Angela Merkel und Wladimir Putin führen im Garten von Schloss Meseberg ein Vier-Augen-Gespräch
2018 führten Kanzlerin Angela Merkel und Wladimir Putin im Garten von Schloss Meseberg (Brandenburg) ein Vier-Augen-Gespräch. Bildrechte: dpa

Dokumentation "Putin und die Deutschen" – ein besonderes Verhältnis

Der russische Präsident Wladimir Putin hat eine enge, aber komplizierte Beziehung zu Deutschland. Diese Nähe gehört zu den Gründungsmythen seiner Präsidentschaft. Diesem besonderen Verhältnis hat sich der Filmemacher Matthias Schmidt aus Sachsen-Anhalt in der Doku "Putin und die Deutschen" gewidmet, die nun im ZDF zu sehen ist. Im Interview erklärt er unter anderem, ob Wladimir Putin im Osten anders wahrgenommen wird als im Westen Deutschlands.

Angela Merkel und Wladimir Putin führen im Garten von Schloss Meseberg ein Vier-Augen-Gespräch
2018 führten Kanzlerin Angela Merkel und Wladimir Putin im Garten von Schloss Meseberg (Brandenburg) ein Vier-Augen-Gespräch. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Sie haben für "Putin und die Deutschen" auch in Dresden recherchiert. Was hat Wladimir Putin durch seine Zeit dort gelernt?

Matthias Schmidt: Ich glaube, dass das Leben in Dresden für ihn in vielfacher Weise eine prägende Zeit war. Natürlich hat er das Land kennen- und die Leute auch schätzen gelernt. Er hat die Sprache gelernt und hier eigentlich ziemlich gut gelebt – viel besser als in der Sowjetunion. Aber er hat eben auch ein paar prägende Erlebnisse gehabt.

Eines davon hat stattgefunden im Herbst 1989, als sich hier die Friedliche Revolution durchsetzte. An dem Tag, als die Stasi-Zenrale in der Bautzner Straße besetzt wurde durch Demonstranten, da war er der diensthabende Offizier in der KGB-Villa, die nur 200 bis 300 Meter entfernt war davon. (...) Dort hat er eine Strategie gelernt, die wahnsinnig prägend für sein gesamtes Leben ist: Er hat geblufft, er hat sich größer gemacht, als er ist. Er ist vor die Villa gegangen und hat gesagt: 'Wir sind viele, wir sind bewaffnet, bitte ziehen Sie sich zurück.'

Die wichtigsten Aufenthaltsorte von Wladimir Putin in Dresden 1985-1990

Vladimir Putin mit seiner Frau Lyudmila und Tochter Katya, 1985.
Putin und seine Frau Ljudmila bekamen 1985 ihr erstes Kind Mariya. Kurz darauf zogen sie nach Dresden. Dort wurde 1986 die zweite Tochter Katerina geboren. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Vladimir Putin mit seiner Frau Lyudmila und Tochter Katya, 1985.
Putin und seine Frau Ljudmila bekamen 1985 ihr erstes Kind Mariya. Kurz darauf zogen sie nach Dresden. Dort wurde 1986 die zweite Tochter Katerina geboren. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Villa KGB-Zentrale Dresden
Dresden, Angelikastraße 4 In der Villa in der Angelikastraße 4 saß zu DDR-Zeiten der KGB. Dort arbeitete von 1985 – 1990 Wladmir Putin. Als die aufgebrachte Dresdner Menge nach dem Stasigebäude auch das KGB-Gebäude stürmen wollte, soll Putin in Zivil neben sowjetischen Soldaten mit Maschinengewehren gestanden und gesagt haben: "Ich bin Soldat bis zum Tod". Daraufhin zog sich die Menge zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Asylbewerberheim Am Jägerpark 21, 2013
Dresden, Radeberger Straße 101 In diesem Viertel wohnte Putin mit seiner Familie. Bildrechte: imago/Sven Ellger
1986, Plattenbauten in Dresden
Die Putins wohnten in einer typischen DDR-Platte. Ihre Wohnung hatte zweieinhalb Zimmer. Die zweite Tochter Katja wurde in Dresden geboren. Die beiden Töchter besuchten dort Kinderkrippe und Kindergarten. Bildrechte: imago/Bernd Friedel
Speisegaststätte "Am Thor" Dresden
Dresden, Hauptstraße 35 Ein regelmäßiger Kneipengänger war Putin nicht. Aber er war immer mal in der Gaststätte "Am Thor" hier am Albertplatz zu Gast. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Sportforum am Jägerpark Dresden
Dresden, Jägerpark 12 Am Sportplatz am Jägepark soll Putin mit den deutschen Kollegen der Stasi regelmäßig Fußball gespielt haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schloss Moritzburg
Moritzburg, Schloßallee Fischen ging der heute Präsident wohl damals schon gern. Laut Informationen der "Süddeutschen Zeitung" konnte man Putin ab und an in Moritzburg beim Angeln treffen. Bildrechte: imago/alimdi
Saunaregeln der KGB-Sauna
Dresden, Angelikastraße 4 In der KGB-Villa gab es auch eine Sauna. Bevor die KGB-Mitarbeiter 1990 ihren Standort in Dresden verließen, verbrannten sie so gut wie alle wichtigen Dokumente. Die Anleitungen zum richtigen Saunieren ließen sie dort: Kein Alkohol in der Sauna, dafür Saft, Tee und Obst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ausgediente Sudkessel vor dem Fabrikgebäude der Radeberger-Brauerei in Radeberg
Brauerei in Radeberg Das ostdeutsche Bier hatte es Wladimir Putin angetan: "Wir fuhren regelmäßig in das kleine Örtchen Radeberg, wo sich eine der besten Brauereien Ostdeutschlands befindet," erinnert sich Putin. Nach eigenen Angaben trank er wöchentlich gut drei Liter Bier.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR um Zwölf | 11.10.2006 | 12:00 Uhr.)
Bildrechte: imago/STAR-MEDIA
Alle (9) Bilder anzeigen

Haben Sie Putin selbst getroffen?

Das hat dann nicht geklappt. Ich glaube im Nachhinein, ehrlich gesagt, dass das eigentlich sogar ganz gut so ist. Alle, die ihn interviewt haben in den letzten Jahren, sind nicht wahnsinnig viel klüger herausgekommen und stattdessen aber irgendwie (...) einem Vorwurf ausgesetzt gewesen, befangen zu sein durch diese Nähe. Also ist das ganz gut so, glaube ich.

Wir haben erst mal die Geschichte von Putin und uns Deutschen auf einem Zeitstrahl hergenommen und analysiert – und die beginnt ja mit einem sehr bewegenden Moment: 2001 mit der Rede vor dem Bundestag, in der er uns Demokratie versprochen hat und Russland nach Europa führen wollte. Es gab damals eine gemeinsame Vision, möchte ich sagen. Für einen Moment glaubte man, dass das werden könnte. Und dann arbeiteten wir analytisch Schritt für Schritt darauf hin, wo wir heute sind. Nämlich darauf, dass das Verhältnis so schlecht ist wie nie zuvor.

Bilder von Putins Staatsbesuch 2001

Wladimir Wladimirowitsch Putin in Berlin, 2001.
Als Wladimir Putin Deutschland besucht, ist er 49 Jahre alt und erst seit anderthalb Jahren Russlands Präsident. Er ist noch von schmaler Statur und und ihm fehlt noch die zur Schau getragene Lässigkeit, die er sich später aneignen wird. Bildrechte: dpa
Wladimir Wladimirowitsch Putin in Berlin, 2001.
Als Wladimir Putin Deutschland besucht, ist er 49 Jahre alt und erst seit anderthalb Jahren Russlands Präsident. Er ist noch von schmaler Statur und und ihm fehlt noch die zur Schau getragene Lässigkeit, die er sich später aneignen wird. Bildrechte: dpa
Wladimir Wladimirowitsch
Eine Staatslimousine bringt Wladimir Putin am 25. September 2001 zum Deutschen Bundestag. Bildrechte: dpa
Putin und Schröder (2001)
Bundeskanzler Gerhard Schröder empfängt den jungen Präsidenten. Die beiden Männer kennen sich, bezeichnen sich als Freunde. Bildrechte: dpa
2001, Wladimir Putin, Staatspraesident Russland
Putins Macht ist noch nicht gefestigt. Und er scheint in Deutschland einen Verbündeten zu suchen. Seine Rede im Bundestag hält er auf Deutsch. Putin lobt die deutsche Kultur, "das technische Denkvermögen und kaufmännisches Geschick". Bildrechte: dpa
2001, Wladimir Putin, russischer Staatspraesident und Bundeskanzler Gerhard Schroeder
Wladimir Putin und Gerhard Schröder auf einer Pressekonferenz. Putin beschwört den Geist "der Demokratie und der Freiheit". Bildrechte: dpa
Wladimir Vladimirovich Putin and Wolfgang Clement
In Düsseldorf macht Wladimir Putin einen Zwischenstopp. Auf dem Flughafen empfängt ihn Ministerpräsident Wolfgang Clement. Wo immer Putin auftritt, wird er herzlich begrüßt. Putin hat die Herzen vieler Deutscher erobert. Bildrechte: IMAGO
Alle (6) Bilder anzeigen

Wie würden Sie das Verhältnis heute beschreiben?

Im Prinzip sagen tatsächlich alle, dass das Verhältnis schlechter ist, als es jemals war. Aber trotz allem finden wir – mein Kollege Jens Afflerbach und ich, wir haben das zu zweit gemacht – dass man eben mit dem analytischen Blick vielleicht auch etwas gewinnen kann für die Zukunft, auch strategisch. Und das es nicht zielführend ist, noch lauter und energetischer über Putin zu berichten. Über die Defizite, die wir in seinem Land ausmachen, über die Krise auf der Krim und so weiter. Bildhaft gesagt: Wir haben versucht, etwas leiser zu sprechen, wo alle versuchen, immer noch lauter zu sprechen. In der Hoffnung, dass man einer nüchternen Analyse zuhört und folgt.

Wird Wladimir Putin im Osten anders wahrgenommen als im Westen?

Tatsächlich ist das eine der Fragen, die mich, der ich ja aus dem Osten stamme, besonders umgetrieben haben. Klar, wir hatten eine größere Nähe zur Sowjetunion – was ist davon übrig? Wir haben zu diesem Zweck die Forschungsgruppe Wahlen gebeten, Umfragen für uns einzuholen und teilweise haben die uns sehr überrascht. Es gibt tatsächlich im Osten ein tendenziell größeres Verständnis für Putin. Um ein Beispiel zu nennen: Mehr als die Hälfte aller Ostdeutschen glaubt, dass der Westen zu feindselig gegenüber Russland eingestellt ist. In Westdeutschland sind das deutlich weniger Menschen.

In anderen Fragen liegen die Werte viel näher beieinander, als wir geahnt haben. Also in der Frage 'Halten wir ihn für einen Demokraten?', sind sich die Deutschen im Grunde einig, dass wir ihn nicht für einen Demokraten in unserem Sinn halten. Dann haben wir dazu auch Meinungen aus dem kompletten politischen Spektrum eingeholt. Die Gesprächspartner reichen von Jürgen Trittin bis Alexander Gauland.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

"Putin und die Deutschen" Dienstag, 16. April 2019, 20.15 Uhr, ZDF

Mehr zum Thema Russland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. April 2019 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR