Philip Banse
Der Medienjournalist Philip Banse Bildrechte: imago/ecomedia/robert fishman

Gespräch mit Medienjournalist Philip Banse Twitter: Wenn der Algorithmus Politik macht

Wer den Kurznachrichtendienst Twitter nutzt, ist abhängig von einem privaten Anbieter, nämlich Twitter. Und Twitter hat in den letzten Tagen reihenweise eigentlich unverdächtige Accounts gesperrt wegen angeblich irreführender Information zu Wahlen. Das betraf mehrere SPD-Politiker, Grüne und auch die Jüdische Allgemeine. Das verwundert, weil der Dienst oft rechtsextreme Accounts unangetastet lässt. Was ist da los? Medienjournalist Philip Banse erklärt, wie Sperrregeln funktionieren und welche Verantwortung Plattformen für Soziale Netzwerke haben.

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Philip Banse 7 min
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In den letzten Tagen sperrte Twitter mehrere unverdächtige Accounts, z. B. den von der Jüdischen Allgemeine. Grund: angeblich irreführende Information zur Wahl. Medienjournalist Philip Banse erklärt, was da los ist.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 15.05.2019 07:10Uhr 06:37 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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In den letzten Tagen sperrte Twitter mehrere unverdächtige Accounts, z. B. den von der Jüdischen Allgemeine. Grund: angeblich irreführende Information zur Wahl. Medienjournalist Philip Banse erklärt, was da los ist.

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MDR KULTUR: Sind die Sperrregeln von Twitter eigentlich transparent?

Philip Banse: Muss man schon sagen, ja. Also es gibt ganz verschiedene Kriterien, nach denen Twitter (und auch andere soziale Netzwerke) seine Inhalte moderiert und reguliert. Da gibt es einerseits natürlich strafrechtlich relevante Kriterien, aber es gibt eben auch diese sogenannten community guidelines, also Verhaltensregeln, die Twitter sich selber für sein Netzwerk gegeben hat, und an die sich alle Nutzer und Nutzerinnen dieses Netzwerks gebunden fühlen sollen. Und innerhalb dieser Richtlinien, die öffentlich sind, hat Twitter (und auch andere soziale Netzwerke) im letzten Monat noch Extra-Richtlinien veröffentlicht und aktiv geschaltet. Diese waren von der EU-Kommission gefordert worden und beziehen sich auf die Wahlen. Da geht es darum, dass Twitter fordert, dass Nutzer keine irreführenden Informationen oder falsche Informationen über Wahlen, über Orte von Wahlen, über das Procedere von Wahlen veröffentlichen. Und insofern muss man sagen: Das kann man nachlesen, das ist transparent.

Aber wie objektiv ist das? Irreführende Informationen - das kann ja auch schon mal ein ironischer Kommentar sein oder Satire.

Absolut. Das ist das Kernproblem dieser Regeln: Sie sind zwar nachlesbar und auch relativ verständlich, aber wie sie dann angewendet werden, das ist die große Frage. Also der Klassiker ist ein Witz, der durch Twitter ging, und der lautet sinngemäß: "Dringende Wahlempfehlung an alle AfD-Wähler - unbedingt den Wahlzettel unterschreiben (Zwinkersmiley)". Bedeutet: Wenn man seinen Wahlzettel unterschreibt, ist der ungültig. Streng genommen widerspricht das diesen eben geschilderten Richtlinien, weil das natürlich eine irreführende Information ist. Auf der anderen Seite ist allen klar, die das lesen: Das ist ein Witz. Und genau das macht dieses Dilemma so schwierig. Man hat Regeln, aber sie anzuwenden ist im Einzelfall unglaublich schwer. Und Maschinen können das schon mal gerade gar nicht, und Menschen braucht man dafür sehr viele, sehr gut ausgebildete. Und davon gibt es offensichtlich zu wenige.

Es stecken offenbar doch eher Algorithmen, vielleicht künstliche Intelligenz dahinter, als reale Personen, die über bestimmte Twitter-Sperren entscheiden?

Wir wissen es nicht genau. Wir wissen aus den Transparenz-Berichten, die Twitter Deutschland regelmäßig veröffentlich, dass ungefähr 50 Leute eingestellt wurden in Deutschland, um solche Tweets und Meldungen zu überprüfen. Aber sicherlich spielen auch Computer eine Rolle. Aber um ehrlich zu sein, genau wissen wir es nicht, und das deutet auf ein Problem hin, das alle sozialen Netzwerke haben. Um solche Regeln überprüfen zu können und um gemeldete Posts und Tweets und Nachrichten überprüfen zu können, ob sie mit diesen Regeln konform gehen, braucht es Menschen, die letztlich die Entscheidung treffen. Davon, so zumindest hat es den Anschein, gibt es bei Twitter nicht genug, und vor allen Dingen scheinen die nicht ausreichend qualifiziert zu sein, um solche diffizilen Entscheidungen treffen zu können.

Welche Konsequenzen sollte die Öffentlichkeit, vielleicht auch die Politik, aus dieser Art von dann doch nicht so transparenten Sperrungen ziehen?

Kurzfristig muss man fordern, dass da nicht komplette Zugänge gesperrt werden, so dass die betroffenen Accounts gar nichts mehr posten können, sondern allenfalls sollte der betreffende beanstandete Tweet, die beanstandete Meldung, unleserlich geschaltet werden. Generell glaube ich, geht es aber um ein viel größeres Problem. Wir stehen vor dem Dilemma, dass wir einerseits von diesen Plattformen fordern, so wie das die EU-Kommission jetzt mit Bezug auf Wahlen getan hat: Liebe Plattformen, ihr müsst die Inhalte, die bei euch veröffentlicht werden, strenger kontrollieren. Es kann nicht sein, dass Hassbotschaften, Fremdenfeindlichkeit, Wahlmanipulation, wie wir sie in den USA gesehen haben, bei euch stattfinden, und niemand will dafür verantwortlich sein. Klingt erstmal gut, das Problem ist nur, dass wir gleichzeitig beklagen, dass diese Plattformen immer mehr Macht bekommen. Und in dem Maß, wie wir fordern, dass diese Plattformen mehr Kontrolle ausüben müssen auf die Texte und die Inhalte, die bei ihnen veröffentlicht werden, umso mehr Macht bekommen sie aber. Da sind diese Twitter-Sperrungen ein sehr gutes Beispiel dafür. Ich würde sagen, die gesellschaftliche Forderung muss sein, dass die Plattformen Verantwortung übernehmen, aber dass sie ganz klar machen, transparent, nachprüfbar dafür sorgen, dass sie eine gute, leistungsfähige Infrastruktur dahinter haben, die rechenschaftspflichtig ist, die gesetzlichen Regeln gehorcht, und die dann auch nachprüfbar diese Entscheidung trifft, damit solche Fehler nicht mehr passieren.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderator Vladimir Balzer.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Mai 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2019, 07:10 Uhr

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