Theater "Peter Holtz" am Staatsschauspiel Dresden: Ideenloses Vorlesetheater

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Am Staatsschauspiel Dresden kam am Freitag der Roman "Peter Holtz" von Ingo Schulze zur Uraufführung. Regie führt Friederike Heller. Und die Frage war: Wie wird sie es schaffen, den 570-Seiten-Roman, der ein Leben in der DDR und in der Wendezeit beschreibt, auf die Bühne zu bringen? Wie nah bleibt sie am Original? Kann sie bleiben? Wo setzt sie den Fokus? Sie hat sich jedenfalls bemüht. Und ist wahrscheinlich deswegen gescheitert.

Inszenierung von "Peter Holtz" am Staatsschauspiel Dresden.
Das Bühnenbild fällt sehr abstrakt aus. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Wenn man sich das Programmheft ansieht, dann steht unter dem Titel "Peter Holtz" die Zeile: "von Ingo Schulze, in einer Spielfassung von Friederike Heller". Und das trifft es zunächst ganz gut – zeigt aber auch ein Dilemma: Einerseits will Regisseurin Friederike Heller den Roman auf die Bühne bringen, der als Hörbuch rund 15 Stunden Zeit beansprucht, während es ihre Inszenierung auf knapp zweieineinhalb Stunden bringen wird. Das verlangt, andererseits, Konzentration – Friederike Heller sagt im Interview des Programmhefts: "Wir folgen dem Weg des Geldes."

Aber es geht ihr auch noch um etwas anderes. Der Roman heißt mit vollständigem Titel "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst". Das klingt nach einem großen und langen Monolog. Und es könnte auch eine Komödie sein, denn Ingo Schulz spricht selbst von einem "Schelmenroman". Und darum geht es hier auch. Denn an dieser Stelle interpretiert Friederike Heller den Stoff sogar um.

Erster Unterschied: die Inszenierung als Rückblende

Moritz Kienemann
Moritz Kienemann mimt Peter Holtz. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Der Roman setzt im Jahr 1974 ein. Peter Holtz ist da zwölf Jahre alt und wächst in der DDR auf. Er nimmt den Sozialismus, seine Verheißungen, extrem wörtlich. So wörtlich wie ein Autist, der keine Ironie versteht. Offenkundig ist Peter Holtz ein Schelm, weil er zwischen Idee und Realität nicht unterscheiden kann. Und aus diesem Blickwinkel wird dann die DDR-Zeit von 1974 über die Wende bis 1998 erzählt – 24 Jahre lang. Peter Holtz ist am Ende also etwa 36 Jahre alt. Und hat Karriere gemacht. Geld und Besitz sind ihm zugeflogen. Am Ende des Romans verbrennt er 1000-DM-Scheine, weil er "ein ökonomischer Häftling" geworden sei und sich so befreien will.

Das ist die Geschichte. Und eben auch ein langer Monolog, was dem Theater zugutekommen könnte. Am Anfang liegt Peter Holtz nackt auf der Bühne, kratzt sich am Kopf, steht auf. Saallicht im Zuschauerraum. Peter Holtz erblickt das Publikum und sagt: "Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren", sagt dann: "Ich bin der erste Mensch", dann, sich fast verbessernd: "Ich bin ein ökonomischer Häftling". Er nimmt also das Ende des Romans vorweg. Damit ist diese Inszenierung eine großer Rückblende. Deswegen sehen wir auch bis zum Schluss eine riesige, bühnenfüllende, hellgraue Matratze als zentrales Bühnenelement im Raum. Das ist natürlich eine Irrenanstalt, aus der Peter Holtz zu uns spricht. Vorne an der Rampe liegt sein Stapel Kleider. Peter Holtz zieht sie an und beginnt das Spiel.

Ein abstraktes Bühnenbild

Die anderen Figuren marschieren im Gänsemarsch von hinten auf die Bühne. Später treten die Schauspieler auch aus dem Zuschauersaal immer wieder auf die Bühne. Es ist wirklich ein großer Monolog. Es ist auch ein Spiel mit den Mitteln des Theaters. Die Kostüme passen in die Zeit. Auch die Maske und die Frisuren. Vorne-kurz-hinten-lang – Vokuhila, so hieß das damals. Und Oberlippenbart.

Die Bühne bleibt abstrakt: unten die Matratze wie eine verblasste, verblühte Landschaft, links ein Musiker auf der Bühne, der mit Computer und Gitarre die jeweiligen akustischen Räume erschafft. Oben über der Bühne, eine Kugel, vielleicht drei Meter im Durchmesser, eine Art sozialistische Sonne. Später – nach der Wende – wird an ihrer Stelle ein großes Fischernetz aus dem Schnürboden immer wieder herabfahren, aus dem Geld auf die Bühne geschüttet wird. Das sind hier kleine Kugeln, wieder hellgrau, aber auch Kugeln in schwarz, rot, gold.

Inszenierung von "Peter Holtz" am Staatsschauspiel Dresden.
Über der Bühne schwebt anfangs eine Art sozialistische Sonne. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Zweiter Unterschied: die Inszenierung als Tragödie

Ingo Schulze nennt seinen Roman im Untertitel ein "glückliches Leben". Genau hier macht die Regisseurin exakt das Gegenteil und erzählt die Reichwerdung von Peter Holtz als ein Unglück. Die Regisseurin zeigt sehr deutlich, wie Peter Holtz an seinem Geld verzweifelt. Er wird sich am Ende auch nicht selbst befreien, indem er sein Geld verbrennt, sondern zieht sich wieder aus, kommt also ins Irrenhaus als "ökonomischer Häftling" zurück.

Das Prinzip Rückblende ist damit logisch zu Ende gedacht und gebracht. Und Peter Holtz fordert das Publikum auf: "Zünden Sie das Geld an!" Das sagt er immer wieder. Applaus, freundlich, langanhaltend, aber auch nicht überschwänglich. Und Ingo Schulze kommt selbst auf die Bühne. Er guckt ins Publikum, aber auch zu Boden, weil er darauf achten muss, dass er auf den Geldkugeln, die überall auf der Bühne umher rollen, nicht ausrutscht. Dann nimmt er sich eine kleine rote Kugel mit. Ob er sie später noch verbrennt, habe ich nicht gesehen. Aber er könnte den Schlussappell der Inszenierung ganz wörtlich genommen haben.

Die Schauspieler müssen sich selbst kümmern

Inszenierung von "Peter Holtz" am Staatsschauspiel Dresden.
Moritz Kienemann und Luise Aschenbrenner. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Moritz Kienemann spielt Peter Holtz. Sein Spiel wirkt hölzern, marionettenhaft. Er findet einen quäkigen, etwas zu lauten Konversationston. Man spürt den Druck; das starke Mitteilungsbedürfnis. Das alles trifft die Rolle sehr präzise. Besonders auch das Autistische dieser Rolle. Sehr gut war auch Torsten Ranft, der in verschiedenen Rollen auftritt, auch als Frau. Eine Art Ilse Bähnert. Sie legt einen fantastischen kurzen Monolog hin, wenn er – also sie – über Tod und Erbe spricht. Das ist immer komödiantisch zugespitzt, aber kippt nie ins Klischee – ist also gut ausbalanciert. Gut gefallen, hat auch Luise Aschenbrenner, die hier die jungen Frauenrollen spielt. Die anderen fünf Schauspieler spielen mit angezogener Handbremse; brachten sich nicht richtig ein, wobei ich das als Problem der Regie festmachen will, die hier versagt.

Friedricke Heller ist – passenderweise – 1974 in Westberlin geboren, also genau in dem Jahr, in dem die Romanhandlung einsetzt. Anders gesagt: Sie ist 12 Jahre jünger als Peter Holtz. Sie kann mit dem ganzen Stoff, der im Roman verhandelt wird, zu wenig anfangen. Es reicht nur für die schon tausendfach erzählten Klischeebilder über DDR, über die Stasi, über Junge Gemeinde und Helmut Kohl in Dresden und so weiter. Es ist auch eine Inszenierung, die sich allzu oft und immer mehr nur am Text entlanghangelt: Auftritt von rechts, links, von hinten oder auch mehrfach aus dem Publikum. Wie originell! Dann wird Text abgelassen. Dann Exit. Auftritt. Nächste Szene. Der Rhythmus ist ein Hamsterrad. Dazu passt, dass sich Peter Holtz nur noch in den Geldkugeln herumwälzen darf, sich die Kugeln in die Hose stopft und dann jammert, dass er fett wird. Das Spiel der Figuren ist zunehmend ideenlos und langweilig – Ausnahme: die Schauspieler machen selbst was draus.

Ein braves und uninspiriertes Theater

Aber Theater ist eben kein Vorleseabend. Als Ingo Schulze auf die Bühne kam – so vorsichtig tastend, den Blick nach unten, um nicht auf den Kugeln auszurutschen – da gab es plötzlich ein starkes Bild. Es brauchte hier keinen Text. Die Aussage war im Körper des Akteurs zu sehen. Auch die Haltung dazu. Es gab mehrere Momente, wo sich die Romanfiguren, Olga, Lilly, Holger, genauso tastend und ohne Worte auf den reich gewordenen Peter Holtz hätten zubewegen können. Sie hätten so auch unterschiedliche Haltungen zeigen können, was im voreiligen Parlando auf der Strecke bleiben musste. Unterm Strich war das dann ein braves, uninspiriertes Germanisten- und Dramaturgen-Theater. Ein Theater, das mit Schauspielern und ihren Körpern nichts anzufangen weiß. Sie zu reinen Textaufsagemaschinen degradiert.

Inszenierung von "Peter Holtz" am Staatsschauspiel Dresden.
Während des Stücks wird Musik live eingespielt. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Angaben zum Stück "Peter Holtz" von Ingo Schulze

in einer Spielfassung von Friederike Heller

Weitere Termine:
15. Februar: 19:30 Uhr
10. März: 19:30 Uhr
15. März: 19 Uhr
30. April: 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Februar 2020 | 13:15 Uhr

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