Gesprächsrunde Wie trifft Corona die Kultur Mitteldeutschlands?

Quo vadis Kultur? Diese Frage stellt MDR Kultur in einer Gesprächsrunde mit Sabine Wolfram, der Direktorin des Staatlichen Museums für Archäologie Chemnitz (SMAC) und Vorsitzende des sächsischen Museumsbundes, Johannes Weigand, der Intendant des Theaters Dessau und Holger Krause, Sänger bei dem klassischen Leipziger Vokal-Ensemble Amarcord. Im Gespräch ging es um existenzielle Bedrohungen durch die Folgen der Corona-Krise, aber auch um Solidarität in dieser Zeit. Diskutiert haben sie mit MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille.

Holger Krause, Sabine Wolfram und Johannes Weigand in einer Collage vor dem Schriftzug "Quo vadis? Kultur". 41 min
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Johannes Weigand, Intendant des Theaters Dessau, Sabine Wolfram, Direktorin des SMAC und Vorsitzende des Sächs. Museumsbundes und Holger Krause, Sänger bei Amacord, diskutieren darüber, wie es mit der Kultur weitergeht.

MDR KULTUR - Das Radio Di 06.04.2021 12:00Uhr 41:15 min

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Holger Krause, Sänger bei dem klassischen Vokal-Ensemble Amarcord aus Leipzig und Organisator des A-Cappella-Festivals gilt in der MDR KULTUR-Gesprächsrunde zum Thema "Quo vadis Kultur" eine der ersten Fragen: Wird das A-Cappella-Festival in Leipzig in diesem Jahr stattfinden? Eine Frage, auf die sich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer eine eindeutige Antwort finden lässt: "Da jeder Tag anders aussehen kann, hält man sich viele Optionen bereit. Das haben wir natürlich auch gemacht. Wir sind nicht so blauäugig, jetzt schon in den Ticketverkauf gegangen zu sein", so Krause. Laut aktueller Prognose wird das diesjährige A-Cappella-Festival in digitalem Format stattfinden, mit Livestreams aus dem Schauspielhaus und der Thomaskirche. Daran hätte sich das Publikum in der Zwischenzeit bereits gewöhnt, meint Krause, der in Krisen-Zeiten dennoch aufmunternde Worte findet.

Natürlich ist es nicht das Festival, wie wir es lieben und wie wir es möchten. Wir zeigen damit, dass es uns noch gibt. Ihr müsst nicht auf uns verzichten. Wir machen weiter!

Holger Krause, Organisator des A-Cappella-Festivals in Leipzig
Holger Krause
Dass aktuell jeder Tag Neuerungen mit sich bringt, macht die Festival-Planung für Holger Krause schwer. Bildrechte: MDR/Hendrik Kirchhof

Es wird ein eingeschränktes Programm geben, auch weil bestimmte Gruppen nicht anreisen können. Dankbar ist Holger Krause vor allem aber über die Hauptsponsoren des A-Cappella-Festivals, denn nicht nur die Stadt Leipzig, sondern auch das Land Sachsen stünden hinter dem Festival.

SMAC-Plus: Die erste digitale Eröffnung im Staatlichen Museum für Archäologie

Dr. Sabine Wolfram, Direktorin am smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
Sabine Wolfram treibt als Direktorin die Digitalisierung des SMAC voran. Bildrechte: LfA/smac, Karla Mohr

Die aktuelle Sonderausstellung im SMAC nennt sich "Zwischen Skyline und Latrine" – eine Sonderausstellung zum Phänomen "Stadt" und zugleich die erste digitale Eröffnung im Museum: ein ganz neues Erlebnis, findet Sabine Wolfram, Direktorin des SMAC: "Die einzige analoge Person im Museum, außer dem Team, war Frau Staatsministerin Klepsch und ansonsten waren wir auf Sendung", erinnert sich Wolfram. Gemeinsam mit den Kuratoren und Kuratorinnen wurden Filme produziert, die die einzelnen Teile der Ausstellung online visualisieren sollen, erzählt die Direktorin: "Wir werden das SMAC-Plus machen, wie bei 'Leben am Toten Meer' und in Kürze dann auch Live-Führungen anbieten."

Ein Schritt vor, zwei zurück

Johannes Weigand
Johannes Weigand hofft auf bald wieder volle Theatersäle. Bildrechte: dpa

Noch hat das SMAC noch nicht wieder geöffnet, denn eine kurze Öffnung würde sich für das Archäologiemuseum nicht lohnen, da die Vorbereitungen dazu viel zu umfangreich seien. Immer einen Schritt vor und zwei zurück, das sei für alle schwierig. Das bestätigt auch Johannes Weigand, Intendant des Theaters Dessau. Gerade habe man an seinem Haus mit dem Schauspieler Milan Peschel Friedrich Schillers "Räuber" probiert. Doch ist die Produktion vorerst zurückgestellt und aus verschiedenen Gründen nicht Teil des Modellprojektprogramms, erklärt Weigand: "Das hat auch damit zu tun, dass wir eine richtige Präsenz-Premiere machen wollen und nicht nur mit 100 Leuten."

Vier Vorstellungen in sieben Tagen

Die Premiere wird, Weigands Einschätzung zufolge, wahrscheinlich im September stattfinden. Das Theater selbst solle aber schon am 12. April öffnen. Geplant seien zwei Konzertprogramme und die nachgeholte Premiere von Philip Glass. Außerdem erprobe man derzeit eine andere Spielstätte: Im Bauhaus-Museum soll eine Tanzvorstellung vor deutlich kleinerem Publikum gezeigt werden, plant Intendant Weigand: "Vier Vorstellungen in sieben Tagen – das wollen wir mal versuchen!“

Kultur erleben – mit Maske, Abstand und Corona-Test?

Das Anhaltische Theater in Dessau
Das Anhaltische Theater plant für sieben Tage ein Modellprojekt, begleitet von strengen Schutzmaßnahmen. Bildrechte: IMAGO

Quo vadis Kultur? Diese Frage stellte MDR Kultur auch auf unserem Facebook-Kanal. Da gibt es etliche unterschiedliche Stimmen, viele sagen: Eine Bevorzugung von Geimpften möchten sie nicht, viele lehnen die Schnelltests ab, andere finden sie nur gewöhnungsbedürftig. Wieder andere sagen: Mit Maske, Abstand und Corona-Test – da verzichte ich lieber auf Kultur. Diese Umfrage hält Johannes Weigand, der Intendant des Theaters Dessau, nicht für repräsentativ, räumt aber ein: "Eine Sache ist schon wahr: Unser Beruf besteht darin, möglichst viele Leute möglichst eng aneinander zu bekommen, um ihnen zusammen ein gemeinschaftliches Erlebnis zu bieten. Ich glaube aber, dass es sehr Viele gibt, die sehr Viel tun würden, um wieder in ein Konzert, in eine Opern- oder in eine Theatervorstellung gehen zu können. Das werden wir jetzt testen und wir werden sehen, wie schnell es geht, diese hundert Plätze zu füllen.“

Holger Krause kann es hingegen nachvollziehen, denn auch er braucht die Nähe und die Unmittelbarkeit eines Konzertes und anderer Kulturereignisse: "Ich glaube aber dennoch, dass es wichtig ist, zu zeigen: Uns gibt es noch, wir sind relevant, die Gesellschaft braucht uns." Der Schlüssel zu allem, so Krause, liege in der Impf-Kampagne.

Kultureinrichtungen sind essentiell

Quo vadis Kultur in diesen Zeiten? Dass Kultur und Kultureinrichtungen essentiell sind, bestätigen alle drei Gesprächspartnerinnen und -partner. Konzerte, Theateraufführungen und den Opernabend mit dem Kirchgang zu vergleichen erachten alle für den falschen Ansatz. Johannes Weigand ergänzt: "Ich hoffe, dass wir irgendwann wieder einen vollen Saal haben – das ist ja klar. Konkrete Befürchtungen habe ich nicht, aber ich frage mich, wie lang der Weg sein mag: Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendwann alle geimpft sind. Und wir wissen nicht, was dieses Virus macht. Da habe ich ein mulmiges Gefühl, denn es steht Einiges im Ungewissen."

Ich frage mich, wie lang der Weg sein mag. Wir wissen nicht, was dieses Virus macht – ein mulmiges Gefühl, denn es steht Einiges im Ungewissen!

Johannes Weigand, Intendant des Theaters Dessau

Die Pandemie als Vorwand zur Schließung

Kaufhaus Schocken, Staatliches Museum für Archaelogie (SMAC) in Chemnitz
Große Museen, wie das SMAC, werden durch die Pandemie kommen. Für andere Häuser ist die Lage bedrohlicher. Bildrechte: IMAGO

Welche Museumslandschaft nach der Corona-Pandemie zu erwarten ist, kann Sabine Wolfram zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer abschätzen: "Wir müssen erst einmal abwarten, welchen Landeshaushalt es gibt, der sich ja dann auch auf die Kommunen durchschlägt. Erst dann wird man langsam sehen, wie sich das auf die kommunalen Museen und die kleineren Häuser durchschlägt." Kleinere, ehrenamtlich geführte Häuser könnten dabei eventuell profitieren. Zwischen den staatlichen, den großen städtischen und den ehrenamtlichen Häusern, seien, laut Wolframs Prognose, Verluste zu erwarten. Wo bereits politisches Interesse an der Schließung eines Hauses bestünde, würden diese Schließungen unter dem Vorwand der Pandemie durchgesetzt werden, so Wolfram.

Da wo eh schon politisches Interesse da ist, ein Haus zu schließen, wird jetzt die Pandemie als Vorwand genutzt.

Sabine Wolfram, Direktorin des SMAC

Ein Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Dass die Livestreams den realen Museumsbesuch oder das Konzert ersetzen, glauben die Kulturschaffenden nicht. Da wird es am Ende ein gutes Miteinander geben, meint auch der Sänger Holger Krause, der sich über die 20.000 Euro Spenden für das ausgefallene A-capella-Festival freut, da die meisten Menschen ihre Eintrittskarten im letzten Jahr nicht zurückgegeben hatten. Dennoch hat auch er seine Befürchtungen: "Man steht in dem Spannungsverhältnis: Anspruch und Wirklichkeit. Und ich habe auch ein bisschen Angst, dass der ganze Weg jetzt gerade für uns Freie noch länger dauert, als man vielleicht jetzt sieht, weil man damit rechnen muss, dass Sponsoren sich erst einmal um sich selbst kümmern müssen. Dann können Sachen wie die Kammermusikreihe zwei, drei Jahre nicht stattfinden. Und dann sieht es problematisch aus mit uns."

Eine Erkenntnis allerdings äußert dann Johannes Weigand noch: Wenn man will, dann ist auch Geld da.   

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. April 2021 | 13:10 Uhr

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