Vor 75 Jahren erschienen Warum alle Mädchen ein bisschen wie Pippi Langstrumpf sein müssen

1945 erblickte "Pippi Langstrumpf" das Licht der Welt – als Buch. Ein paar Jahre zuvor hatte Astrid Lindgren sich die Geschichten um Pippi ausgedacht und ihrer Tochter Karin erzählt, die krank im Bett lag. Nachdem Lindgren die Geschichten um Pippi dann aufgeschrieben hatte, waren sich Verlage anfangs nicht sicher – doch dann wurde das Mädchen, das gegen Autorität immun ist, auf der ganzen Welt berühmt. Unsere Autorin Anneke Selle erinnert sich an ihr kindliches Zusammentreffen mit Pippi.

Pippi Langstrumpf
Pippi Langstrumpfs Art Spaghetti zu essen mögen manche Eltern vielleicht nicht - egal! Bildrechte: IMAGO/United Archives

Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, die mit den zwei roten geflochtenen Zöpfen und Sommersprossen und die mit dem Pferd und dem Äffchen in der Villa Kunterbunt lebt. Das Mädchen, von dem es jedes Jahr zum Fasching mindestens zwei Kopien in meiner Klasse gab. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mich damals heimlich eher mit den Nachbarskindern identifiziert, mit Tommi und Annika. Diese sind eher vorsichtig und ruhig, gut erzogen und schauen Pippi immer fasziniert bei ihrem Blödsinn zu. Sie holen sich ihre tägliche Dosis Freiheit und Verrücktheit ab, sind dann aber am Ende des Tages zu Hause bei Mama und Papa, zwar berauscht von all dem Spaß aber in ihrer ruhigen Blase zu Hause dann doch sehr zufrieden.

Reiches Mädchen ohne Verpflichtung

Monika Osberghaus 10 min
Bildrechte: Susen Heyder, Lichtbildnerei Leipzig

Pippi lebt mit ihrem Koffer voll Gold ohne jede Verpflichtung in der Villa Kunterbunt in einem Dauerzustand aus Freiheit. Sie hat keine Regeln, die ihr auferlegt werden, macht einfach genau das, worauf sie gerade Lust hat. Das Gerede anderer Leute interessiert sie nicht. Dass sie in ein Kinderheim soll, kommt für sie überhaupt nicht in Frage: Sie bekommt das doch super hin, auch ohne die Hilfe von Erwachsenen, die sowieso alles besser wissen wollen. Schließlich, und das ist fast das Allerwichtigste, ist sie im wahrsten Sinne des Wortes das stärkste Mädchen der Welt und kann sehr gut auf sich selbst aufpassen.

Ich erinnere mich genau an eine Szene aus der Verfilmung, in der Pippi ihr Pferd stolz in die Höhe hebt, während dieses, offensichtlich gewöhnt an die Prozedur, nur gelangweilt schaut. Und so wäre ich auch irgendwie gerne gewesen, ein bisschen wilder, ein bisschen stärker. Da gibt es auf einmal unendliche Möglichkeiten, man kann den Erwachsenen auf der Nase herumtanzen – es ist ja auch eigentlich alles egal, wenn man, wie Pippi, erst neun Jahre alt ist.

Anneke Selle
Bildrechte: Anika Dollmeyer

Über die Autorin Anneke Selle ist 23 Jahre alt, wohnt in Dresden und studiert an der Technischen Universität das Fach Werkstoffwissenschaften. Momentan kämpf sie sich durch Online-Vorlesungen und ist dankbar, wenn sie mal eine Runde über Pippi Langstrumpf nachdenken kann.

Das Leben von Pippi hat auch etwas Trauriges

Nichts davon habe ich damals hinterfragt, heute sehe ich das kritischer. Das Leben von Pippi hat auch etwas Trauriges: Ihre Mutter wohnt im Himmel, ihr Vater ist der König von Taka-Tuka-Land, beide sind nicht da. Was auf den ersten Blick wie der Traum eines jeden Kindes wirkt, ist es eigentlich nicht, so ganz allein. Ich würde mich als selbstständig bezeichnen, aber wenn ich auf die Menge an Anrufen mit meinen Eltern pro Woche schaue, sehe ich vor meinem inneren Auge wie meine kleine Schwester die Augen verdreht und verständnislos den Kopf schüttelt – so viel Kontakt ist aus ihrer Sicht komisch.

Pippi Langstrumpf und ihre Freunde
Thomas, Pippi und Annika Bildrechte: imago/United Archives

Speziell in dem Alter von Pippi wurde mir abends immer eine Geschichte vorgelesen und meine Kuscheleinheit habe ich mir sowieso abgeholt. Natürlich gibt es Grenzen, die einem auferlegt werden: nicht so laut, nicht so wild, nicht so schnell, vorsichtig! Aber die würde ich niemals gegen eine solche enorme Selbstständigkeit eintauschen wollen. Jetzt stelle ich mir Pippi vor, wie sie abends allein ins Bett geht, während das große Haus dunkel und leer ist. Sie scheint doch nicht nur körperlich das stärkste Mädchen der Welt zu sein.

Manchmal muss man das stärkste Mädchen der Welt sein

Astrid Lindgren (Schriftstellerin) im März 1988
Astrid Lindgren Bildrechte: imago images / teutopress

Pippi scheint mit all dem keine Probleme zu haben, man sieht sie eigentlich immer lachen, sie hat immer eine Idee, was zu tun ist und kümmert sich nicht um negative Aspekte, die es in ihrem Leben sowieso nicht zu geben scheint. Und das ist dann auch das, was sie ausmacht, diese geballte Positivität – passend dazu mein Lieblingsspruch aus dem Buch: "Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe."

Wahrscheinlich ist es wichtig, nicht immer nur die Annika oder der Tommi zu sein, egal wie alt wir sind. Nicht immer nur zuschauen und gelegentlich mal teilnehmen. Oft genug muss man, vielleicht speziell als Mädchen und Frau, auch einfach Pippi sein und einfach Spaß haben, selbstständig sein, das Leben in vollen Zügen genießen. Manchmal muss man das stärkste Mädchen der Welt sein. Dann macht eben drei Mal drei: sechs, und zwei Mal drei: vier, manchmal muss man sich die Welt so machen, wie sie einem gerade gefällt. Auch wenn so ein Pferd im Wohnzimmer wahrscheinlich erstmal romantischer klingt, als es wirklich ist.

Inger Nilsson in Pippi Langstrumpf mit dem Pferd "Kleiner Onkel" , 1968
Inger Nilsson in "Pippi Langstrumpf" mit dem Pferd "Kleiner Onkel" , 1968 Bildrechte: imago/teutopress

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Mai 2020 | 11:15 Uhr