"Mein letztes Selfie - Behinderte Cartoons" Darf der das? Ein Comic-Zeichner und seine Behinderten-Witze

Wann haben Sie das letzte Mal einen Witz über Behinderte gemacht? Oder: Wann haben Sie das letzte Mal über einen Behinderten-Witz gelacht? Darf man das überhaupt? Ja! Solange der Witz gut ist und das Ganze dazu beiträgt, dass Behinderte und Nicht-Betroffene unverkrampfter miteinander umgehen. Einer, der das schafft, wie kaum ein anderer in Deutschland ist der Comiczeichner Phil Hubbe. Gerade erschien sein sechster Comic-Band mit "behinderten Cartoons".

Porträt Phil Hubbe
Bildrechte: Carlsen Verlag

Zeichnen – soviel ist klar – wollte Phil Hubbe eigentlich schon immer. Er wurde 1966 in Haldensleben geboren und lebt seit 1988 in Magdeburg. Er studierte für eine kurze Zeit Mathematik, er hat auch einen Abschluss als Wirtschaftskaufmann, doch seit seiner Kindheit träumte er davon, Comics zu zeichnen.  Am liebsten die Digedags.

Ich habe damals zu Wendezeiten bei Atze, das ja in dem gleichen Verlag erschien, eine Bildgeschichte über Otto von Guericke gezeichnet. Das war so die erste richtig größere Sache, die veröffentlicht wurde von mir. Ich hatte zu denen Kontakt und wollte dort auch anfangen, weil da die beste Möglichkeit war, sich mit Comics zu beschäftigen.

Phil Hubbe

Doch dann kam die Wende – und damit zwei wesentliche Veränderungen: Zum einen wurde der Markt für Zeichner größer. Zum anderen wurde 1988 bei Phil Hubbe Multiple Sklerose diagnostiziert. Der Verlauf dieser Nervenkrankheit ist nur schwer einschätzbar. Die 'Krankheit mit den 1000 Gesichtern' wird sie genannt.

Bei Phil Hubbe zeigt sich ihr Gesicht "weitgehend freundlich": Zwar sind Sport und körperliche Anstrengungen für ihn tabu, aber solange er die Möglichkeit hat, seine Zeit selbst einzuteilen um Pausen zu machen, kann er problemlos zeichnen. Beispielsweise über Behinderungen und Einschränkungen im Bewegungsablauf, die durch die Autoimmunkrankheit entstehen können.

Reinschauen Mein letztes Selfie - Comics

Sie gehen unter die Gürtellinie und doch beleidigen sie nicht. Die Comics von Phil Hubbe bringen Vorurteile und Missverständnisse auf den Punkt.

Bild aus "Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
Bild aus "Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
Bild aus "Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
Bild aus "Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
Mein letztes Selfie - Behinderte Comics
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
"Mein letztes Selfie - Behinderte Comics"
Bildrechte: Phil Hubbe/Carlsen Verlag
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Es hat eine Weile gedauert, bis ich das gemacht habe. Es gab einen Amerikaner, John Callahan, der hatte Behindertencartoons im "New Yorker" veröffentlicht, da gab es damals böse Leserbriefe und die Leute wussten aber nicht, dass der Zeichner selbst bloß noch die Hände bewegen konnte und sonst im Bett lag oder im Rollstuhl saß. Das fand ich klasse und da haben Freunde und Kollegen gesagt, das könntest Du doch auch machen und wenn Dir einer was will, könntest Du sagen, Du bist auch betroffen.

Phil Hubbe

Seine Betroffenheit mag Phil Hubbe eine Art Freifahrtschein geben, über Behinderte Cartoons zu zeichnen – doch vor allem hat er dadurch Fach- und Insiderwissen, das er so intelligent einsetzt, dass er vor allem den Menschen ohne Behinderung einen Spiegel vorhält: Etwa, wie verkrampft, unwissend und zum Teil auch respektlos sie gegenüber Behinderten auftreten. Das Titelbild seines neuen Buches zeigt einen Mann, der seine Arme verloren hat. Er sitzt vor seinem Computer und betrachtet zusammen mit einer Freundin ein Urlaubsfoto. Darauf zu sehen: Er selbst im Meer glücklich in die Kamera winkend. Hinter ihm taucht ein Hai auf. Titel des Bildes: "Mein letztes Selfie". Eigentlich ist das nicht lustig. Und genau deshalb erst recht.

Als ich angefangen habe, war auch der Punkt: Naja, Witze über Behinderte, muss man da vielleicht irgendwas reinbringen, irgendwas Pädagogisches? Das funktioniert nicht. Den Zeigefinger da rein, das ist völliger Quatsch. Wenn man zeichnen will, muss erst der Witz funktionieren und bei einigen, die regen dann auch zum Nachdenken an. Und deshalb freue ich mich zu sehen, wenn in Ausstellungen Betroffene und Nicht-Betroffene dann zusammenstehen. Also erst dieses Verkrampfte und dann nachher sind sie ganz locker.

Phil Hubbe

Egal ob Blinde, Rollstuhlfahrer, Depressive, Magersüchtige, Gehörlose oder unaufmerksame Mitmenschen – Phil Hubbe nimmt sie alle auf’s Korn. Nur bei Krankheiten, die untrennbar mit dem Tod verbunden sind, ist bei ihm Schluss mit lustig. Ansonsten thematisiert er so ziemlich alle Vorurteile, Lebensumstände, Alltagssituationen, die Behinderte so erleben, etwa, wenn Menschen Angst haben, etwas Falsches zu sagen:

Manchmal ist das Falsche sagen vielleicht besser als gar nichts zu sagen. Das ist eine Frage, die mir oft gestellt wird, wie soll man mit Behinderten umgehen? Da gibt’s keine goldene Regel – das einfachste ist, erstmal zu versuchen, ihn als normalen Menschen zu behandeln. Was mich stört und was man auch manchmal erleben kann, wenn Rollstuhlfahrer in der Öffentlichkeit sind und sie werden geschoben, wird meistens angesprochen, der den Rollstuhl schiebt, nicht der, der im Rollstuhl sitzt. Und diese Verkindlichungen: Ach Du Ärmster, wie geht es Dir denn? Einfach akzeptieren als erwachsene Menschen – das wäre der erste Schritt!

Mit seinen Cartoons trägt Phil Hubbe unendlich dazu bei. Seine Zeichnungen wurden mehrfach ausgezeichnet, Behindertenverbände arbeiten gern und oft mit ihm zusammen. Nebenbei zeichnet er zudem regelmäßig Fußballcartoons, die etwa im "Kicker" zu sehen sind oder Karikaturen für die Presse. Ganz schön viel Wirkung, für einen Mann, der einfach nur gute Cartoons zeichnen wollte. Und der nur über eine einzige Sache nicht lachen kann: einen schlechten Witz.

Ausstellungs- und Buchtipp Ausstellung
Phil Hubbe "Mit Behinderungen ist zu rechnen"
Galerie im Malzhaus in Plauen
ab 9. August 2016

Comic-Band
"Mein letztes Selfie - Behinderte Cartoons"
Lappan Verlag
Größe 20,00 x 23,00 cm
80 Seiten
D: 9,99 €
ISBN 978-3-830-33434-7

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