Ann-Elisabeth Wolff Leipziger Festival-Direktorin verabschiedet sich mit Schattenfestival: "Absurd viel Arbeit"

Eigentlich sollte die euro-scene, das Leipziger Festival für Tanz und Theater aus Europa, vom 3. bis zum 8. November ihr 30-jähriges Jubiläum feiern. Wegen der Corona-Pandemie und des Teil-Lockdowns musste es jedoch ersatzlos ausfallen. Die Festival-Direktorin Ann-Elisabeth Wolff ist davon besonders betroffen: Sie ist seit dem Anfang dabei und wollte sich nun nach langjähriger Leitung zurückziehen. Sie hofft, den großen Abschied nachholen zu können.

Euro-Scene 4 min
Bildrechte: Fotografiert von Rolf Arnold, Bereitgestellt von euro-scene Leipzig

Der Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer hat in den 70er-Jahren ein Bild gemalt: "Die Ausgezeichnete". Eine ältere Frau sitzt ganz alleine an einem weiß eingedeckten Tisch, vor ihr liegt ein Blumenstrauß. Sie ist tief in Gedanken versunken und irgendetwas scheint für sie zu Ende gegangen zu sein. Ähnlich dürfte es Ann-Elisabeth Wolff dieser Tage gehen, der Prinzipalin des Leipziger Festivals euro-scene. Sie wollte sich in diesem Herbst des kulturellen Missvergnügens eigentlich mit der 30. Ausgabe des Festivals des zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes verabschieden. Wegen des sogenannten Lockdowns Light wurde es nur ein Schattenfestival, wie sie es nennt: "In unserem Bewusstsein ist es gerade zu Ende gegangen, aber es gab das Festival gar nicht."

Mehr Arbeit nach Absage

Mit der Absage fiel auch der letzte persönliche Applaus für 30 Jahre erfolgreiche Arbeit aus. Es gab nicht mal einen Blumenstrauß. Das nagt an der umtriebigen Chefin, auch wenn die Arbeit weitergeht. Denn bevor ihr Nachfolger Christian Watty übernimmt, gibt es noch einiges zu tun, fast mehr als sonst nach einem Festival, meint Wolff. Die Ausfallhonorare an die eingeladenen Künstler und Künstlerinnen, die vertraglich zugesichert wurden, müssen ausbezahlt werden. "Wir wollten, dass die Künstler nicht die Leidtragenden sind, deswegen haben wir diese Klausel aufgenommen." Außerdem müssen noch zahlreiche Briefe geschrieben werden: "Die Danksagungen, so viele Danksagungen für eine Sache, die nicht stattgefunden hat. Es ist schon etwas absurd."

Regisseurs, Puppenspielers und Kunstpfeifers Nikolaus Habjan
Auch 2020 sollte der Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan auftreten. Bildrechte: imago images / Rudolf Gigler

Wie bereits vor zehn Jahren gibt es auch in diesem Jahr ein Buch zum Jubiläum: Ein große grüne 30 steht auf der Publikation, obwohl es nur 29 Ausgaben geworden sind. Auf gut hundert Seiten zieht da am Auge des Betrachters noch einmal lokale, nationale und europäische Tanz- und Theatergeschichte vorbei. Ann-Elisabeth Wolff blickt gerne auf diese Zeit zurück: "Natürlich sind die 29 Jahre toll gewesen. Ich muss das vielleicht gar nicht sagen, sondern die Zuschauer und die Künstler, die dabei waren."

Rückblick auf 29 großartige Jahre

Der belgische Choreograph und Regisseur Alain Platel
Alain Platel war ein häufig gesehener Gast beim Festival Bildrechte: dpa

In dem Heft ist die Choreografin Marcia Haydée zu sehen, Hand in Hand mit dem Choreografen John Neumeier, der treue Festivalbegleiter Alain Platel, Tanz-Ikone Anne Teresa de Keersmaeker, das Wiener Burgtheater gab seine Visitenkarte ab, Regisseur Alvis Hermanis aus Riga war da und immer wieder große Companies aus dem franko-belgischen Raum. Ungezählt die kleinen Truppen aus ganz (Ost-)Europa. Ann-Elisabeth Wolff hat ein – zugeben auch von ihrem persönlichen Geschmack und Netzwerk geprägtes – Festival geschaffen und geleitet, dass hinsichtlich Kontinuität und Publikumsresonanz einzigartig war in Leipzig.

Euro-Scene
Alle zwei Jahre wurde das "Bestes deutsche Tanzsolo" ausgezeichnet. Bildrechte: Fotografiert von Rolf Arnold, Bereitgestellt von euro-scene Leipzig

Nun gilt es loszulassen. Das weiß sie und trotzdem ist da auch etwas Wehmut: "30 Jahre können nicht einfach so in der Versenkung verschwinden. Ich hoffe und denke, dass wir, also alle, die in den vergangenen 30 Jahren mitgemacht, einen Anspruch haben auf eine Art Schlusspunkt, eine Art Würdigung." Ob und wie das nachgeholt werden kann, versucht Ann-Elisabeth Wolff gerade mit ihrem Nachfolger Christian Watty, dem Verein zur Förderung des kulturellen Austauschs nationaler und internationaler Tanz- und Theatergruppen e. V. und der Stadt, die das Festival mit finanziellen Mitteln gefördert hat, zu klären.

Am liebsten, das merkt man der Kämpferin an, würde sie das alles noch selbst organisieren. Wobei, dieses Abschiedsgeschenk sollten ihr schon die genannten Partner organisieren. Dann bitte auf eine Art, die Ann Elisabeth Wolff am Ende besser aussehen lässt, als "Die Ausgezeichnete" auf Wolfgang Mattheuers Bild.

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Bildrechte: Fotografiert von Rolf Arnold, Bereitgestellt von euro-scene Leipzig
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Bildrechte: Fotografiert von Rolf Arnold, Bereitgestellt von euro-scene Leipzig

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2020 | 06:15 Uhr