Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" Valerie Schönian: "Wir alle können die Demokratie in Gefahr bringen – oder sie verteidigen"

Bei einer "Querdenken"-Demo verglich sich eine Rednerin jüngst mit der von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Wohin es führt, sich Geschichte anzueignen, um sie umzudeuten, hinterfragt Valerie Schönian diesmal in ihrer Kolumne. Die Autorin und Journalistin wurde im Herbst 1990 in Sachsen-Anhalt geboren und ist damit genauso alt wie die deutsche Wiedervereinigung. In ihrer MDR KULTUR-Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" reflektiert Schönian gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und persönliche Begegnungen – mit dem Blick ihrer Generation.

Die Berliner Journalistin Valerie Schönian steht an der St. Pantaleon Kirche in Münster-Roxel, umrahmt von zwei orangenen und magentafarbenen Streifen. 5 min
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Als sich Jana aus Kassel bei einer Querdenken-Demo mit Sophie Scholl verglich, quittierte ein Ordner empört den Dienst und wurde im Netz gefeiert. Wohin führt es, sich Geschichte anzueignen, um sie umzudeuten?

MDR KULTUR - Das Radio Mi 25.11.2020 08:00Uhr 04:49 min

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Die Demokratie muss gerade Einiges aushalten: Querdenker vor dem Reichstagsgebäude, Querdenker im Reichstagsgebäude, Querdenker auf dem Leipziger Ring – und dann auch noch Jana aus Kassel. Die junge Frau, 22 Jahre alt, stellte sich vergangenes Wochenende auf eine Bühne der "Querdenken"-Demo in Hannover und verglich sich allen Ernstes mit Sophie Scholl. Also der Widerstandskämpferin im Dritten Reich, die hingerichtet wurde. Hingerichtet.

Sich Geschichte aneignen, um sie umzudeuten

Wie gefährlich ist all das für unsere Demokratie? Wenn versucht wird, sie in ihrem institutionellen Herzen anzugreifen – und deutsche Geschichte umzudeuten?

Politiker und Behörden reagierten jedenfalls alarmiert. Es gibt jetzt mehr Auflagen für die Corona-Demos, mehr Sicherheitskräfte, mehr Wasserwerfer. Das ist alles auch richtig. Aber eines darf dabei trotzdem nicht in Vergessenheit geraten: dass man mit Wasserwerfern allein keine Demokratie verteidigt. Und dass sie auch nicht erst gefährdet ist, wenn Rechtsextreme unter Anti-Corona-Demonstranten auf dem Leipziger Ring marschieren.

Diese Ereignisse sollten eher ein Anlass sein, um uns bewusst zu machen: Eigentlich ist die Demokratie immer potenziell gefährdet. Und zwar durch uns. Sie ist von Menschen gemacht, also können Menschen sie abschaffen. Das klingt erstmal banal, aber das ist es nicht.

"Ein bisschen mehr Demut wäre angebracht"

Wie schnell es gehen könnte, ließ sich im Frühjahr erahnen, als in Thüringen CDU und FDP gemeinsam mit der AfD ein Landesoberhaupt wählten – mit einer rassistischen Partei also, die in Thüringen auch noch von einem Faschisten angeführt wird, wie Björn Höcke laut Gerichtsurteil ganz offiziell genannt werden darf. Ich glaube, solche Dinge passieren, wenn wir unsere Demokratie für zu selbstverständlich halten. Ein bisschen mehr Demut wäre angebracht, ein bisschen mehr Sorge.

Geht es um unsere Demokratie, muss ich oft an Hannah Arendt denken, eine der bekanntesten deutsch-jüdischen Philosophinnen, die während der NS-Zeit in die USA emigrieren musste. Jahrelang beschäftigte sie sich mit der Frage, wie der Holocaust, also das systemische Ermorden von Frauen, Männern und Kindern geschehen konnte. Sie kam zu dem Schluss: Das war nicht allein möglich durch die überzeugten Extremisten. Sondern durch all die anderen, die nicht mal aus eigener Überzeugung handelten. Die sich, einfach gesagt, weigerten, mal kurz in sich zu gehen und nachzudenken und zu urteilen – sondern das Unrecht einfach mitmachten. Arendt nannte es die "Banalität des Bösen". Die Möglichkeit zum Bösen steckt demnach in jedem von uns.

Demokratie hinterfragen, aber nicht in Frage stellen

Für die Demokratie heißt das: Wir alle können sie in Gefahr bringen. Das gilt für Leute, die eine rassistische Partei wählen; Leute, die neben Nazis demonstrieren; aber auch all diejenigen, die sich moralisch und demokratisch für integer halten und glauben, die Gefahr sind immer nur die anderen. Das bedeutet auch, jeder und jede von uns ist dafür verantwortlich, auf die Demokratie aufzupassen. Nicht nur wenn gerade hässliche Symbole geschaffen werden, auf Treppen oder Straßen. Sondern jederzeit.

Ein paar Ideen zur Verteidigungsstrategie für die Demokratie:

Erstens, sie nach außen beschützen – vor dem Denken, das ihr diametral widerspricht und ihre Beschaffenheit angreift. Das meint Antisemitismus, Rassismus, alles andere, das der Verfassung widerspricht. Davon müssen wir uns abgrenzen, lautstark, das gilt am Reichstagsgebäude genauso wie am Stammtisch.

Zweitens, sie von innen beleben – alle Einstellungen, die im Einklang mit unserer Verfassung stehen, müssen auch im demokratischen Diskursraum ihren Platz haben. Wir müssen wieder mehr lernen, andere Meinungen auszuhalten und Streit zu schätzen. Es hilft zum Beispiel nicht, wenn Leute, die Corona-Maßnahmen infrage stellen, in einen Topf geworfen werden mit Corona-Leugnern – wie vor einigen Wochen bei Bodo Ramelow geschehen. 

Drittens, die Demokratie auch mal infrage stellen. Nicht das System an sich, aber wie es umgesetzt wird – und hier kann Ostdeutschland seine Erfahrung einbringen, weil es hier eben im letzten Jahrhundert gleich drei politische Systeme gab. Kritisch zu sein mit der Politik, sie zu hinterfragen, das wird einem hier quasi im Kindergarten mitgegeben. Und Fragen sind ja erstmal nicht schlecht für eine Gesellschaft, sondern ein Motor für Entwicklung.

Viertens, die Demokratie aber auch nicht zu viel infrage stellen. Denn wir müssen uns bewusst machen, dass sie das beste politische System ist, was wir haben. Das ist eigentlich ziemlich schnell ziemlich einleuchtend, wenn man eines tut: sich erinnert. Hierzu nochmal Hannah Arendt. Die schrieb, wer sich nicht erinnert, ist bereit eigentlich alles zu tun. Im negativsten gemeinten Sinn.

Wir müssen uns jederzeit bewusst sein: Was einmal geschehen ist, kann wieder geschehen. Davor schützt uns nicht die Demokratie, davor müssen wir sie schützen. Durch Erinnerung eben. Wir müssen uns erinnern, immer wieder und immer weiter und immer wieder neu bis jedem, wirklich jedem, bewusst ist, was der Unterschied ist zwischen Jana aus Kassel und Sophie Scholl.

Die Kolumne "Bei uns heißt das Polylux"

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Valerie Schönian 23 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 29. September 2020 | 06:00 Uhr