Bisher unveröffentlichte Briefe an Ehefrau Julia Erster Weltkrieg bis Hitlers Machtergreifung: Briefe Lyonel Feiningers

Der deutsch-amerikanische Maler, Grafiker und Karikaturist Lyonel Feininger (1871-1956) gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter der Klassischen Moderne. Vor 150 Jahren wurde er in New York geboren. In bisher unveröffentlichten Briefen an seine zweite Frau Julia offenbart sich ein feinsinniger, wortgewandter, humorvoller Mensch, fortschrittlicher Vater, liebender Ehemann, aber auch zweifelnder Künstler und Beobachter der politischen Vorgänge der damaligen Zeit.

Mitte 2018 bekam ich die Transkripte von ungefähr 850 Briefen Lyonel Feiningers an seine zweite Frau Julia in die Hände. Der damalige Leiter der Quedlinburger Lyonel-Feininger-Galerie, Michael Freitag, beauftragte mich, eine Lesung zu konzipieren, die 2019 im Rahmen des Veranstaltungsprogramms zur Ausstellung "Die Feiningers – ein Familienbild am Bauhaus" stattfinden sollte. Zusammen mit dem Künstler Frank Diersch entwickelte ich ein Live-Hörspiel zum Thema. 

Zeitreise von 1905 bis 1935: Vom Ersten Weltkrieg bis zur Emigration nach Amerika

Die Briefe allerdings ließen mich seitdem nicht mehr los. Briefe, die 1905 beginnen und 1935 enden. Dreißig Jahre Leben, dreißig Jahre Zeitgeschichte aus der Perspektive Lyonel Feiningers, das meiste davon unveröffentlicht oder lediglich verstreut auffindbar in Ausstellungskatalogen und wissenschaftlichen Fachpublikationen, oft auf einzelne Zitate reduziert, in denen Feininger sich zu seinem Kunstverständnis äußert, zu wichtigen Figuren des Kunstmarkts seiner Zeit oder zu Verhandlungen bei Verkäufen. 

Lyonel Feininger - Marktkirche in Halle
Lyonel Feininger: Marktkirche zur Abendstunde, 1930. Zwischen 1929 und 1931 schuf Feininger elf Gemälde mit Motiven der Stadt Halle. Bildrechte: imago/United Archives International

Es sind Briefe, die eine außergewöhnliche Liebesgeschichte erzählen und die uns durch die Zeiten führen. Die Zeiten vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, die Zeiten während der Weimarer Republik, der Inflation und Deutschland, der Entstehung, Blüte und Schließung des Bauhauses, die Zeiten der Weltwirtschaftskrise, des aufkommenden Nationalsozialismus bis hin zur Machtergreifung Hitlers, die dazu führt, dass Lyonel und Julia Deutschland Richtung Amerika verlassen müssen. Julias jüdische Abstammung und Lyonels als "entartet" stigmatisierte Kunst brachte die Familie, trotz amerikanischer Staatsbürgerschaft, zunehmend in Gefahr.

Weltoffenheit und Mut Neues zu Wagen

Bei der intensiven Beschäftigung mit den Lebensumständen Julia und Lyonel Feiningers haben mich ihr beeindruckender Lebensweg, der Zusammenhalt, die Weltoffenheit und der Mut der beiden, immer wieder Neues zu wagen, tief berührt. Wie sehr haben sie gekämpft um Zustände auch für sich beide herzustellen, die sie nicht zuletzt auch zum inneren Überleben brauchten und um ihre Liebe und Partnerschaft zu schützen. Alles war in Bewegung, nichts blieb, wie es war. 

Kurt Weill Zentrum in der Meisterhaussiedlung
Meisterhaus Feininger in Dessau. Der Maler lebte hier mit seiner Familie von 1926 bis 1932. Bildrechte: IMAGO

Es ist anrührend zu lesen, wie liebevoll Freundschaften gepflegt wurden. Und dann als Gropius Lyonel ans Bauhaus nach Weimar holte, war das Bauhaus zunächst einmal eine Idee, als Antwort auf drängende kulturelle und gesellschaftliche Probleme. Lyonel und Julia sahen sich und ihre Familie mit der sozialen und wirtschaftlichen Situation einer Nation konfrontiert, gezeichnet durch Krieg und Revolution, mit Aufständen und Gewalt.

Julia in Feiningers Briefen entdeckt

Lyonel Feininger war Amerikaner mit deutschen Wurzeln. Aber wer war Julia? Es braucht nicht viel, um der Korrespondenz zu entnehmen, dass beide nicht nur intensiv auf derselben Wellenlänge schwangen und sich immer wieder empathisch und sensibel aufeinander einstimmen konnten, sondern auch bei allem anderen auf Augenhöhe agierten. Allerdings muss diese Julia in Lyonels Briefen "entdeckt" werden, denn nur Lyonels Briefe wurden von ihr nach seinem Tod gesichtet und zur Veröffentlichung freigegeben.

Im Lauf der Zeit wurde Julia für Lyonel zur wichtigsten Ansprechpartnerin und Kritikerin. Julia war es, die ihn von Anfang an auf seinem Weg unterstützte, ihm den Rücken freihielt und ihren eigenen künstlerischen Werdegang für Lyonels Schaffen zurückstellte. 

Später dann, als Mutter von drei Söhnen, widmete sich Julia der Aufgabe, die Kinder aufzuziehen und für Lyonel bestmögliche Arbeitsbedingungen zu schaffen. Sie managte die Familie, organisierte in den meisten Fällen die Umzüge und die damit verbundene Einrichtung der neuen Wohnungen, sie reiste zu den wechselnden Ausbildungsorten der Kinder. Pausenlos!

Der 150. Geburtstag von Lyonel Feininger am 17. Juli 2021 bietet nun den ersehnten Anlass, seine Briefe an Julia in einer Hörfunkdokumentation und in einem Buch endlich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Sonntag, bei Regenwetter, den 2. Juni 1929:
Mein Geliebtes, ich denke so viel an Dich und mit solcher Liebe und bin so sehr besorgt um Dich. So oft du zum Besuch da gewesen bist und ich dann wieder den Raum betrete, überkommt es mich seltsam, zu sehen, wie noch die Spuren Deines Aufenthaltes sich an der Stellung von Stühlen und an aus der Hand gelegten Gegenständen zeigen. Es bleibt etwas Lebendes zurück, was sich auf sogenannte 'tote Gegenstände' überträgt – für den, der zu blicken und zu fühlen weiß.

Lyonel Feininger an seine Frau Julia Ines Burdow (Hg.): "Sweetheart, es ist alle Tage Sturm“ - Lyonel Feininger - Briefe an Julia: 1905 bis 1935

Lyonel Feininger: Düne II (Aquarell, 1925)
Zum 150. Geburtstags Feiningers widmet ihm die Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg unter dem Titel "Becoming Feininger" eine große Retrospektive. Gezeigt werden erstmals Bilder aus drei Sammlungen, darunter "Düne II" (Aquarell, 1925). Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Die Feature-Autoren

Inés Burdow ist Schauspielerin, Autorin und Regisseurin. Sie war u. a. am Berliner Ensemble engagiert, spielte Hauptrollen in der Oper, arbeitet für die Kulturradios der ARD-Anstalten und dreht fürs Fernsehen. Ines Burdow arbeitet seit Jahren zu Künstlerbiografien. Ihre Beschäftigung mit den Feininger-Briefen begann im Rahmen von 100 Jahre Bauhaus im Auftrag des Feininger-Museums Quedlinburg zusammen mit Frank Diersch. Zeitglich zum Feature wird ihr Buch "Sweetheart, es ist alle Tage Sturm" - Lyonel Feininiger - Briefe an Julia veröffentlicht. Ihr Feature-Porträt "Die Unvollendete" (MDR/RBB) über die Schriftstellerin Brigitte Reimann war 2013 für den Juliane Barthel-Medienpreis nominiert.

Frank Diersch, 1965 in Berlin geboren, studierte an der Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin und war Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin. Seit 2008 hat er einen eigene Sendung: Drawing Radio. 2017 gründete er Radio Woltersdorf (BFR) und das Studio für Radio + Grafik mit Thomas Müller.
Ab 1989 war Frank Diersch an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt. Er hatte Lehraufträge an Kunsthochschulen und Universitäten in Berlin, Hamburg und Wuppertal. Er lebt und arbeitet in Woltersdorf bei Berlin.

Angaben zur Sendung

"Sweetheart, es ist alle Tage Sturm!"
Lyonel Feininger – Briefe an Julia
Von Inés Burdow und Fank Diersch

Sprecher: Inés Burdow, Matthias Bundschuh, Tilmar Kuhn und Axel Thielmann
Redaktion und Regie: Ulf Köhler
Produktion: MDR 2021 - Ursendung

MDR KULTUR | Feature
16.06.2021 | 22:00 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature | 16. Juni 2021 | 22:00 Uhr

Ines Burdow (Hg.): "Sweetheart, es ist alle Tage Sturm!"  - Lyonel Feininger - Briefe an Julia
Bildrechte: Kanon Verlag

Buchtipp Ines Burdow, Andreas Hüneke (Hg.): "Sweetheart, es ist alle Tage Sturm" - Lyonel Feininger – Briefe an Julia: 1905–1935

Ines Burdow, Andreas Hüneke (Hg.): "Sweetheart, es ist alle Tage Sturm" - Lyonel Feininger – Briefe an Julia: 1905–1935

Gebundene Ausgabe: ‎320 Seiten
Kanon Verlag Berlin 2021
ISBN: ‎978-3985680092
28,00 Euro

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