Chamisso-Poetikdozentur Dresden Artur Becker: "Dresden ist ein special Place"

Der polnisch-deutsche Schriftsteller Artur Becker leitet in Dresden in diesem Herbst eine Wiederauflage der Chamisso-Poetikdozentur ein. In der Vorlesungsreihe reflektieren Autorinnen und Autoren, die selbst einen Sprach- und Kulturwechsel erlebt haben, über die globalisierte Welt. Das sei in der heutigen Gesellschaft und in einer Stadt wie Dresden besonders wichtig, meint Artur Becker.

Artur Becker im grünen
Der polnisch-deutsche Schriftsteller Artur Becker übernimmt in diesem Jahr die Poetikdozentur in Dresden. Bildrechte: MDR/Carolin Fröhlich

Wenn Artur Becker nach Dresden kommt, ist das fast ein bisschen wie ein Heimatbesuch. Seit 2004 ist der selbst ernannte "Kosmopole" regelmäßig zu Gast, erst zu Lesungen, mittlerweile, um Freunde zu besuchen. Nun gibt er drei Vorlesungen in Dresden als Chamisso-Poetikdozent – eine Entscheidung, die er des Öfteren erklären muss: "Wenn ich erzähle, dass ich diese Poetikdozentur in Dresden habe, dann gibt es (…) im so genannten 'Westdeutschland' sofort Vorurteile", erzählt Becker. Es ärgere ihn, dass man Dresden, Ost-Deutschland und sein Polen so schnell auf einen Menschentypus oder nur auf eine politische Meinung reduziere. "Ostdeutschland ist genauso geteilt wie Polen, was diese Problematik angeht", erklärt Becker. "Und so kenne ich auch natürlich verschiedene Städte in dieser Stadt Dresden, also zwei, drei Städte in einer Stadt kann man sagen."

Artur Becker sieht sich als Brückenbauer

In Dresden entstanden in den letzten 200 Jahren viele große Werke polnischer Autoren, erzählt Becker. Gleichzeitig ließen sich – besonders hier im Osten Deutschlands – viele Parallelen zu Polen ziehen. Das Jahr 1989 habe hier und dort gewisse Dinge eingefroren, einige Menschen konnten sich in dieser neuen Welt nicht wiederfinden. Rechtskonservative Tendenzen habe es in Polen als auch in Deutschland allerdings bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gegeben. Die rechtskonservativen Parteien PIS oder die AfD seien nicht einfach vom Himmel gefallen, sagt Becker. Das werde er auch in Dresden thematisieren – aber nicht ausschließlich: "Von Artur Becker kennt man eigentlich, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme, aber ich bin ein Brückenbauer", beurteilt sich Becker selbst. Ein Schriftsteller müsse auf der einen Seite sehr kalt sein und auf der anderen Seite sehr viel Verständnis für menschliche Schwächen aufbringen. "Und da kann man jetzt nicht nach Dresden fahren und in den drei Vorträgen quasi Dresden auf Pegida und AfD reduzieren und nur darüber sprechen – oder umgekehrt: Wenn ich, sagen wir mal, eine ähnliche Haltung hätte wie Uwe Tellkamp – dann auf der anderen Seite Dinge hervorheben und sagen: 'Wir sind aber hier anders, wir trauen der Bundesrepublik Deutschland, wie sie heute gemacht wird, nicht'. Das ist mir genauso radikal."

Dresden als Ort der Veränderung

Für Becker gehört so viel mehr zu Dresden abseits der oft betrachteten Wendezeit oder der Zeit des Zweiten Weltkriegs. So sei die Stadt reich an Kulturgeschichte und ein geniales Beispiel, wie sich eine Stadt über Jahre hinweg immer wieder verändert.

Dresden ist ein special place.

Artur Becker, Schriftsteller
Artur Becker 3 min
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MDR FERNSEHEN Di 04.08.2020 15:22Uhr 03:04 min

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In seiner Chamisso-Poetikdozentur vor Ort will Becker auch soziologische und philosophische Fragen diskutieren, etwa: Welche Funktion hat das Böse in unserer Welt? Wie verändert Macht ein Individuum? Aber auch das schwierige Verhältnis zwischen Deutschland und Polen soll eine Rolle spielen, außerdem, wie es ist, als Autor in zwei Sprachen, zwei Kulturen und zwei Nationen zu leben.

Über Artur Becker Artur Becker wurde 1968 im polnischen Bartoszyce (Masuren) geboren und ist in den 80er-Jahren nach Deutschland emigriert. Ab 1989 schrieb er seine Gedichte, Erzählungen, Romane und Essays ausschließlich auf Deutsch. Nach 30 Jahren schreibt er nun an einem ersten Gedichtband in polnischer Sprache. Dieser soll gleichzeitig auf Deutsch und Englisch erscheinen.

Die Chamisso-Poetik-Vorlesungen Insgesamt wird Artur Becker drei Chamisso-Poetik-Vorlesungen geben – am 24. September, am 1. und 22. Oktober, alle um 19:30 Uhr im Dresdner Kulturpalast und später als Videoaufzeichnung im Internet.

Die Chamisso-Poetikdozentur Die Dresdner Chamisso-Poetikdozentur wurde zwischen 2000 und 2011 an deutschsprachige Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft vergeben und erfährt in diesem Jahr eine Neuauflage.

In Vorlesungen reflektieren die Autorinnen und Autoren persönliche interkulturelle Erfahrungen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. September 2020 | 08:40 Uhr