Schüler demonstrieren für mehr Klimaschutz
Schüler demonstrieren in Jena für mehr Klimaschutz Bildrechte: MDR/Alexander Reißland

Neue Protestgeneration Warum die Politik die Jugend nicht erreicht

Eine neue Protestgeneration ist europaweit herangewachsen, das zeigen die anhaltenden und wachsenden Demonstrationen für "Fridays for Future", das zeigen die Erstwähler bei der jüngsten Europawahl und das zeigt auch das fundiert recherchierte Video von Rezo: "Die Zerstörung der CDU", das millionenfach geklickt wurde. Die Reaktion der Parteien hat gezeigt, dass sie die politische Kommunikation im 21. Jahrhundert noch nicht beherrschen. Im Gespräch dazu ist der Kommunikationswissenschaftler Professor Martin Emmer, er lehrt und forscht an der FU Berlin und am Weizenbaum-Institut.

Schüler demonstrieren für mehr Klimaschutz
Schüler demonstrieren in Jena für mehr Klimaschutz Bildrechte: MDR/Alexander Reißland

MDR KULTUR: Der politisch aktive Nachwuchs kommuniziert und diskutiert auf seine Art. Was daran irritiert besonders den etablierten Politikbetrieb?

Martin Emmer: Den irritiert, dass diese jungen Leute relativ respektlos und auf gleicher Augenhöhe plötzlich auf der Matte stehen und das nach ihren eigenen Regeln tun. Die halten sich nicht an klassische politische Kommunikationsprozesse, die über Jahrzehnte, wenn nicht über Jahrhunderte eingeübt worden sind, sondern nutzen ihre Medien, um ihre Themen auf die Tagesordnung zu setzen. Und da haben die etablierten politischen Akteure große Schwierigkeiten, damit umzugehen.

Die bisher eingeführten politischen Spielregeln waren Stammtische, Parteitage, Diskussionen innerhalb der Partei und dann Leitartikel und Talkshows im Fernsehen?

Martin Emmer, Kommunikationswissenschaftler an der Freien Universität Berlin
Unser Gesprächspartner: Prof. Martin Emmer, Kommunikationswissenschaftler an der Freien Universität Berlin Bildrechte: dpa

Ja, gerade die Kommunikation mit den Wählerinnen und Wählern war ja relativ eng begrenzt auf wenige Kanäle. Eigentlich auf die klassischen Massenmedien in der Regel. Das heißt, Politiker haben im Wesentlichen mit Journalisten – über die Medien – mit ihren Wählerinnen und Wählern gesprochen.

Und wenn man mal direkt mit denen in Kontakt kam, dann in der Regel in Formaten, in denen diese politischen Akteure die Kontrolle hatten. Man hat Veranstaltungen organisiert, wo dann mal mit Bürgern gesprochen wurde. Aber am Ende war das alles sehr stark kontrolliert von diesen Akteuren.

Das erkennt man auch an der Unsicherheit vieler Politiker im Moment, dass das jetzt eine ganz neue Art der Kommunikation ist, die die klassischen Politiker zum großen Teil gar nicht verstehen. Und selbst wenn, könnten sie diese Kommunikationsformen nicht mehr so kontrollieren, wie sie sie früher kontrollieren konnten.

Teilnehmer einer 'Fridays for Future' - Kundgebung gegen den Klimawandel halten Schilder mit Losungen. 7 min
Bildrechte: dpa

Die Jugend setzt die Politik unter Druck, sie will eine Kommunikation auf Augenhöhe. Dazu im Gespräch: Kommunikationswissenschaftler Professor Martin Emmer von der FU Berlin.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 21.06.2019 18:05Uhr 07:02 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Teilnehmer einer 'Fridays for Future' - Kundgebung gegen den Klimawandel halten Schilder mit Losungen. 7 min
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Die Jugend setzt die Politik unter Druck, sie will eine Kommunikation auf Augenhöhe. Dazu im Gespräch: Kommunikationswissenschaftler Professor Martin Emmer von der FU Berlin.

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Die etablierten Politiker haben natürlich auch versucht, über Twitter, über Youtube, über Videobotschaften Anschluss an diese Generation zu finden. Warum sind diese Botschaften nicht so angekommen, wie jetzt das Video von Rezo zum Beispiel?

Da zeigt die Forschung konstant seit 15, 20 Jahren, dass die Politik diese Medien benutzt hat, wie sie früher Pressemitteilungen benutzt hat. Man verbreitet die eigenen Parteipositionen, man lädt vielleicht auch mal Nutzerinnen und Nutzer ein zu einer Diskussion.

Aber am Ende ist all das, was man da beobachten kann, was Parteien, was Politiker machen, nicht wirklich Social-Media-tauglich. Da wird nicht wirklich interagiert, man geht nicht wirklich ein auf die Leute. Sondern es ist nach wie vor so, dass die politische Strategieentwicklung innerhalb der Parteien läuft – und die wird dann nach außen verkauft. Und es gibt ganz wenige Rückkanäle, selbst wenn Parteien und Politiker mit Twitter und Facebook mittlerweile schon auch umgehen.

Rezo
Youtuber Rezo hat die Parteien mit seinem Video "Die Zerstörung der CDU" kalt erwischt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Also war das der Trugschluss, man könne auf das Format gehen, auf Facebook, Twitter oder Youtube – dabei geht es wirklich um die Art und Weise, wie man mit dem Wähler und dessen Anliegen in Kontakt kommt?

Ja, man sieht das sehr deutlich, dass gerade die jungen Leute einfach mitreden wollen. Die wollen gehört werden und wollen eine Stimme haben. Und – das ist jetzt nicht wirklich nur eine Frage der Social-Media-Nutzung – darauf ist das gesamte politische System bei uns nicht wirklich eingestellt. Parteien, auch unser politisches Repräsentationssystem mit Wahlen, mit Parlamenten, Bundestag, Landtagen, ist nicht wirklich darauf eingestellt, dass Bürgerinnen und Bürger einfach immer so mitreden können.

Und da haben wir, glaube ich, ein Problem, das deutlich darüber hinausgeht, nur einfach Social Media besser zu nutzen. Sondern, ich glaube, dass langfristig auch unser politisches System herausgefordert ist, neue Wege der stärkeren Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern zu finden.

Es ist ja eine sehr offene Situation, in der einige auch wirklich ins Schwimmen kommen, wenn man an die CDU und ihre Reaktion auf das Rezo-Video denkt. Gibt es da eigentlich vergleichbare Situationen in der Entwicklung der Kommunikation?

Man muss schon sagen, dass diese Veränderungen, die wir da beobachten, tatsächlich eine Qualität haben, wie damals die Entwicklung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg. Da entsteht wirklich eine ganz neue Kommunikationsinfrastruktur, die sehr, sehr tief in die Gesellschaft hinein wirkt. Als Parole wissen wir das, aber wir sehen an solchen Beispielen dann immer wieder, was das eigentlich konkret bedeutet.

Am Samstag lädt zum Beispiel der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer zusammen mit dem Landesschülerrat von Sachsen zu einer Schülerklimakonferenz, da soll ein Debatten- und Dialogformat entstehen. Das ist sozusagen so ein Beginn, ein dialogisches Format. Aber entscheidend ist ja auch, dass politisches Handeln daraus folgt?

Eine Schülerin trägt ein Stirnband mit der Aufschrift "Macht es wie wir Kinder. Werdet erwachsen" während sie an der "Fridays for Future" - Klimademonstration teilnimmt.
Plakat bei einer "Fridays for Future"-Demonstration Bildrechte: dpa

Gut, Dialog mit Wählerinnen und Wählern, mit jungen Leuten ist jetzt natürlich nicht verkehrt. Aber letztendlich sieht man daran nach wie vor das alte Muster. Das sind Veranstaltungen, die werden von den Politikern organisiert. Die bestimmen die Regeln: 'Wir laden mal junge Leute ein, um mit ihnen zu reden.' Und das ist eben nicht das, was in der Regel gefordert wird, gerade auch auf sozialen Medien.

Und das zweite Problem ist, dass letztendlich vollkommen unklar ist: Was bewirkt das eigentlich? Das ist ja nett, dass der Ministerpräsident da mit jungen Leuten spricht, aber im Prinzip gibt es keinerlei, auch verfassungsrechtlich abgesicherte, Verfahren, die dann auch sicherstellen, dass das, was da diskutiert wird, auch irgendwelche Folgen hat. Und das ist das Problem, das ich gerade ja schon genannt habe. Darauf wird sich die Politik stärker einstellen müssen, dass solche Formate auch nachweisbare Effekte auf die Politik haben und nicht nur so eine Schaufenster-PR-Aktion bleiben.

Was meinen Sie, inwieweit sich Politiker da auch nochmal ändern müssen in ihrem Selbstverständnis?

Ja genau, das ist die Herausforderung, die sehr schwer für etablierte Politiker ist, denn die sitzen nach wie vor in Machtpositionen. Die können eigentlich nur verlieren. Wenn man jetzt Macht abgibt, wenn man Menschen mitreden lässt, wenn man sich wirklich einlässt auf Dialoge, dann gibt man Macht ab. Und ich bin relativ skeptisch, dass die politischen Akteure, die im Moment in den Parlamenten sitzen, die in den Parteien Ämter haben, dass die wirklich diese Selbstüberwindung aufbringen können, um tatsächlich offen zu sein.

Ich glaube eher, dass das funktionieren wird über eine Veränderung des Parteiensystems, die wir im Moment ja gerade beobachten. Dass neue Akteure auf die Tagesordnung treten, die das besser integrieren können als diese alten, etablierten politischen Akteure.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Redakteurin Kristin Unverzagt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Juni 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2019, 18:43 Uhr

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