Psychotherapie Wieso es hilft, mit jemandem zu reden

Was macht eigentlich eine Psychotherapeutin? Sie hilft den Leuten, mit ihrem Seelenschmerz nicht allein zu bleiben, erklärt Bestseller-Autorin Lori Gottlieb in ihrem Buch "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden". Wegen Trennungsschmerz geht die Therapeutin sogar selbst zur Therapie – und zeigt dem Leser damit, warum man sich dafür nicht schämen muss.

Psychotherapie
Reden kann helfen, vor allem mit Therapeuten Bildrechte: imago/Felix Jason

Für John sind alle Menschen Idioten. Er ist der einzig Normale und dass eine Therapie an seiner Weltsicht irgendetwas ändert, das bezweifelt er. Trotzdem sitzt er in der Praxis von Lori Gottlieb und haut ihr alle seine Vorurteile um die Ohren. Er macht sich lustig darüber, dass sie sich seinen ganzen Frust anhören muss und hat nicht einmal den Anstand, während der Sitzung sein Handy wegzulegen. Doch es ist die hohe Kunst der Psychotherapie, sich auch durch solch abwehrendes Verhalten nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, hinter die Fassade zu schauen. Denn dass dort ein wunder Punkt liegt, ist offensichtlich. Nur welcher, das muss Lori Gottlieb noch herausfinden und ihre Leser dürfen sie dabei begleiten.

Leseprobe (S. 128)

Diagnosen sind nützlich. Ich weiß beispielsweise, dass Menschen, die fordernd, kritisch oder zornig sind, häufig unter Einsamkeit leiden. Ich weiß, dass Menschen, die sich so verhalten, einerseits wahrgenommen werden wollen, andererseits genau davor eine Heidenangst haben. Ich glaube, dass John die Erfahrung der Verletzlichkeit für armselig oder beschämend hält – und ich glaube, dass man ihm irgendwie die Botschaft vermittelt hat, keine "Schwäche" zu zeigen, als er sechs Jahre alt war und seine Mutter starb. Würde er Zeit darauf verwenden, sich seine Gefühle anzusehen, würden ihn diese vermutlich überwältigen, daher projiziert er sie auf andere in Form vom Ärger, Spott oder Kritik.

Wir arbeitet eine Psychotherapeutin?

Cover: Lori Gottlieb „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“
Lori Gottlieb "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden" Bildrechte: Verlag Hanserblau

Außer John begegnen wir in Lori Gottliebs Buch "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden" weiteren Patienten der kalifornischen Therapeutin. Da ist Rita, die schwer daran trägt, dass ihre Kinder nicht mehr mit ihr sprechen, da ist Julie, die Krebs hat und bald sterben wird und da ist Charlotte, die zu viel trinkt. Es sind exemplarische Fälle, an denen lebensnah und mit viel Empathie erklärt wird, wie eine Psychotherapeutin arbeitet und was ein Patient oder eine Patientin von einer Therapie erwarten kann. Und das ist vor allem eines: Selbsterkenntnis. Das klingt simpler, als es ist, denn die Sicht auf das eigene Ich ist oft verstellt durch all das, was uns im Leben so zustößt.

Leseprobe (S. 200)

Der Therapeut hilft Ihnen dabei, das Selbst zu verstehen, das Sie tatsächlich sind. Aber wenn Sie sich selbst kennenlernen wollen, müssen Sie auch vergessen, wer Sie sind – Sie müssen die Geschichten loslassen, die Sie sich bisher über sich selbst erzählen. Damit diese Sie nicht weiter beschränken. Damit Sie Ihr Leben leben können und nicht die Geschichten, die Sie sich darüber erzählen.

Therapeutin in Therapie

Doch Lori Gottlieb erzählt nicht nur aus ihrer professionellen Perspektive, sondern begibt sich selbst in Therapie, nachdem sie von einem Mann verlassen wurde, von dem sie überzeugt gewesen ist, er sei ihre große Liebe. Auch so eine Geschichte, die sie sich vor allem selber erzählt hat, ohne die Signale zu erkennen, die dagegen sprachen. Und für die Leserin der dezente Hinweis, dass für die Psychotherapie kein Thema zu unbedeutend, kein Anlass zu klein ist, um nicht einen Eingang in die komplexe Welt des Unbewussten zu finden.

Leseprobe (S. 406)

Es ist ein sonniger Tag in Los Angeles, und ich bin bester Laune, als ich meinen Wagen vor Wendells Praxis abstelle. Ich finde es beinahe ärgerlich, dass ich an Therapietagen immer so gut drauf bin – worüber sollen wir denn dann reden? Aber eigentlich weiß ich es besser. Tatsache ist, dass die Sitzungen, zu denen der Patient ohne Krisenstimmung oder Plan kommt, die aufschlussreichsten sind. Wenn wir unserem Geist Raum zum Herumschweifen lassen, führt er uns an die überraschendsten und interessantesten Orte.

Persönlich und wissenschaftlich

Lori Gottlieb belässt es nicht dabei, von ihren Erfahrungen als Therapeutin und Patientin zu erzählen, sie geht auch auf die Geschichte der Psychotherapie ein, zitiert unter anderem C.G. Jung, Erich Fromm und Viktor Frankl. Sie berichtet davon, wie sie überhaupt Therapeutin geworden ist und tut das alles in dieser typisch amerikanischen Variante eines erzählenden Sachbuchs. Völlig zwanglos wird da hin und her gewechselt zwischen persönlich und wissenschaftlich, zwischen heiter und ernsthaft, leicht und profund. Das kann schiefgehen, hier aber funktioniert es sehr gut, weil es am eigenen Alltag anschließt und man doch sanft in Richtung Erkenntnis und Aha-Effekt geschubst wird. Sodass man am Ende viel über Psychotherapie erfahren und sich zugleich gut unterhalten hat.

Nicht allein bleiben mit Seelenschmerz

Bei John, dem wütenden Patienten, stellt sich übrigens heraus, dass er als Kind nicht nur seine Mutter, sondern als Vater auch seinen Sohn verloren hat. Sein Schmerz über diese traumatischen Ereignisse ist so überwältigend, dass er alles dafür tut, ihn nicht zuzulassen. Doch darüber zu sprechen hilft auch ihm. Und so ist "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden" von Lori Gottlieb vor allem auch ein Plädoyer dafür, mit seinem Seelenschmerz nicht allein zu bleiben, sich dem eigenen Seelenheil nicht zu verweigern.

Mehr Infos zum Buch Lori Gottlieb
"Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden"
Übersetzt von Elisabeth Liebl
Verlag Hanserblau
528 Seiten
ISBN: 978-3-446-26604-9

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2020 | 07:40 Uhr