Gespräch über Theateröffnungen Peter Theiler: "Den Spielplan den Gegebenheiten anpassen"

Offiziell ist die aktuelle Saison der sächsischen Theater und Orchester längst beendet, alle Vorstellungen sind abgesagt. Viele Veranstalter sind mit einem Alternativprogramm ins Internet gezogen, bieten Streams an, Wohnzimmerkonzerte oder frühere Aufzeichnungen. In diese Situation platzte nun vor wenigen Tagen die Nachricht, dass die Häuser wieder öffnen dürfen - unter strengen Auflagen. MDR KULTUR-Musikkritiker Michael Ernst hat mit Peter Theiler, dem Intendanten der Semperoper Dresden gesprochen.

Peter Theiler
Peter Theiler, Intendant der Dresdner Semperoper Bildrechte: Semperoper Dresden/Matthias Creutziger
Blick zum abendlich erleuchteten Gewandhaus Leipzig 2012 5 min
Bildrechte: MDR/Marco Prosch
Blick zum abendlich erleuchteten Gewandhaus Leipzig 2012 5 min
Bildrechte: MDR/Marco Prosch

MDR KULTUR: Erst zu, jetzt plötzlich wieder auf – ist das für die Theater eine verwirrende Situation?

Peter Theiler: Ja das klingt zwar paradox, aber ist es eigentlich gar nicht. Wir müssen ja davon ausgehen, dass das öffentliche Leben sich irgendwann mal peu à peu normalisieren soll. Genauso wie man aus Sicherheitsgründen das Leben runterfährt, was ja auch richtig ist, muss es auch wieder gelockert werden. Diese Lockerungen sind einhergegangen mit vielen Beratungen von politischer Seite. Sie sind dann in einer Runde der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten gemündet und dort dann in die Länderkabinette getragen worden, wo Entscheidungen getroffen wurden, dass eine Allgemeinverfügung mit Hygieneauflagen umgesetzt wird, die im Grunde genommen das öffentliche Leben jetzt begleiten soll. Das betrifft ja das ganze Leben, die Gastronomie, Kultureinrichtungen, Museen, die Hoteliers. Dass das alles wieder in die Gänge kommt. Das ist im Moment der Zustand und wir sind damit befasst, damit umzugehen.

Wie ist die Stimmung an den Musiktheatern ohne Musik?

Wir haben hier über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Sächsischen Staatstheatern und in der Oper, große Kollektive und natürlich sehr viele künstlerisch arbeitende Menschen, die alle Visionen haben, die alle natürlich Projekte für sich realisiert sehen möchten, die sich eingebunden sehen möchten in Inszenierungen, in Vorgänge, in Konzerte, in Ballettaufführungen, um ihr eigenes Persönlichkeitsprofil voranzubringen. Das ist natürlich auch für die persönliche Entwicklung einer Künstlernatur sehr wichtig, und da ist einfach ein Schnitt. Das sind Einbrüche auch im persönlichen Selbstverständnis unserer Künstlerinnen und Künstler. Und ich glaube, das ist kaum zu unterschätzen. Theater ist ja eine Zeitkunst. Und wenn ich jetzt einfach sage, wir schieben das um zwei Jahre auf, dann ist das natürlich bedauernswert, weil das Konzept genau jetzt zu diesem Zeitpunkt passen würde.

Haben die ausgefallenen Neuproduktionen im nächsten Spielplan einen Platz?

Wir konnten jetzt schon die "Butterfly" nicht rausbringen, die werden wir nachholen. Die wird aber auch auf einer Position nachgeholt, gleich zu Beginn der kommenden Spielzeit, wo wir ursprünglich mal den "Wilhelm Tell" von Rossini geplant hatten. Der wird dann wiederum um ein weiteres Jahr verschoben. Also Sie sehen, das ist wie eine riesige Bugwelle, die man vor sich herschiebt, das ist natürlich eine Frage der Verdrängung. Da hängen Dutzende Verträge, Hunderte von Verträgen auch dran, an diesen Verschiebungen. Die müssen alle genau geklärt und nach vorne blickend auch neu abgeschlossen oder korrigiert werden.

Wir bringen den "Don Carlo", der jetzt Ende Mai nicht kommen kann, ebenfalls in der nächsten Spielzeit heraus. Wir erarbeiten momentan einen Plan, wo wir ursprünglich mal eine Wiederaufnahme geplant haben. Dann hatten wir noch eine Uraufführung in petto: "Die andere Frau" von Torsten Rasch, das wäre die erste Uraufführung meiner Intendanz gewesen, die wird ebenfalls in der nächsten Spielzeit untergebracht.

Dann kommt ein großer Ballettabend, den wir noch bringen wollten: "Die vier letzten Lieder", das wär jetzt natürlich ein wunderbares Projekt gewesen. Das ist auch ein Lieblingsprojekt von Aaron Watkin, weil die Strauss-Lieder jetzt frei sind. Also das schiebt sich alles vor sich her.

Saal der Dresdner Semperoper
Seit März mussten die Sitze in der Semperoper leer bleiben. Bildrechte: IMAGO

Angesichts der Gegebenheiten können Sie jetzt eigentlich maximal nur einen prophylaktischen Notfallplan erarbeiten?

Erst mal muss dieses Hygienekonzept erstellt werden, da sind wir jetzt dran, eine gemeinsame Arbeit des Staatsschauspiels und der Staatsoper. Das wird alles sehr sorgfältig erarbeitet, da wird alles geprüft: Wie kommt Publikum ins Haus, wie werden die Menschen kanalisiert, die Besucherinnen und Besucher, wo sind neuralgische Punkte, beispielsweise Toiletten, Garderoben, wo trifft man sich, wo geht man aneinander vorbei, welche Abstandsregelungen sind einzuhalten. Danach richtet sich überhaupt erst mal die Zahl der Zuschauenden, die ins Theater gelassen werden können. Das muss alles verschriftlicht werden in einem Konzept, genauso wie auch der Umgang mit den Darstellenden auf der Bühne und im Orchestergraben. Wie sind die unterzubringen, welche Kollektive kann man in welcher Größe einbinden etc.? Das dauert alles seine Zeit. Und dann wird das eingereicht beim Gesundheitsamt der Stadt Dresden, und sobald diese Regelung freigegeben ist, werden wir das in die Tat umsetzen.

Ich spreche überhaupt nicht von Notfallplan, sondern ich spreche von einem Spielplan, den wir den Gegebenheiten anpassen. Wir sind kein Notfall, sondern wir sind ein wunderbar funktionierendes Opernhaus mit mehreren Kollektiven, das permanent bereit ist zu spielen, wir können es einfach situationsbedingt nicht, aber wir werden aus der Sache das Beste machen und werden entsprechend auch uns vor dem Publikum zeigen.

Aber ob das noch vor der Sommerpause oder im September möglich sein wird, wissen wir nicht. Ist das nicht ein Vabanque-Spiel?

Das können wir alle nicht wissen, was im September sein wird, aber wir müssen ja trotzdem was tun. Ich bin immer fürs Tun und nicht fürs Abwarten. Für mich ist das kein Vabanque-Spiel. Wir planen ja permanent neu und haben auch in den letzten Wochen unsere Situation immer wieder angepasst. Wir waren auch froh, dass die Schließung kam bis Ende der Spielzeit, weil natürlich es sehr schwierig war, immer nur in zehn, 14 Tagesabschnitten zu denken und zu planen. Jetzt hatten wir Klarheit, das ist auch richtig so. Das gibt uns jetzt die Möglichkeit zu planen, aber ich kann auch nicht in die Glaskugel schauen. Man kann jetzt nicht davon ausgehen, dass alle Theater europaweit, weltweit genauso spielen wie vor dieser Corona-Krise.

Seit Beginn dieser Krise hat sich jede Menge Kunst ins Internet verlagert, überwiegend kostenlos. Was halten Sie von diesen Alternativen, ist das nicht auch eine Entwertung der Kunst?

Also ich find es sehr wichtig, dass man sich beteiligt und dass man Konzepte entwickelt und alternative Formen auch zeigt. Ich finde die Tatsache auch gut, dass man die neuen Medien entsprechend heranzieht, das haben wir ja auch gemacht. Es ist natürlich auch nicht der befriedigende Teil einer künstlerischen Äußerung, denn wir arbeiten ja nicht für die Flimmerkiste, sondern wir arbeiten dafür, dass man uns live erlebt. Theater ist ein unmittelbares Erlebnis, ein Live-Erlebnis, und keins aus der Konserve. Also insofern ist es eine Möglichkeit, sich in so einer Situation zu präsentieren, aber es ist nicht die Lösung, die glücksverheißend sein kann. Man bekommt ja einen Quadratschädel, wenn man das alles anschauen will. Das kann es ja nicht sein, dass wir plötzlich das Kulturleben in den Fernseher verlegen oder in den Computer. Und das Großartige an so einer Theater- oder Opernaufführung ist, dass gleichzeitig Hunderte von Menschen daran beteiligt sind, und dass man das auch spürt.

Michael Ernst sprach mit Peter Theiler, Intendant der Dresdner Semperoper.

Die Lage der Theater in der Pandemie

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Mai 2020 | 17:10 Uhr