Doku-Podcast von MDR KULTUR Die geheimen Depots von Buchenwald | Alle Folgen

1945 wurden im KZ Buchenwald zwei SS-Bunker voller Raubgut entdeckt. Durch Recherchen von MDR KULTUR verdichten sich die Hinweise auf sechs weitere Stollen. Die Feature-Dokumentation "Die geheimen Depots von Buchenwald" stellt die Erkenntnisse dar.


Folge 1/7: Der Steinbruch auf dem Ettersberg

Im Steinbruch auf dem Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald finden US-Offiziere 1945 tonnenweise Raubgut der SS, versteckt in zwei Bunkern. Woher stammen die Gold- und Silberwaren? Und wer genau hat sie deponiert?

Soldaten untersuchen Trümmer in einem Steinbruch. 30 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mo 23.09.2019 09:05Uhr 29:32 min

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Ausführliche Informationen zu Folge 1

Amerikanische Soldaten
Amerikanische Soldaten sichten das SS-Raubgut Bildrechte: imago/Leemage

Zum Jahresbeginn 1945 rücken die Soldaten der Roten Armee auf Berlin vor. Von Frankreich nähern sich die Truppen der West-Alliierten, beinahe täglich gibt es massive Luftangriffe auf deutsche Städte. Hektisch verlagert die SS zentrale Dienststellen aus Berlin nach Thüringen, auch auf den Ettersberg gleich neben das Konzentrationslager Buchenwald. 

Im Lager kommen aus den Arbeits- und Vernichtungslagern im Osten tausende Häftlinge an. Auch Güterwagons mit Wertsachen treffen im Konzentrationslager ein.

Hans Eiden, Häftling mit der Gefangenen-Nummer 6222 und zeitweise Lagerältester, erinnert sich in seinem 1946 erschienenen Tatsachenbericht "Das war Buchenwald": "Als im Januar 1945 die überlebenden Häftlinge von Auschwitz nach Buchenwald kamen, brachte die SS in großen Koffern verpackt, Uhren, Ringe, und sonstige Wertgegenstände mit, die den Häftlingen in Auschwitz, vor allem den dort Ermordeten, geraubt worden waren. In Buchenwald gestohlene Wertgegenstände wurden in der gleichen  Weise verpackt. So kamen etwa 200 Koffer mit wertvollem Inhalt zusammen. Diese Beute wollten die SS-Räuber für sich gut aufbewahren. Sie schafften sie in den Luftschutzstollen im Steinbruch und sprengten den Stollen zu."

Das Wissen um die Geheimdepots im Steinbruch auf dem Ettersberg ist bisher ausgesprochen dünn. In den Akten der Dachauer Buchenwald-Prozesse findet sich die Aussage eines SS-Mannes, der berichtet, eine Pioniereinheit der SS soll im Steinbruch Stollen in die Wände getrieben haben. Aber was sollte dorthin verbracht werden? Maxmilian Grünfeld, Häftling in Auschwitz und später in Buchenwald, berichtet 2018:

"Ich musste die Sachen der Ankommenden sortieren, das war meine erste Tätigkeit. Das war eine furchtbare Arbeit, weil ich die Sohlen von den Schuhen abreißen musste, um nachzugucken, ob die Leute nicht Juwelen oder ähnliches versteckt haben. Und was ich fand, habe ich aussortiert."
Martin Greenfield (vormals Maxmilian Grünfeld) im MDR-Radiofeature "Der Schneider der Präsidenten"

Es sei heute sehr schwierig, etwas Genaues über die Herkunft der Wertsachen zu erfahren, da es keine Dokumente darüber gebe, so der Kustos der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Dr. Harry Stein: "Von Häftlingen ist das berichtet worden, dass es dieses Kommando gab. Und dass das von Auschwitz verlagert wurde nach Buchenwald, das sind alles Mitteilungen, die wir aus Häftlingsberichten haben." Das KZ Buchenwald, so der Historiker, sei eine Art zentrale Verwertungsstelle für Raubgut kleineren Formats gewesen, also für Uhren, Besteck, Schmuck und Ringe.

Es gibt nur wenige Fotos von solchen geraubten Wertsachen, angefertigt wurden sie nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald von amerikanischen Presseoffizieren. Deutlich zu erkennen sind darauf auch Kerzenständer und Leuchter – offenbar aus Synagogen und Kirchen.

"Es handelt sich also offensichtlich nicht nur um Effekten oder nur um von Häftlingen weggenommene Sachen, sondern tatsächlich um im größeren Maßstab geplündertes Gut."
Dr. Harry Stein, Kustos der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Zwei mit solchem Raubgut angefüllte Stollen sind Ende April 1945 gefunden und von der US-Army geöffnet worden. Ohne viel Aufsehen, kaum bemerkt von der Öffentlichkeit. Die sollte erst Jahrzehnte später auf die Bunker im Steinbruch aufmerksam werden.


Folge 2/7: Aktenfunde in Washington

Zu den geheimen Depots von Buchenwald finden sich fast 50 Jahre nach Kriegsende neue Dokumente. Es könnten demnach mehr als die beiden geöffneten Stollen existieren. Eine historische Skizze zeigt acht Bunker an.

Soldat neben einer Gasflasche. 29 min
Bildrechte: Archiv Bernd Schmidt

MDR KULTUR - Das Radio Di 24.09.2019 09:05Uhr 28:58 min

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Ausführliche Informationen zu Folge 2

Hände zeigen Ringe, von denen viel mehr in einer Kiste liegen
Unter dem 1945 in Buchenwald gefundenen SS-Raubgut befand sich auch eine Kiste voller Ringe Bildrechte: imago/Leemage

Anfang der 90er-Jahre taucht in den Beständen der National Archives in Washington eine Handzeichnung auf. Eine Skizze im Querformat. Sie zeigt den  Steinbruch und sein Umfeld aus der Vogelperspektive. Die Gebäude sind stark vereinfacht als Vierecke dargestellt, beschriftet per Hand: "Kasernen", "Wäsche", "Küche in Kantine". Im Steinbruch sind Maßangaben eingezeichnet. Pfeile zeigen auf acht kleine Quadrate mit Beschriftung BUNKER. Vier in einer Reihe an der einen Steinbruchwand, jeweils zwei einander gegenüber an den anderen Wänden.

Für die "Thüringer Allgemeine" verfolgte der Journalist und Sachbuchautor Thomas Rothbart die Aktivitäten auf dem Ettersberg und rund um die Skizze.  "Ich habe die Skizze das erste Mal zu Gesicht bekommen in einem Konvolut von Akten, das zusammengestellt worden ist von einer Schatzsucher-Firma. Mit dem Interesse zu belegen, dass dort Schätze liegen, mit dem Interesse möglichst schnell dort ohne jegliche historische Aufarbeitung zu bohren, zu suchen. Da ging es um Beute. Also die Firma war auch nicht besser als diejenigen, die diese Beute gemacht haben."

Durch ein Stipendium gefördert konnte Rothbart direkt in Washington recherchieren und die Akten aufarbeiten, aus denen die Skizze stammte – aber auch für ihn bleibt unklar, wer die Skizze gezeichnet hat. Möglicherweise stammt das Papier aus den Ermittlungen gegen SS-Männer, die in den Dachauer Buchenwald-Prozessen verhört und angeklagt worden sind.

Wie dem auch sei: Wer die Skizze nicht hatte, war jener Major Howard McBee. Er hatte unmittelbar nach der Befreiung des Lagers Buchenwald von Häftlingen Hinweise auf ungewöhnliche Aktivitäten im Steinbruch bekommen. Die SS habe dort noch in den letzten Tagen vor dem Einrücken der US-Army Sprengungen durchgeführt.

Eigentlich sammelte McBee Beweise für Kriegsverbrechen. Er ging den Hinweisen nach, ließ im Steinbruch graben. Ein Foto – Jahrzehnte später hat er es einem Weimarer Lokalhistoriker überlassen – zeigt Major McBee mit einer Gasflasche am freigelegten Eingang zu einem der Stollen. Die Flasche sollte wohl eine Sprengfalle andeuten – wie sich herausstellte, war sie ungefährlich.

McBee und seine Männer fanden am 28. und 29. April zwei Bunkereingänge. Dahinter geheime Depots voller Gold- und Silberwaren. Der Bericht von Major McBee über die Bergung ist in den National Archives zu finden.


Folge 3/7: Ausgraben 1945 – Nachforschen 1997: Major McBee kehrt zurück

Der Fund der beiden bislang geöffneten Depots von Buchenwald ist aktenkundig dokumentiert. Ein Treffen mit dem damals zuständigen Offizier brachte 50 Jahre später neue Erkenntnisse – und historische Fotos.

Portraifoto eines älteren Mannes vor dem Konzentrationslager Buchenwald. 28 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 25.09.2019 09:05Uhr 28:29 min

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Ausführliche Informationen zu Folge 3

Zwei Personen stehen im Freien und schauen auf eine Karte.
Bernd Schmidt und Major McBee (r.) Bildrechte: Archiv Bernd Schmidt

Ein Schwarz-Weiß-Bild aus den 1940er-Jahren zeigt einen jungen Mann in Uniform, sitzend am Schreibtisch, freundlich lächelnd. Es ist Major Howard McBee, Offizier der US-Army. Mehr als 50 Jahre später ist er wieder nach Buchenwald gekommen. Er folgt 1997 einer Einladung von Bernd Schmidt. Der Bauingenieur aus Weimar forscht in seiner Freizeit über die Kriegsgeschichte seiner Heimatstadt.

Bei Recherchen über den Mythos Bernsteinzimmer wird Schmidt auf ein Dokument aufmerksam, das vom Öffnen der beiden Depots im Steinbruch Buchenwald berichtet. Geschrieben hatte es am 8. Mai 1945: Major McBee. Bei seinem Besuch 1997 schenkt der Veteran Bernd Schmidt drei Fotos aus seinem privaten Fundus: McBee am Schreibtisch, McBee mit einer mannsgroßen Gasflasche vor dem Stolleneingang im Steinbruch, McBee’s Männer beim Freilegen der beiden Depots.

Für Bernd Schmidt ist diese Begegnung ein Höhepunkt seines Forschens, er hält seine Begegnung mit McBee im Steinbruchgelände  auf Video fest. Schmidt kann endlich den Augenzeugen vor Ort fragen: Wo genau waren diese Stollen? Hatte McBee Anhaltspunkte für weitere Stollen?

Der Major – so viel weiß Schmidt schon aus dem Dokument - hatte Hinweise von den Buchenwald-Häftlingen Kurt Maschewski und Armin Walther erhalten. Die beiden gehörten zu den wenigen Englisch sprechenden Personen im Lager und halfen als Dolmetscher. Sie erzählten  McBee, dass es in den letzten Tagen vor der Befreiung ungewöhnliche Sprengungen im Steinbruch gegeben habe.

Der Major entdeckt frische Spuren von Schleifsprengungen und ließ 20 Zivilisten aus Weimar anfordern, zum Graben. Nach einigen Stunden werden sie fündig – eine Gasflasche unter dem Schutt. Giftgas? Eine Sprengfalle? McBee fordert Spezialisten an, sie erkennen schnell – von der Flasche geht keine Gefahr aus. Als sich ein halbmetergroßes Loch öffnet, klettert der Major als erster hindurch. Er entdeckt Koffer, Holzkisten und auch Fässer. Als sie später geöffnet werden, finden sich darin Gold und Silber, das die Nazis geraubt und im Steinbruch versteckt hatten. 

Auf dem Video ist zu sehen, wie der alte Major nachdenklich über den grasbewachsenen Grund des Steinbruchs läuft. Dort wo so viele Menschen gequält und ermordet worden. Er läuft an der Wand vorbei, hinter der sich die beiden geheimen Depots mit dem Raubgold und -silber befanden. Damals, so sagt er ins Mikrophon, hätten sie von "treasure" gesprochen,  heute würde er dazu "tragedy" sagen.

Für Bernd Schmidt ist der Besuch des Veterans eine Offenbarung: Jetzt weiß er, wo genau die beiden Stollen lagen. Die Angaben von McBee decken sich mit denen der Skizze aus den National Archives – die McBee allerdings nicht kannte. Wahrscheinlich auch nicht kennen konnte, weil sie vermutlich später entstand, möglicherweise im Zuge der Ermittlungen bei den Dachauer Buchenwald-Prozessen. Auf die Skizze angesprochen, bezweifelt Major McBee die Möglichkeit, dass sich weitere sechs geheime Depots auf dem Gelände befinden könnten.

"Ich bin nicht sicher. Damals, aufgrund des damaligen Untersuchungsstands stellte ich fest, dass es weiter nichts gibt. Es könnte auf der anderen Seite noch etwas in den Fels gegraben sein, aber ich sah dort nichts und ich habe viele Leute dazu befragt. Alle Leute im Lager wussten, was wir hier machten. Wenn es einen weiteren Ort gegeben hätte, hätte ich sicher davon erfahren."
Major Howard McBee, 1945 Untersuchungsoffizier der US-Army, in einer Aufnahme von Bernd Schmidt aus dem Jahr 1997


Folge 4/7: Fünf Jahre Speziallager: Was wusste Moskau?

Das "Speziallager Nr. 2" in Buchenwald diente Stalins Macht in der sowjetischen Besatzungszone. Was wusste die Militäradministration über die Geheimdepots? Ein Brief der US-Army informierte über vermisste Wertsachen.

Holzkreuze stehen auf dem Areal des ehemaligen sowjetischen Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald 30 min
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MDR KULTUR - Das Radio Do 26.09.2019 09:05Uhr 29:34 min

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Ausführliche Informationen zu Folge 4

Die Figurengruppe des Buchenwald-Denkmals, auf dem Ettersberg in Weimar (Thüringen).
Die Figurengruppe des Buchenwald-Denkmals auf dem Ettersberg in Weimar Bildrechte: dpa

Dass Buchenwald eine zweifache Lagergeschichte hat, wurde einer breiten Öffentlichkeit erst in den 90er-Jahren bewusst. Zu wirkmächtig war zuvor die Inszenierung der Mahn- und Gedenkstätte als Ort des antifaschistischen Gründungsmythos der DDR, zu stark wirkte das Schweigegebot auf die Überlebenden des dort von August 1945 bis März 1950 betriebenen sowjetischen Speziallagers.

Jeder vierte Internierte gestorben
Von den etwa 28.000 Internierten starben 7.000. Die Toten wurden im Wald verscharrt, wer heute das Gelände auf dem Ettersberg besucht, sieht sich mit schlichten Kreuzen konfrontiert. Sie erinnern an "Stalins Prophylaxe" – denn mit der Inhaftierung von insgesamt mehr als 120.000 Deutschen in den Lagern des Geheimdienstes NKWD wollte die sowjetische Besatzungsmacht vor allem potentielle Gegner der neuen Ordnung kaltstellen.

Dabei traf es nicht nur NSDAP-Kader, NS-Richter oder Nazi-Bürgermeister. Auch tausende Jugendliche wurden (meist unter "Werwolf"-Verdacht) oft jahrelang gefangen gehalten, unter unmenschlichen Bedingungen, ohne rechtsstaatliche Verfahren und ohne Urteil.

Da die Lager größter Geheimhaltung unterlagen, ist fast nichts bekannt darüber, wie die sowjetischen Besatzer mit dem Steinbruch auf dem Ettersberg verfuhren.  Der Autor der Doku-Serie "Die geheimen Depots von Buchenwald", Peter-Hugo Scholz, mutmaßt: "Eigentlich kann man davon ausgehen, dass der Steinbruch einfach brach lag. Und wenn die Russen da was gesucht haben sollten, dann haben sie das im Geheimen getan. Und zwar so geheim, dass bis heute keine Spur davon irgendwie aufgetaucht ist. Es ist und bleibt aber meines Erachtens schon fragwürdig, dass die gar keine Hinweise bekommen haben sollen, also auch nicht von den kommunistischen Funktionshäftlingen."

Rätselhafter Brief
Einen Hinweis allerdings dokumentiert ein amerikanisches Archiv. Es handelt sich um einen Brief vom 26. November 1945, also wenige Monate nach der Übergabe Thüringens von den Amerikanern an die sowjetischen Besatzer. Adressiert ist der Brief an die Sowjetische Militäradministration, Berlin-Karlshorst, dort an die Finanz- Abteilung, zu Händen Herrn Pawel Andreijewitsch Maletin: "Unser Büro hat Kenntnis von Hinweisen betreffend 100 bis 150 Koffer mit Gold- und Silberwaren, die im Steinbruch von Buchenwald vergraben sein sollen. […] In der Anlage erhalten Sie einen Bericht der Devisen-Abteilung von Weimar-Buchenwald und eine handgezeichnete Kartenskizze vom Steinbruch. Unsere Information enthält nicht die Namen der Urheber beigefügter Dokumente.“

Den Brief hat der Direktor der Finanzdirektion der US-Armee, Joseph M. Dodge, an seinen sowjetischen Amtskollegen Maletin geschrieben. Eine Kopie taucht etwa 1990 in den National Archives der Vereinigten Staaten in Washington auf, gefunden hat sie der Sachbuchautor Kenneth Alford.

Aber ist dieser Brief bei der Sowjetischen Militäradministration in Berlin-Karlshorst überhaupt angekommen? Und hat er etwas ausgelöst, etwa eine Nachforschung im Steinbruch? Über die fünf Jahre der sowjetischen Besatzung in Buchenwald ist nach wie vor wenig überliefert.

Die Staatssicherheit
Aber auch zu DDR-Zeiten gab es in Buchenwald Suchaktionen nach geheimen Depots. Noch in den 90er-Jahren, so erinnert sich Harry Stein, Historiker und Kustos Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, waberte ein Gerücht über den Ettersberg. Die Staatssicherheit, insbesondere der dort für die Suche nach dem Bernsteinzimmer verantwortliche Offizier Oberst Enke, habe in der Gedenkstätte die unterirdischen Anlagen begutachtet.

Speziell ging es um den Funkerbunker. Harry Stein hat selbst nachgesehen: "Es gibt tatsächlich dort in den Randbereichen deutliche Spuren von rabiater Gewalt. Da hat jemand tatsächlich versucht, die Wand nicht nur abzuklopfen, sondern, da wo Hohlräume vermutet wurden, zu öffnen und das ist dann aber wahrscheinlich ergebnislos beendet worden. Es war tatsächlich nur ein Funkbunker."

1958 eröffnete die DDR ihre "Nationale Mahn- und Gedenkstätte" auf dem ehemaligen Lagergelände des Konzentrationslagers Buchenwald. Zuvor war aufgeräumt worden – so wurden mehrere große Kasernengebäude abgerissen und der Schutt an den Steinbruchhängen in die Tiefe gekippt. Sollte es tatsächlich noch Spuren zu weiteren Bunkern gegeben haben, sind sie auf diese Weise verwischt und tief begraben worden.


Folge 5/7: Wo sind die Bunker – Erkundung mit Bodenradar und ein neues Foto

Mit modernster Technik lassen sich metertief Hohlräume unter der Erde orten. Im Fall des Steinbruchs von Buchenwald sollen auch historische Luftbilder und neue Drohnenflüge helfen. Dennoch bleiben viele Fragezeichen.

Luftaufnahme vom Konzentrationslager Buchenwald nahe Weimar vom 08.05.1953. Acht Jahre nach Kriegsende sind einige Gebäude verfallen oder zurückgebaut. 29 min
Bildrechte: GDI-Th, Freistaat Thueringen, TLVermGeo

MDR KULTUR - Das Radio Fr 27.09.2019 09:05Uhr 28:54 min

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Ausführliche Informationen zu Folge 5

Ein Mann mit einem Messgerät.
Messungen im Steinbruch in den 90er-Jahren Bildrechte: Peter-Hugo-Scholz

An einem Maitag 2017. Im Steinbruch auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Ein kleines Team von Geotechnikern ist für Messungen hier her gekommen. Sie entladen ihr Geländefahrzeug. Mit moderner Messtechnik wollen sie die Tiefe auf Hohlräume absuchen. Und während die Geophysiker ihre Geräte montieren, stellt Autor Peter-Hugo Scholz die Frage, die ihn beschäftigt: "Wie stehen die Chancen, hier etwas zu finden?" Zögernd antwortet Ulrike W. und zeigt auf eine Stelle am Hang, dann auf eine andere: "Mit Radar sind die Chancen dort ganz gut, aber da drüben habe ich wenig Hoffnung, etwas zu finden."

Die Geologen wollen es mit einer 400 MHz-Antenne versuchen. Deren Strahlen dringen zwar nicht so tief in das Erdreich vor, dafür sei die Auflösung höher als mit einer 200 MHz-Antenne, erklären sie.

Schon einmal, 1994, zogen Geodienstleister auf der Suche nach den Bunkern mit ihren Geräten über das Steinbruchgelände. An mindestens drei Punkten sollen mit "nicht penetrierenden elektromagnetischen Verfahren" Hohlräume aufgespürt worden sein. Wer sich heute die Ergebnis-Gutachten ansieht, kommt nicht umhin, ihre gewollte Tendenz herauszulesen. Wörtlich heißt es dort:

"Die vorliegenden Ergebnisse […] ermutigen, ja verpflichten nun auch die Historiker die notwendigen, weiterführenden Forschungen zu intensivieren. Mit den nächsten Schritten sollten auch die letzten Zweifel noch ausgeräumt werden können."
Aus dem "Spread Spektrum Radar"-Gutachten eines Münchner Ingenieurbüros, 1994

Moderne Bodenerkundung
Die Methoden für solche Bodenuntersuchungen haben sich in den letzten Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Mit weichen Methoden wie der Funkmessung kann der Boden einige Meter tief durchdrungen werden. Geowissenschaftler senden Strahlen in den Boden und können anhand der Reflexionen das Ergründete kartographieren. Zudem werden die Ergebnisse mit historischen Luftbildern abgeglichen, dank der modernen Technik geschieht das GPS-genau. Auch eine Drohne kommt zum Einsatz. Schließlich können alte Fotos, neue Drohnenbilder und die aktuellen Messergebnisse übereinandergelegt und verglichen werden.

"Was wir sagen können, ist: Wir haben eine Anomalie gefunden. Was jetzt hinter der Anomalie steckt, ist schwer zu sagen, sie ist im Bereich von einigen Metern, ob sie nun direkt unter dem Messpunkt ist, das muss nicht sein, das kann auch seitlich am Hang sein, also das Verfahren ist nicht unbedingt so absolut gerichtet."
Prof. Peter Dietrich, Professor für Geophysik in Tübingen 

Vor Mitarbeitern der Gedenkstätte präsentiert Prof. Peter Dietrich im November 2017 die Ergebnisse der Untersuchungen. Die Messungen zeigen Stellen an, bei denen die elektrische Leitfähigkeit signifikant verschieden von der Umgebung ist. Worauf die Erhöhung der Werte zurückzuführen ist, können die Experten nicht sagen. Es könnten zum Beispiel auch Wasseradern sein oder aber auch Metallteile. Aufhorchen lässt, dass zwei gefundene Stellen exakt übereinstimmen mit der Lage der Bunker, wie sie auf der handgefertigten Skizze aus den National Archives in Washington verzeichnet sind. Was bedeutet das? Peter Dietrich vergleicht seine Geo-Bilder mit Bildern in der Medizin:

"Die Ärzte stecken Die auch in den CT und kriegen ein Bild und sagen danach, naja, müssen wir trotzdem noch mal nachschneiden und gucken. Und die haben das Glück, die haben tausende von Patienten, haben tausende Erfahrungen. Wir haben nur einen sehr unförmigen Patienten im Untergrund, der an verschiedenen Stellen verschieden ist."
Prof. Peter Dietrich, Professor für Geophysik in Tübingen 

Die gefunden Anomalien, das betont der Geophysiker immer wieder, können auch geologischer Natur sein, aber wenn man sich die Ausdehnung ansehen würde, dann würden sie auch zu den beschriebenen Bunkern passen. 

Ein Foto als Indiz
Ein weiteres Indiz für den Stollenbau aber liefert nicht die Geologie, sondern eine genauere Betrachtung eines schon bekannten historischen Fotos aus dem Fundus der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Es zeigt die Ostseite des Steinbruchs mit der langen, steilen Hangkante:

"Man sieht also deutlich einen gestapelten Haufen Holz und diese Hölzer, so sagt es uns ein Bergbauexperte, diese Hölzer sind auf keinen Fall Brennhölzer, sondern es sieht ganz danach aus, dass die für eine Stollen-Abstützung vorgesehen waren."
Peter-Hugo Scholz, Autor der Doku-Serie "Die geheimen Depots von Buchenwald"


Folge 6/7: Ein Puzzle fügt sich zum Bild – Die Kraft der Indizien

In den letzten drei Jahren recherchierte Peter-Hugo Scholz neue Hinweise zur Existenz von weiteren Bunkern im Steinbruch Buchenwald. Eindeutig ist keines der Indizien. Muss jetzt gegraben werden?

Peter-Hugo Scholz 28 min
Autor Peter-Hugo Scholz recherchierte jahrelang zu geheimen Depots in Buchenwald Bildrechte: Olaf Kreiß

MDR KULTUR - Das Radio Mo 30.09.2019 09:05Uhr 28:22 min

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Ausführliche Informationen zu Folge 6

Luftbild-Experten Jürgen Möller (l.) und Peter-Hugo Scholz, Buchenwald, Depots
Luftbild-Experten Jürgen Möller (l.) und MDR-Autor Peter-Hugo Scholz Bildrechte: MDR/Tobias Barth

Marco Eckstein ist Geograph bei einer Würzburger Spezialfirma und vertraut mit der Auswertung historischer Luftbilder. Diesmal hat er alle verfügbaren Luftbilder zum Steinbruch des ehemaligen KZ Buchenwald geprüft. Er hat sie digitalisiert, vergrößert und kann sie perfekt übereinander legen, miteinander vergleichen und belastbare Schlüsse ziehen.

"Was man ganz gut sehen kann, knapp neben der Rampe: Hier haben wir eindeutig Spuren mit irgendeinem Eingang."
Marco Eckstein, Geograph bei der Fa. Carls Luftbildauswertung in Würzburg

In einem nächsten Schritt werden die von den Geophysikern aufgezeichneten GPS-Daten zusätzlich auf die alten Aufnahmen projiziert. Auch die gefundenen Anomalien können in das Bild projiziert werden. Der Effekt ist verblüffend – übereinstimmende Befunde gibt es an bestimmten Stellen in mehreren Schichten.

Dann kommt Ralph Haase ins Spiel, Geschäftsführer einer Montanfirma aus Nordhausen. Der Bergbauexperte hatte auf alten Schwarz-Weiß-Fotos vom Steinbruch Buchenwald Holz entdeckt, das vermutlich zum Abstützen eines Stollens dienen sollte. 

Auftrag für Stollenbau
Dann zeigt uns Harry Stein, Kustos der Gedenkstätte KZ Buchenwald, ein bisher unbeachtetes Dokument vom Kommando Steinbruch, datiert vom 28. März 1945. Es weist als Auftraggeber für den Stollenbau das Führungshauptamt der SS aus. Zugleich beziffert es die Anzahl von 20 Häftlingen, für die eine größere Verpflegungsration wegen Schwerstarbeit beim Stollenbau beantragt wurde. 

Was bedeutet das? Das Dokument beweist, dass noch wenige Tage vor der Befreiung im Steinbruch Bunker gebaut worden sind. Gegen Ende des Krieges wurde das Führungshauptamt der SS von Berlin auf den Ettersberg bei Weimar verlagert. Viele Akten der SS gelten seit Kriegsende als verschollen. Könnte es sich bei den Stollen um sichere Verstecke für SS-Akten handeln?

Um genau zu erfahren, was sich in Buchenwald in den letzten Wochen des Krieges im Frühjahr 1945 abgespielt hat, müsste man meterhohes Geröll wegräumen, müssen die Indizien wissenschaftlich belastbar sein, muss ein Interesse der Historiker bestehen, und muss der Stiftungsrat und das Kuratorium der Gedenkstätte zustimmen, dass an diesem sensiblen Ort gegraben werden darf. An einem Gedenkort, wo einst 56.000 Menschen unter deutscher und 7.000 Menschen unter sowjetischer Herrschaft ermordet worden oder umgekommen sind.


Folge 7/7: Zeit für die Wahrheit unter Schutt und Geröll

Das Kuratorium der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora befasst sich mit den neuen Indizien zu den Geheimdepots im Steinbruch. Eine Montanbaufirma macht Vorschläge. Und es gibt weitere neue Indizien.

Ein Zuweg zu einem der Steinbrüche 27 min
Bildrechte: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora/Claus Bach

MDR KULTUR - Das Radio Di 01.10.2019 09:05Uhr 27:17 min

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Ausführliche Informationen zu Folge 7

Der Bagger für die Grabungsarbeiten im Buchenwald-Steinbruch
Der Bagger für die Grabungsarbeiten im Buchenwald-Steinbruch Bildrechte: MDR / Conny Mauroner

Für den Geotechniker Ralph Haase steht fest: Wenn etwas Klarheit bringen kann im Steinbruch auf dem Ettersberg, dann sind es "harte Erkundungen". Als Geschäftsführer der Mitteldeutschen Montan GmbH schlägt er einen Schurf vor. Ein Bagger soll an den beiden Stellen, an denen die meisten Indizien für weitere Stollen zusammenpassen, Schutt und Geröll beiseite räumen und sich bis zur alten Steinbruchsohle vorarbeiten. Dann würde man die Stolleneingänge sehen können, da ist er sich sicher.

Aber was sagt das Thüringer Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege zu einem Schurf, was die Naturschutzbehörden? Und was die Gedenkstätte? Der Steinbruch ist besonders geschütztes, besonders sensibles Gelände. 

Im Oktober 2018 tagte das Kuratorium der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora – 15 Wissenschaftler, viele sind Historiker, die meisten Professoren. Kustos Dr. Harry Stein präsentierte dem Gremium, neue Erkenntnisse, die die  Recherchen des MDR gebracht haben. Im Mittelpunkt seiner Präsentation stand dabei ein bisher unbekanntes Luftbild der US-Air Force.

"Die Diskussion im wissenschaftlichen Kuratorium war über die Frage, ob es möglich ist, im Steinbruch des KZ-Geländes Buchenwald Erkundungen vorzunehmen hinsichtlich möglicher Hohlräume. Und das Kuratorium hat dann auf Grund der vorliegenden Quellengrundlage – insbesondere auf Grund eines von Fotos vom Februar 1945 – entschieden, dass diese Erkundungsmaßnahmen möglich sein sollen unter bestimmten Auflagen."
Philipp-Neumann-Thein, Stellvertretender Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Als Projektleiter für die Vorarbeiten wird Ralph Haase engagiert. Der Geschäftsführer einer mitteldeutschen Bergbaufirma stimmt das Vorgehen mit den zuständigen Behörden ab – und macht nebenbei eine weitere Entdeckung: An einer der beiden Stellen, die für einen möglichen Schurf mit dem Bagger ausgewählt worden sind, weist er im Winter auf eine Veränderung des Bodens hin.

"Da ist ein Volumenverlust hier passiert, da ist irgendwas nach unten weg gesackt und die Oberfläche ist hinterher gesackt. Also da muss man auch, wenn man es aufmacht zumindest, sehen, dass vielleicht ein alter Hohlraum da war, der dann verschüttet wurde."
Ralph Haase, Bergbau-Ingenieur

Spätsommer 2019. Inzwischen haben die Geotechniker detaillierte Pläne für einen Schurf erstellt. Die Genehmigungsverfahren für das Graben im Steinbruch auf dem Ettersberg sind auf den Weg gebracht worden.  Alle Vorbereitungen laufen vertraulich.

Im Herbst sind die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und der Mitteldeutsche Rundfunk mit einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit gegangen und haben mitgeteilt, dass Anfang Oktober Grabungsarbeiten beginnen.

Die geheimen Depots von Buchenwald Doku-Serie in sieben Folgen von Peter-Hugo Scholz

23.09.-01.10.2019
Mo-Fr 09:05 Uhr und 19:05 Uhr

Regie: Nikolai von Koslowski
Produktion: MDR KULTUR 2019

Darsteller:
Lisa Hrdina – Erzählerin
Walter Renneisen – Übersetzer
Udo Schenk – Zitator

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Wissenschaftliche Untersuchungen im Steinbruch von KZ Buchenwald Tag 2 (02.10.2019) 9 min
Bildrechte: MDR/Holger John

Durch MDR-Recherchen gab es Indizien für geheime Depots im Buchenwald-Steinbruch. Nun fanden Grabungen statt. Man wurde fündig und konnte einen bislang unentdeckten Stollen in Augenschein nehmen. Tobias Barth berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 04.10.2019 17:10Uhr 09:15 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. September 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 04:00 Uhr

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