"Tosca" am Theater Annaberg-Buchholz
"Tosca"-Inszenierung am Theater Annaberg-Buchholz Bildrechte: Dirk Rückschloß/BUR-Werbung

Opernkritik Kleine Bühne, große Inszenierung: "Tosca" in Annaberg-Buchholz

Giacomo Puccinis "Tosca" ist einer der Klassiker der Opernbühne. Kann das große Werk auf einer relativ kleinen Bühne wie in Annaberg-Buchholz bestehen? Unser MDR KULTUR-Opernkritiker Boris-Michael Gruhl zeigt sich nach der Premiere am Sonntag, 20. Januar, überzeugt, ihn hat die Inszenierung stark berührt.

"Tosca" am Theater Annaberg-Buchholz
"Tosca"-Inszenierung am Theater Annaberg-Buchholz Bildrechte: Dirk Rückschloß/BUR-Werbung

MDR KULTUR: Gestern feierte am Theater in Annaberg-Buchholz Puccinis Oper "Tosca" Premiere. Ein so anspruchsvolles, großes Musikdrama an einem kleinen Theater scheint erstaunlich. Übersteigt ein solcher Anspruch die Möglichkeiten eines so kleinen Theaters?

Boris Michael Gruhl: Der Gedanke liegt nahe. Aber zum einen gibt es ja – nicht nur in Annaberg – immer wieder auch kleinere Theater, die sich großen Herausforderungen mit Erfolg stellen. Nicht ganz so klein, aber immerhin: am Theater in Altenburg gab es sogar Wagners "Der Ring des Nibelungen". Große Wagner-Opern wurden auch in Annaberg aufgeführt, der "Tannhäuser" 1949 und zehn Jahre später "Der Fliegende" Holländer.

Es ist ja eine besondere Tradition dieser Stadttheater, mit deren Ensembles sich das Publikum gern identifiziert und das erleben möchte, wie "ihre" Sängerinnen und Sänger eben auch mal bis an die Grenzen der Möglichkeiten gehen.

Mit Puccinis "Tosca" kommt hier, wenn man so will, ein Reißer auf die Opernbühne, ein Politthriller.

Ja, Tosca ist ein Operntriller. 1900 in Rom uraufgeführt, wo das Werk im Juni 1800 spielt. Die Primadonna Tosca ermordet Scarpia, den Polizeichef von Rom. Der ließ ihren Geliebten, den Maler Cavaradossi foltern, um von ihm zu erfahren, wo sich der revolutionäre Republikaner Angelotti, einstiger Konsul, Anhänger Napoleons und Anführer eines gescheiterten Umsturzes, verborgen hält.

Es gibt neben den großen Szenen, wie dem berühmten "Te Deum" in der Kirche als opulentem Finale des ersten Aktes, vor allem höchst intensive Szenen der Hauptpersonen. Insbesondere im zweiten Akt gibt es diese so spannende Begegnung Toscas mit dem Polizeichef Scarpia. Wenn sie, um das Leben ihres Geliebten zu retten, den Aufenthalt des Gesuchten verrät – und Scarpia dann ermordet, während sie ihm vorspielt, für ein Liebesabenteuer bereit zu sein. Der Chor hat hier seinen Einsatz hinter der Bühne, wenn zu Beginn Scarpia im Palazzo Farnese Toscas Gesang in einer Kantate aus der Ferne hört.

Ganz ohne Chor dann der dritte Akt, auf der Engelsburg, wo Cavaradossi angeblich zum Schein erschossen werden soll, so hatte es Scarpia Tosca zugesagt – was natürlich eine Lüge war.

"Tosca" am Theater Annaberg-Buchholz
Die Premiere fand am 20. Januar statt, weitere Aufführungen gibt es am 23. Januar sowie am 2., 8. 14. und 17. Februar Bildrechte: Dirk Rückschloß/BUR-Werbung

Es sind alles Orte, die es wirklich in Rom gibt. Wie bringt Ausstatter Martin Scherm diese auf die ja nicht so große Bühne in Annaberg-Buchholz? Und wie inszeniert darin Rainer Wenke das Stück?

Martin Scherm stilisiert, die Orte sind klar charakterisiert. Sehr eindrücklich ist der dritte Akt: total reduziert, ein Sternenhimmel, den ja Cavaradossi auch besingt. Davor eine Erschießungswand, eine Hinrichtungsstelle, die schlimmste Assoziationen zulässt. Zumal von den Kostümen her diese "Tosca" zur Zeit des aufkommenden Faschismus spielt.

Der erfahrene Regisseur nutzt diese Vorgaben für eine intensive Führung der Personen. So vollzieht sich hier spannendes Musiktheater. Ich konnte mich da nicht entziehen, mich hat das stark berührt, zumal einem diese Menschen ja auch in wahrstem Sinne des Wortes, in diesem Theater sehr nahe kommen.

Und die musikalische Seite? Sängerinnen und Sänger aus dem Ensemble, Chor und Kinderchor verstärkt in der Einstudierung von Jens Olaf Buhrow, die Erzgebirgische Philharmonie unter der Leitung von Naoshi Takahshi – da gibt es ja enorme Anforderungen!

Da beweist sich, was ein kleines Theater leisten kann, wenn es sich seiner Möglichkeiten bewusst ist und diese aber auch bis an die Grenzen ausreizt, aber nicht überschreitet. Auf den großen Klang des Orchesters muss man nicht verzichten, da kann es dramatisch aufbrausen um dann aber wieder, als habe Puccini hier kammermusikalisch komponiert, ganz spannend und intensiv zu werden. Die große Chorszene ist beindruckend. Die Sängerinnen und Sänger erweisen sich alle, bei vollem Einsatz ihrer individuellen Möglichkeiten als überzeugende Musiktheaterdarsteller. Bettina Grothkopf, eine dramatische Tosca, ist gesanglich am stärksten in der lyrischen Mittellage.

Der Tenor Jason Lee als Cavaradossi singt hier in seiner ersten großen Partie nach dem Wechsel aus dem Chor ins Solistenfach. Er  weckt Hoffnungen, auch hier eher die zarteren Passagen, als der dramatische Ausbruch. Für mich ist die Leistung des Abends Jason-Nandor Tomory als Scarpia, gesanglich, im Spiel, markante Baritontöne, Hinterlist und Bosheit und doch kein Bilderbuchbösewicht.

Insgesamt gibt es eine stimmige Ensembleleistung, schön und wild, im Sinne des Werkes. Die Spannung lässt nicht nach, szenische Musikalität bestimmt den Verlauf, auch Innehalten bei den melodischen Arien. Cavaradossi kommt zu Beginn, beim "Wie sich die Bilder gleichen" mit Schwung, am Ende dann liedhaft zurückgenommen im "Und es blitzten die Sterne".

Toscas große Arie ist im zweiten Akt: "Nur der Schönheit weiht ich mein Leben". Es gelingt erstaunlich, wie diese hochgetriebene Dramatik sich Bahn bricht, wie der dramatischen Direktheit immer wieder Einhalt geboten wird durch visionäre Melodik.

Ein Hoffnungsschimmer in der hoffnungslosen Geschichte mit vier Toten am Ende ist der einsame Gesang eines Kindes zu Beginn des dritten Aktes vor der Hinrichtungswand. Der Junge hält einen grünen Zweig in der Hand. Das Premierenpublikum war begeistert.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Weitere Aufführungen 23. Januar / 2. Februar / 8. Februar / 14. Februar / 17. Februar 2019

Das Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz Mit 295 Plätzen ist das Eduard von Winterstein Theater in Annaberg-Buchholz eines der kleinsten Theater in Mitteldeutschland, mit eigenem Ensemble für Musiktheater mit dem Orchester der Erzgebirgischen Philharmonie Aue und dem Schauspiel. 1893 wurde das Theater eröffnet, der später berühmte Schauspieler Eduard von Winterstein spielte zur Eröffnung die Titelrolle in Goethes "Egmont", 1981 wurde das Theater nach ihm benannt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Januar 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2019, 15:22 Uhr