf den Punkt: die unbändige Lebenslust der Leute nach den Desastern der Kriegs- und Nachkriegszeit. Dabei war Hacks Spott über Personenkult und Unfehlbarkeitsdünkel der Partei immer zu elegant, um von der Zensur bemerkt zu werden.

Affäre Biermann

Mitte der 70er-Jahre ist mit Hacks grandioser Laufbahn als erfolgreichster lebender Bühnenautor in Ost und West plötzlich Schluss. Er protestiert nicht nur nicht gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, den er für eine überschätzte Nervensäge hält, sondern er begrüßt sie sogar ausdrücklich. Biograf Ronald Weber: "Er hat einen eigenen Text geschrieben, der 'Neues vom Biermann' heißt, in dem er ein Interview, das Biermann nach der Ausbürgerung gegeben hat, zum Anlass nimmt, um mit Biermann abzurechnen."

Peter Hacks Biografie von Ronald Weber (Buchcover)
Peter Hacks – Biografie von Ronald Weber Bildrechte: Eulenspiegel Verlag

Vor allem aber, so Weber weiter, sei oft übersehen worden, dass Hacks auch mit den Autoren, die diese Petition unterzeichnet hatten, abgerechnet hatte. "Er sah das als unzulässige Opposition, fast schon als eine Staatskrise der DDR."

Eine Krise auch für den Staatsdichter, wie Ronald Weber in seiner luziden Lebenschronik zeigt. Hacks’ Stücke, eben noch hoch gelobt, verschwinden von den Spielplänen. Er selbst zieht sich zurück, schreibt für Schubladen, die immer größer werden. Einem Interviewer sagt er: "Wenn Sie wissen wollen, wie berühmt ich einmal sein werde, sage ich: äußerst."

Phase der Verbitterung

Die Wende trifft Hacks hart. So wenig er die DDR schätzte, hielt er sie für ein Mindestmaß des Erträglichen. "Verschiedenes, das für die Menschheit spricht, / entfiel mir jüngst. Und ich erwähn es nicht", schreibt er. In vollendet formulierten Gedichten preist er die Mauer und eine Guillotine für die Bürgerrechtler auf dem Leninplatz. "Das war Phase einer gewissen Verbitterung, wo er provokativ Dinge formulierte, die er früher so nie vertreten hätte", sagt Sahra Wagenknecht. "Dass er die 'Mauer als Erdenwunder schönstes' bezeichnet, das war natürlich purer Sarkasmus."

Wenn die Biographie eines zeigt, dann, dass Peter Hacks‘ Kunst alles andere als tot ist, auch wenn er persönlich vor 15 Jahren starb – natürlich formvollendet in einem Bett unter Orpheus’ Ägide. Doch Vorsicht, am Kopfende hängt noch sein Degen, griffbereit.

Angaben zum Buch Peter Hacks: Leben und Werk
Biografie von Ronald Weber
Eulenspiegel Verlag, 605 Seiten, 39 Euro

Mehr Biografien

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 18. Oktober 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2018, 04:00 Uhr

Mehr Biografien