Stadtporträt 30 Jahre nach der Wende: Gerechtigkeit für Chemnitz

Kaum eine Stadt im Osten wurde in jüngster Vergangenheit als Nazihochburg stigmatisiert wie Chemnitz. Außerdem leidet die alte Industriemetropole noch immer an den Folgen des wirtschaftlichen Kahlschlags und der Massenabwanderung der ersten Jahre nach der Wiedervereinigung. Doch es gibt auch eine andere Seite in Chemnitz voller engagierter Menschen. In ihrer Dokumentation begibt sich MDR-Reporterin Jacqueline Hene auf einen Streifzug durch die Stadt und trifft ihre Bewohner.

Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz
Der "Nischel" blickt auf Chemnitz. Bildrechte: dpa

"Na mein Gott, was wollen sie denn in Chemnitz? Fahren sie lieber nach Dresden oder Leipzig oder ins Erzgebirge. Das ist doch viel sehenswerter", soll ein Chemnitzer Taxifahrer seinen Fahrgästen geraten haben. Diese Anekdote verdeutlicht ein Problem, das Chemnitz seit Jahrzehnten plagt: Der Ruf der Stadt ist ruiniert. Und die Einwohner, jahrelang "Chemnitz-Bashing" ausgesetzt, nehmen das offenbar unwidersprochen hin. Nicht erst seit den fremdenfeindlichen Krawallen im August 2018.

 "In den 90ern gab's ja die Wochenshow auf SAT.1 mit Ingolf Lück. In jeder zweiten, dritten Sendung hat er diese Chemnitz-Witze gemacht. Damit ging das schon los, dass man das gesehen hat. Also, Aachen ist langweilig, Magdeburg ist langweilig, ist zwar auch Osten, aber nichts ist so schlimm wie Chemnitz. Da war ich zehn Jahre alt und mir war noch nicht klar, dass ich in einer total lächerlichen Stadt wohne", erzählt Martin Böhringer, der CEO des Chemnitzer Start-ups "Staffbase" ist. Die taz vergleicht die Aura von Chemnitz gar mit der von Tschernobyl. Der Spiegel prägt in der Nachwendezeit den Begriff vom "sächsischen Aschenputtel".

Altes und Neues Rathaus in Chemnitz 55 min
Bildrechte: imago images/Rainer Weisflog

Was ist in Chemnitz seit 1990 entstanden? Was ist gelungen und wo liegen die Probleme? Jacqueline Hene, MDR-Autorin vor Ort im MDR-Studio, hat mit Chemnitzern aus Politik, Wirtschaft und Kultur gesprochen.

MDR KULTUR - Das Radio Di 07.07.2020 22:00Uhr 54:46 min

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Steilvorlagen für böse Witze

Chemnitz hat wie viele Städte der ehemaligen DDR Probleme und bietet damit viel Angriffsfläche für Schmähartikel. So gestaltet sich schon die Anreise schwierig. Wegen fehlender Elektrifizierung fahren nach Chemnitz keine IC oder ICE-Züge. Das Zentrum, im Krieg fast vollständig zerstört, lag bis in die 2000-er Jahre brach! Ähnlich blieb der Platz rund um das Rathaus ein riesiger Parkplatz. "Es war leer, keinerlei Urbanität und man konnte in alle Richtungen sehr weit schauen", erinnert sich der damalige Oberbürgermeister Peter Seifert.

In der DDR hieß es, man erkennt den Karl-Marx-Städter daran, dass er immer rennt. Das lag daran, dass wir keine Innenstadt hatten, immer weite Wege zurücklegen mussten und das sehr schnell.

Jan Kummer, bildender Künstler aus Chemnitz

Die ikonische Wirkung

Arbeitsamt Chemnitz 01.08.1990, DDR, Chemnitz
Viele Chemnitzer haben mit der Wiedervereinigung ihre Anstellung verloren. Bildrechte: imago images / HärtelPRESS

Dann kam die Wende. Privatisierungen und Massenentlassungen setzten der  Industriemetropole besonders zu:  Von 100.000 industriellen Arbeitsplätzen blieb gerademal ein Zehntel erhalten. Fast 80.000 Menschen reisten der Arbeit hinterher, kehrten Chemnitz den Rücken – die meisten für immer. Auf den Massenexodus folgten Leerstand und Frustration. Peter Seifert spricht von einem "Trauma, das die Älteren bis heute nicht verarbeitet haben". 

Im August 2018 blickte Deutschland wieder nach Chemnitz: Der gewaltsame Tod von Daniel H. und die offen fremdenfeindlichen Krawalle geben Chemnitz den Rest. Die symbolträchtigen Bilder vom Hitlergruß am Marx-Monument gingen um die Welt. "Chemnitz hat jetzt das Pech, dass dieser riesige Marx-Kopf da steht und sich dafür optisch hervorragend eignet: Das Bild erkennen die Leute schnell wieder. Alles, was seit Jahrhunderten zu Chemnitz gehört, wird einfach unterschlagen. Ich muss sagen, dass mich da die Wut gepackt hat", erzählt Ingrid Mössinger, ehemalige Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz.

Teilnehmer der Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida ziehen 2018 zum Karl-Marx-Denkmal.
Ein Bündnis aus rechten und fremdenfeindlichen Aktivisten zog im Sommer 2018 durch Chemnitz. Bildrechte: dpa

Lieber Chemnitz als Berlin

"Wir sind nicht Hochglanz", räumt Martin Böhringer ein, Gründer des Chemnitzer Start-ups Staffbase. Sein Unternehmen wächst schnell, hat Außenstellen in London, Amsterdam und New York. Dass die Hauptstelle immer noch Chemnitz ist, sorgt auch für Verwirrung: "Wenn man dann auf irgendwelchen Veranstaltungen ist und gefragt wird: 'Wo kommst Du eigentlich her?', dann meint das Gegenüber eigentlich, in welchem Stadtteil von Berlin sitzt ihr eigentlich. Dann sieht man diese verwirrten Gesichter, wenn man sagt: Chemnitz!"

Kraftklub geben in Chemnitz ein Überraschungskonzert
Die Band "Kraftklub" spielt auf heimischer Bühne. Bildrechte: MDR/Harry Härtel

 Böhringer ist Mitte 30 und mag dieses Spiel mit dem "Looser-Image", mit dem auch "Kraftklub" spielen. Die Chemnitzer Band singt voller Inbrunst: "Ich komm' aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, Original-Ostler." Auch ihr Song "Ich will nicht nach Berlin!" ist ein trotziges Statement pro Chemnitz.

Jan Kummer, Vater der Kraftklub-Mitglieder Felix und Till, beschreibt sein Chemnitz-Feeling so: "Man konnte viele Städte kennenlernen, ohne die Stadt hier zu verlassen. Die Stadt hat sich selber ständig verändert. Ich habe eine sozialistische Großstadt kennengelernt, ich habe eine Wildwest-Stadt kennengelernt in der Wendezeit. Ich hab den Aufbau nach der Wende miterlebt. Dann eine Konsolidierungsphase."

Ich musste Chemnitz nie verlassen und habe ständig eine andere Stadt erlebt. Diese Wandlungen und die Spannungen, die dazugehören, das macht es für mich so interessant, hier zu leben.

Jan Kummer, bildender Künstler aus Chemnitz

Auf einer farbig gestalteten Freitreppe zwischen Häusern sitzen viele Menschen.
Das Stadtbild der als grau verschrieenen Stadt wird bunter. Bildrechte: MDR/Anett Linke

 Aktuell macht Chemnitz gerade eine weitere Wandlung durch. Denn die sächsische Stadt hat sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025 beworben und versucht dafür bunter zu werden. Sollte die Entscheidung zugunsten der ehemaligen Karl-Marx-Stadt ausgehen, könnte das weitere Veränderungen bedeuten: Der Blick auf die angeblich so verwaiste Stadt könnte sich ändern und das touristische Interesse neue Möglichkeiten für die Stadtentwicklung bedeuten.

Chemnitz bei MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2020 | 18:05 Uhr