Buchvorstellung Pierre Lemaitre liest sich ebenso fesselnd wie Balzac oder Zola

Mit "Spiegel unseres Schmerzes" schließt der französische Schriftsteller Pierre Lemaitre jetzt seine Bestseller-Romantrilogie "Die Kinder der Katastrophe" ab. Es geht in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der Autor blickt jedoch nicht nur zurück, sondern zeigt, wie sich damalige Fake News bis heute auswirken.

Pierre Lemaitre, 2017
Pierre Lemaitre, geboren am 19. April 1951 in Paris Bildrechte: imago images / Agencia EFE

Mit "Spiegel unseres Schmerzes" schließt der französische Schriftsteller Pierre Lemaitre seine Romantrilogie "Die Kinder der Katastrophe" ab. Schon für deren ersten Teil wurde er mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Alle drei Bände standen in Frankreich wochenlang auf den Bestsellerlisten. Kein Wunder, denn Lemaitre, der zuvor Kriminalromane geschrieben hat, versteht es, große historische Panoramen mit Leichtigkeit und Ironie zu entwerfen.

Finale im Zweiten Weltkrieg

Im ersten Band der Trilogie "Wir sehen uns dort oben" ging es um den Ersten Weltkrieg, im Folgeband erzählte Lemaitre von den 20er-Jahren, der drohenden Wirtschaftskrise, die ein Bankenimperium in den Ruin stürzt. Mit "Spiegel unseres Schmerzes" ist Lemaitre nun im Zweiten Weltkrieg angekommen. Das Buch beginnt im April 1940: Frankreich und England haben dem Deutschen Reich zwar schon den Krieg erklärt, aber es passiert nichts. In einer monumentalen Bunkeranlage an der Maginotlinie belauern sich die Truppen gegenseitig.

In Paris geht derweil der Alltag weiter, zum Beispiel im Bistro von Monsieur Jules, bei dem die Lehrerein Louise an den Wochenenden kellnert. Doch auf einmal überschlagen sich die Ereignisse – im privaten wie im politischen Sinn.

Deutsche Truppen 1940 auf dem Champs Elysees in Paris
Deutsche Truppen 1940 auf dem Champs Elysees in Paris Bildrechte: IMAGO

Differenziert und amüsant erzählt Lemaitre von der kopflosen Flucht der Franzosen im Frühjahr 1940, als die deutsche Wehrmacht einmarschierte. Er zeigt sowohl, wie miserabel die französische Armee auf diesen Krieg vorbereitet war, aber auch die Tapferkeit Einzelner wie zwei seiner Hauptfiguren, die Soldaten Raoul und Gabriel, die versuchen, obwohl sie sich in einer aussichtslosen Lage befinden, noch das Beste daraus zu machen.

Folgenreiche Wahrheitsleugnung

In Frankreich wird der schnelle Zusammenbruch der Verteidigung "drôle de guerre", der "ulkige Krieg" genannt, hatte doch die Staatsführung zuletzt die drohende Niederlage geleugnet. Manche Zeitungen schrieben noch drei Tage, bevor die Deutschen das Land unter ihre Kontrolle brachten, wie hervorragend alles läuft.

Pierre Lemaitre,Spiegel unseres Schmerzes, buch,cover
Das Cover der deutschen Ausgabe des Buches "Spiegel unseres Schmerzes" von Pierre Lemaitre Bildrechte: Klett-Cotta

Nicht zuletzt um diese Selbsttäuschung der Franzosen, die heiß laufende Propagandamaschinerie, geht es in "Spiegel unseres Schmerzes" und Lemaitre veranschaulicht sie in einer schillernden Figur: Désiré Migault, ein sympathisch-schlauer Hochstapler, der noch von großartigen militärischen Erfolgen fabuliert, als die deutschen Truppen bereits kurz vor Paris standen. Eine Frühform von Fake News, denn eigentlich macht es einer wie Donald Trump heute genau so.

Und tatsächlich, sagt der Autor, habe er seine Romantrilogie über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auch deshalb geschrieben, weil er überzeugt ist, dass in dieser Zeit die Wurzeln der heutigen politischen Misere Frankreichs liegen: Damals, als die Leute gemerkt hätten, wie sehr man sie belogen hat, haben die Franzosen angefangen, ihren Regierungen und den Eliten zu misstrauen, worin Lemaitre eine der Ursachen für den Populismus in Frankreich sieht.

Großartiger Erzähler

Vor allem anderen ist "Spiegel unseres Schmerzes" aber ein großes, ausgesprochen unterhaltsames Stück Literatur. Der einstige Kriminalschriftsteller Pierre Lemaitre hat es raus, Spannungsbögen zu schaffen, Erzählstränge dramaturgisch geschickt miteinander zu verknüpfen und vor allem gelingen ihm immer wieder Figuren, die einem in ihrer Ambivalenz und Schrulligkeit sofort ans Herz wachsen.

Pierre Lemaitre, 2016
Pierre Lemaitre Bildrechte: dpa

In ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit, aber auch wegen ihrer traditionellen Erzählsprache, wirken die drei Teile dieses Zyklus wie ein modernes Echo auf die großen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts und Lemaitre liest sich ebenso fesselnd wie ein Band Balzac oder Zola. Anders als in Frankreich haben die deutschen Leser diesen großartigen Autor noch nicht so richtig entdeckt – aber es wäre ihm unbedingt zu wünschen, dass er auch hier viele Leser findet!

Angaben zum Buch Pierre Lemaitre: "Spiegel unseres Schmerzes"
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel (Orig.: "Miroir de nos peines")
480 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-98361-6
Klett-Cotta

Bücher zum Zweiten Weltkrieg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Oktober 2020 | 08:40 Uhr