Petruschka
Das Bühnenbild erinnert an Kandisky-Gemälde Bildrechte: Carola Hölting,Landestheater Eisenach

Petruschka & Boléro am Theater Eisenach Ballett-Zeitreise in den Geist vor 100 Jahren

Vor etwa einem Jahrhundert entstanden die Stücke "Petruschka" von Igor Strawinski und "Boléro" von Maurice Ravel. Die Ballett-Inszenierung von Andris Plucis in Eisenach versucht gekonnt, diesen Zeitgeist einzufangen. Das Publikum zeigt sich begeistert und auch unsere Kritikerin lobt unter anderem das großartige Lichtdesign.

von Blanka Weber, MDR KULTUR-Kritikerin

Petruschka
Das Bühnenbild erinnert an Kandisky-Gemälde Bildrechte: Carola Hölting,Landestheater Eisenach

Am Theater Eisenach hatte am Wochenende ein Ballettabend Premiere: "Petruschka" von Igor Strawinski (1911) und "Boléro" von Maurice Ravel (1928) waren musikalisch der Rahmen für die Bilder und die Tanzchoreografie des Abends. Zwei sehr unterschiedliche Stücke mit großartiger tänzerischer Leistung, für die der Choreograf Andris Plucis optisch eine Menge Anregung im französischen Varieté und Cabaret der 20er-Jahre sammelte und eine faszinierende Bühnensprache für seine Tänzer schuf.

Viel Applaus

Am Ende war es ein umjubelter Abend, großer Applaus für Plucis und sein Team. Er, der früher bei William Forsythe tanzte, leitet seit zehn Jahren das Ballett in Eisenach aus 16 internationalen Tänzerinnen und Tänzern. Die Hauptrolle der Petruschka tanzt Karin Honda. Als Ballerina bewegt sie sich ausdrucksstark, mal schemenhaft, mal sinnlich, akkurat und mit Grazie.

Ich mag diese Rolle sehr. Man kann zwar nicht zählen bei der Musik, man muss sehr gut zuhören. Das ist schon manchmal etwas schwer.

Karin Honda, Tänzerin der Petruschka

Am Pult steht Markus Huber, Chefdirigent der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach. Über seine Zusammenarbeit mit den Tänzern sagt er: "Mir ist erst mal wichtig als Ballett-Dirigent, […] dass sich die Tänzer von mir getragen fühlen. Ich versuche, ihnen einen Teppich auszurollen, auf dem sie sich nicht schwerfällig fühlen, sondern leicht fühlen und leichtfüßig bewegen. Man kann da sehr viel falsch machen als Dirigent, man kann zu schnell sein, zu langsam."

Petruschka
Karin Honda (vorne links) tanzt die Petruschka Bildrechte: Carola Hölting,Landestheater Eisenach

Kandinsky-inspiriertes Bühnenbild

Das Bühnenbild ist ein Gemälde, als hätte es Kandinsky geschaffen: klare Linien, kantige und abstrakte Formen, in Farben getunkt, mal grün, mal rötlich schimmernd. Davor tanzen die 16 Tänzerinnen und Tänzer in rot-weißen Kostümen mit weiß geschminkten Gesichtern. Zirkus und die Welt des Varietés lassen grüßen.

Das Kantige und Scherenhafte greift Plucis in der Choreografie auf und kombiniert die klaren Linien mit fließender Bewegung:

Das ist extrem kontrastreich. Auch die Musik, ein Thema jagt das andere. Und manchmal ist es nicht mehr als ein Instrument, das sofort eine Stimmung schafft. Und dieses Durchsichtige, das ist eigentlich die Form, die wir bei Petruschka haben.

Andris Plucis, Chefchoreograf

Inszeniert wird in Formensprache und Geist dieser Zeit um 1911. Chefchoreograf Plucis fragt sich, was die Menschen damals bewegt hat. Er will den Menschen, der sich und seine Gefühlswelt hinterfragt, in den Mittelpunkt stellen. Dabei entstehen auf der Bühne magische Räume durch Lichtarme, die aus der Decke wachsen, verschoben, verdreht und wieder nach oben gezogen werden.

Petruschka
Petruschka tanzt in einer geometrischen Konstruktion Bildrechte: Carola Hölting,Landestheater Eisenach

Es ist eine Aufführung mit großartigem Lichtdesign und Tänzern, die als Akteure im zweiten Teil des Abends symbolisch eine rote Wand wie einen Uhrzeiger mitten durch den in schwarz getunkten Raum drehen.

Der ganze Ballettabend - vom Anfang bis Ende - hat immer auch mit Kreisbewegungen zu tun. Es hat eine große Mauer, eine Wand, die diese Kreisbewegungen mit vollziehen. Und auch da kommt immer wieder der Moment: Was sieht man und was sieht man nicht?

Andris Plucis, Chefchoreograf

Auch beim Boléro tanzt die junge Japanerin Karin Honda, diesmal im schwarzen Kostüm aus kurzem Tüllrock und Mieder. Ein Hauch verruchtes Varieté, unter gleißendem Scheinwerferlicht. Manchmal kühl und manchmal hitzig ist die Atmosphäre zwischen Ravels Musik und kraftvoll-energischem Tanz.

Petruschka
Die Choreografie beider Stücke stammt von Andris Plucis Bildrechte: Carola Hölting,Landestheater Eisenach

Der Abend sei ein Kraftakt, sagt Honda, aber eben auch eine gute Erfahrung. Für sie ist es die dritte Saison in Eisenach und sie genießt die Arbeitsbedingungen, die mit denen in ihrem Heimatland Japan nicht zu vergleichen sind.

Oh ja, es ist wichtig für mich hier zu sein. In Japan ist es hart, in einer Compagnie zu arbeiten. Es gibt quasi keine staatliche Unterstützung, wenn Du das als Beruf machen möchtest. Da brauchst Du einen anderen Job als Basis.

Karin Honda, Tänzerin

Die Aufführung Petruschka / Boléro
Ballettabend von Andris Plucis mit der Musik von Strawinsky und Ravel

Choreografie: Andris Plucis
Musikalische Leitung: Markus Huber
Bühne: Dirk Seesemann
Kostüme: Danielle Jost

Musik: Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach

Nächste Vorstellungen:
19. Oktober 2019
8., 16., 28. November
8., 26. Dezember 2019

Das könnte Sie auch interessieren

MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Oktober 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 14:39 Uhr

Abonnieren