Theater Plauen-Zwickau Tanz in Isolation: Plauener Ballettensemble reflektiert die Quarantäne-Zeit

Die Theater waren mit als Erste vom Shutdown während der Corona-Krise betroffen: Vorstellungen wurden abgesagt, Premieren verschoben und Proben abgebrochen. Das Ballett-Ensemble des Theaters Plauen-Zwickau hat in den eigenen Wohnungen weitergetanzt. Chefchoreografin Annett Göhre hat dabei mit ihren Tänzerinnen und Tänzern auch über die Ausnahme-Situation nachgedacht. Diese Gedanken präsentiert das Ensemble nun in dem Tanzvideo "Mich eingeschlossen".

Tänzerin bei Probe auf Display
NIcole Stroh bei der Aufnahme von "Mich eingeschlossen" Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

Ballett im Homeoffice

Balletttänzerinnen und Balletttänzer trifft es immer, wenn sie ihrer Leidenschaft – dem Tanzen – nicht nachgehen können. Umso schlimmer muss für sie die Quarantäne im Frühjahr gewesen sein. Am Theater Plauen-Zwickau waren die Mitglieder des Ensembles in ihren Wohnungen so gut wie eingeschlossen, die sie nur verlassen durften, um nötige Besorgungen zu machen. Ansonsten waren sie in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, denn Tanzclubs hatten geschlossen und in den Ballettsaal in Plauen durfte nur die Ballettdirektorin Annett Göhre.

Annett Göhre
Annett Göhre bei einer Online-Tanzprobe Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

Doch weil eben keiner im Ballett-Ensemble auf das Tanzen verzichten wollte, verstellten die Tänzerinnen und Tänzer die Möbel in ihren Wohnungen und trainierten zu Hause weiter. Einige hatten dabei mehr Platz, andere mussten sich genau überlegen, in welche Ecken ihrer Wohnung sie sich strecken konnten. Über Zoom wärmten sie sich dann zusammen auf und die Choreografin Annett Göhre nahm Videos auf, in denen sie einzelne Teile ihrer Choreografie zu Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" vorgetanzt und erklärt hat. Einmal forderte die Ballettdirektorin ihre Tänzerinnen und Tänzer auf, ein Solo zu entwickeln, das ihre momentane Stimmung widerspiegelt.

Mehr als abgefilmtes Ballett

Genau diese zehn Soli bilden die Grundlage der Ballettproduktion. Doch "Mich eingeschlossen" ist mehr als eine abgefilmte Bühnenperformance, sondern wirklich eine Choreografie, die für ein Video entwickelt wurde.

Der Film beginnt leicht kitschig mit Kamerafahrten durch ein helles, aber menschenleeres Zwickau. Ein kleines Orchester, bestehend aus fünf Streichern und einem Klavier, spielt minimalistische Klangfolgen, während die tricktechnisch vervielfachte Ballettdirektorin im Plauener Zuschauerraum Platz genommen hat. Nacheinander erscheinen die Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer, im Hintergrund ziehen Wolken über einen strahlend blauen Himmel, und reflektieren über ihre Zeit in der Quarantäne. So sagt Elliot Bourke: "In dieser einzigartigen Situation sind wir verbunden durch den Schmerz und die Ruhelosigkeit, die sie ausgelöst hat."

Tänzer bei Probe
Vincenzo Vitanza bei einer Probe Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

In Schmerz und Einsamkeit verbunden

Genau dieser Gedanke bestimmt die gesamte Inszenierung. Immer wieder werden die Tänzerinnen und Tänzer, die übrigens die ganze Zeit über Schlafanzüge tragen, gezeigt, wie sie auf der Bühne ihre Soli tanzen. Eine Tänzerin bewegt ihren Arm in Schleifen durch die Luft, während sich ihre andere Hand über ihrem Herzen verkrampft. Eine weitere Tänzerin hält sich den Mund zu und zeichnet mit ihrem rechten Arm eine Welle nach, die irgendwann ins Bodenlose sackt. Wieder eine andere Tänzerin nimmt eine Kraftpose ein, lässt ihren Arm rasch in alle Richtungen greifen, bevor er still vor ihrem Gesicht verharrt. Es sind Tanzszenen über Verwirrung und Unruhe. Die Tänzerinnen scheinen mit ihren Bewegungen den Raum auszumessen, den Schmerz nachzufühlen, die Bedeutung von Zahlen nachzuvollziehen. Zu Hause scheint die Energie unermesslich zu sein, weil die Arbeit fehlt und gleichzeitig gibt es eine Melancholie, weil die Proben fehlen. In diesen verwirrenden Gefühlen sind alle verbunden und tanzen schließlich in einem zehnfach geteilten Bildschirm nebeneinander.

Tänzerin bei Probe
Nicole Stroh tanzt ihr Solo. Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

Da diese Choreografie zu großen Teilen zu Hause entstanden ist, wird auch in Schlaf- und Wohnzimmern getanzt. Der Bildschirm ist in neun Kacheln unterteilt. In der Mitte tanzt Miyu Fukagawa über das Vergehen der Zeit, indem sie pantomimisch auf die Uhr blickt, bis plötzlich in allen anderen Kacheln ihre Kollegen auftauchen. In dieser Weise werden die Bewegungen von einer Quarantäne in eine andere "weitergegeben": Alle Ensemble-Mitglieder nehmen die gleiche Position ein, während ein Mitglied sein Solo tanzt. Dann bewegt sich eine Tänzerin in langen Laufschritten auf der Stelle und ihre Mittänzerinnen übernehmen die Bewegung. Ihr Bildschirm wird größer und plötzlich tanzt sie ihr Solo auf der Bühne des Plauener Theaters.

In den einzelnen Soli kann vermutlich jeder Mensch ein Gefühl wiederfinden, das die Quarantäne bestimmt hat. Die Unsicherheit, die Langsamkeit, die mal quälend und mal beruhigend war. Vor allem jedoch schafft es "Mich eingeschlossen" die Verbundenheit darzustellen, die fast schon die ganze Welt umfassen zu scheint. Jeder einzelne Tänzer ist in seiner Wohnung eingeschlossen und gleichzeitig Teil einer gemeinsamen Erfahrung. Genau dieses Gefühl transportiert die Choreograafe, indem die Tanzenden in ihren jeweiligen Zimmern und Bildschirmen die gleichen Bewegungen ausführen. Es ist der poetische Blick auf die Zeit der Isolation, in der sich Sorge und Wehmut spiegelt. Es ist aber auch ein Ausdruck von Stärke, genau diese Sorgen mit Tanz und Theater zu reflektieren und zu überwinden.

Theater in Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juli 2020 | 08:10 Uhr