Zwischen Luxus und Leerstand Die Geschichte der Interhotels – Glanz, Verfall und Auferstehung

Bis heute hat sich im Osten Deutschlands der Spruch gehalten: Hier ist es ja wie im Interhotel! Gemeint war ein Hauch Glamour und Weltläufigkeit. Doch dieser Sehnsuchtsort war vor allem Gästen, die mit Valuta zahlten vorbehalten. Nach der Wiedervereinigung bot die Treuhand die Objekte meistbietend feil. Ihr Verkauf gilt als einer der größten Immobiliendeals in Deutschland.

Sie waren das Aushängeschild der DDR: Kontrolliert vom Ministerium für Handel und Versorgung, gesteuert von der berüchtigten KOKO, dem Devisenbeschaffer der DDR. Sie versprachen ein bisschen Glamour und Internationalität im Alltag. Und bis heute hat sich im Osten Deutschlands der Spruch gehalten: Hier ist es ja wie im Interhotel! Obwohl die Normalbürger der DDR wenig mit der Luxuswelt der Interhotels zu tun hatten und oft als Gäste zweiter Klasse behandelt wurden.

Das Leipziger Astoria – ein Stück Kulturgeschichte

Sechs Interhotels gab es früher in der Messestadt Leipzig, eines davon ist das legendäre Astoria. Das Hotel ist Anfang des 20. Jahrhunderts mit Abstand das luxuriöseste der Stadt Leipzig und quasi ein Stück Kulturgeschichte. Prominente wie die Schauspielerin Adele Sandrock, der Opernstar Enrico Caruso oder die Geschwister Erika und Klaus Mann gehören ebenso zu den Stammgästen wie Hans Albers.

Adolf Hitler nächtigt nie im Astoria: für ihn zu viel Bohème, zu viele Juden. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten beginnt für das Hotel ein dunkles Kapitel. Unter Druck verkauft der jüdische Besitzer Carl Ottokar Cohn das Haus und rettet sich ins Ausland. Im Dezember 1943 wird das Astoria, wie auch der Leipziger Bahnhof, von Bomben schwer getroffen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wird das beschädigte Hotel wiederaufgebaut und erhält, hinter dem historischen Teil, einen Anbau. Auch in der DDR ist das Astoria lange konkurrenzlos und nach dem Mauerfall scheint sich der Erfolg fortzusetzen. Doch dann kommt alles anders.

Die Interhotels der DDR - damals und heute

Ehemaliges Hotel „Astoria“ in Leipzig. Im Vordergrund überdachter Eingang zum Hotel mit dem Schriftzug „Astoria“. Das ungenutzte Gebäude ist mit Graffiti beschmiert.
Das berühmte Astoria in Leipzig war eins der vornehmsten Häuser in der DDR. Nach der Schließung 1996 stand das denkmalgeschützte Gebäude leer und verfiel. Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal
Das noch im Erweiterungsbau befindliche Hotel Stadt Halle, 1966 eröffnet, ein Interhotel-Typenbau der DDR in der Chemiestadt Halle, am Thaelmannplatz
Das Hotel Stadt Halle wurde 1966 nach einer Bauzeit von nur 17 Monaten eröffnet. In den Messezeiten wurde es über Nacht zum Valutahotel. Zu den Stammgästen gehörte auch Hans-Dietrich Genscher. Der gebürtige Hallenser reiste oft privat in seine Heimatstadt. Bildrechte: IMAGO / Harald Lange
Ehemaliges Hotel „Astoria“ in Leipzig. Im Vordergrund überdachter Eingang zum Hotel mit dem Schriftzug „Astoria“. Das ungenutzte Gebäude ist mit Graffiti beschmiert.
Das berühmte Astoria in Leipzig war eins der vornehmsten Häuser in der DDR. Nach der Schließung 1996 stand das denkmalgeschützte Gebäude leer und verfiel. Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal
Hotel Astoria
Seit 2018 gibt es wieder Hoffnung: Ein Investor will das Astoria in altem Glanz auferstehen lassen. Wie es nach der Sanierung aussehen könnte, zeigt diese Visualisierung. Bildrechte: wolff:architekten
Jubelnde Menschen vor dem Hotel Erfurter Hof
Das Hotel Erfurter Hof wurde weltweit bekannt, als dort im März 1970 das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen zwischen Willy Brandt und Willi Stoph stattfand. Als Reaktion auf die "Willy, Willy-Rufe" der vor dem Hotel versammelten DDR-Bürger zeigte sich der damalige Bundeskanzler kurz am Fenster. Bildrechte: dpa
Erfurter Hof
Heute zeugt lediglich ein Schriftzug auf dem Dach von diesem historischen Moment. Das Hotel musste 1995 schließen und beherbergt heute Büros. Bildrechte: MDR/Norman Gäbler
Blick auf das Interhotel Thüringen-Tourist in Suhl. Undatiert
Als das Hotel Thüringen Tourist am 7. Oktober 1965 in Suhl seine Türen öffnete, wurde die damals 25-jährige Brigitte Groeger zur jüngsten Direktorin eines Interhotels. Bildrechte: dpa
Luftbild Suhl Stadtpark
Nach der Wende erwarb Brigitte Groeger ihr Haus für 10 Millionen D-Mark von der Treuhand. Für ihren Mut wurde sie mit dem Managerpreis 1992 ausgezeichnet. Erst 2017, mit 76 Jahren, verkaufte sie ihr Hotel an einen hessischen Investor. Bildrechte: MDR/Norman Gäbler
Hotel Stadt Halle
1992 wurde das einstige Interhotel der Stadt Halle von der Maritim-Gruppe übernommen. Im September 2015 erfuhren die Mitarbeiter aus den Medien von der Schließung des Hotels und der Nutzung als Flüchtlingsunterkunft. Seit 2017 steht das Gebäude leer, seine Zukunft ist ungewiss. Bildrechte: MDR/Jan Urbanski
Blick auf Hotel Bellevue, Dresden
Blick auf das Dresdner Hotel Bellevue mit dem barocken Mittelgebäude. Die 1985 eröffnete Luxusherberge war für DDR-Bürger tabu, Zimmer konnten hier nur mit westlicher Währung bezahlt werden. Seit 2020 steht die gesamte Hotelanlage unter Denkmalschutz. Bildrechte: MDR/Norman Gäbler
Alle (9) Bilder anzeigen

Die Treuhand mischt sich ein

Für die Interhotels wird der Sommer 1990 zu einer ernsthaften Krise: keine Gäste, leere Restaurants, stornierte Buchungen. Das betrifft fast alle Häuser der Interhotelgruppe. Der Staatskonzern ist bereits im Frühjahr in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden.

Hellmut Fröhlich, der neue Vorstandsvorsitzende, sieht damals wenig Grund zur Sorge. Zuvor Chef des renommierten Grand Hotel in der Berliner Friedrichstraße, plant er eine gemeinsame Betriebsgesellschaft mit der westdeutschen Hotelkette Steigenberger. Sie bekommen die Interhotels zur Pacht und garantieren im Gegenzug den Erhalt aller Arbeitsplätze. Doch Reiner Maria Gohlke, erst seit wenigen Wochen amtierender Chef der Treuhand, weist diesen Vorschlag ab, die Begründung: Kartellbildung durch Interhotel und Steigenberger.

Auch der neue Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder lehnt den Steigenberger-Deal ab. Er will die Hotels einzeln international verkaufen, doch der Plan scheitert am geringen Kaufinteresse. Rohwedders Nachfolgerin Birgit Breuel bietet plötzlich die Firma Interhotel wieder als Paket an. Für zweieinhalb Milliarden Mark erhält die Berliner Immobiliengesellschaft Trigon den Zuschlag. Von großem Interesse sind vor allem die zu den Hotels gehörenden Parkplätze und Werkstätten, die sich als Baugrundstücke verkaufen lassen.

Eine lobenswerte Ausnahme: Das Thüringen Tourist in Suhl

Zu den wenigen Hotels, die 1991 nicht an die Trigon-Gruppe verkauft werden, gehört das Thüringen Tourist in Suhl. Es ist ein familiäres Haus, ohne Tradition und großen Luxus.

Brigitte Groeger, ehem. Direktorin des Hotels Thüringen Tourist
Brigitte Groeger, langjährige Chefin des Hotels Thüringen Tourist in Suhl Bildrechte: MDR/Jan Urbanski

Brigitte Groeger, die das Hotel seit der Eröffnung 1965 leitet, möchte es nicht in fremde Hände geben. Sie schafft es schließlich, ein Konsortium von Geldgebern für das Projekt zu begeistern. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 51 Jahre alt – und hat nun zehn Millionen D-Mark Schulden.

Der Treuhandvertrag ist mit strengen Auflagen verbunden. Trotzdem gelingt es der neuen Besitzerin, ihr Haus in eine sichere Zukunft zu führen. Erst 2017 - Brigitte Groeger ist bereits 76 Jahre alt - kann sie ans Aufhören denken und verkauft an einen hessischen Unternehmer. Am Ende ist sie 52 Jahre Direktorin ihres Hotels in Suhl gewesen.

Ich würde es wieder machen. Es ist mein Leben, von der Jugend an bis zur reiferen Frau und bis jetzt. Und auch ein erfülltes Leben.

Brigitte Groeger, langjährige Chefin des Hotels Thüringen Tourist

Nur einige Hotels konnten erhalten werden

Eingang Hotel Stadt Halle
Zukunft ungewiss: Der Eingang zum ehemaligen Hotel Stadt Halle Bildrechte: MDR/Jan Urbanski

Nicht allen Interhotels war dieses Glück beschieden. Das Maritim in Halle diente kurzzeitig als Flüchtlingsunterkunft und steht heute leer. Der Erfurter Hof, einst legendärer Treffpunkt von Willy Stoph und Willy Brandt, beherbergt heute Büros. Wenigstens das Astoria in Leipzig blickt trotz aller Schwierigkeiten neuen Zeiten entgegen. Es gibt erste Vorstellungen, wie das renovierte Hotel später von innen aussehen soll. Eine Roof-Top- Bar und ein Café im Erdgeschoss sind bereits geplant. Ob das Hotel an die Traditionen anknüpfen kann? Die Zukunft wird es zeigen.

Angaben zu den Sendungen

Interhotels – Glanz, Verfall und Auferstehung
Von Reinhard Joksch
Produktion: MDR Fernsehen 2020

MDR KULTUR | Feature
17.03.2021 | 22:00 – 23:00 Uhr

MDR-Fernsehen | Dokumentation
Teil 1: 16.3.2021 | 22.10 Uhr – 22.55 Uhr
Teil 2: 23.3.2021 | 22.10 Uhr – 22.55 Uhr

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature | 17. März 2021 | 22:00 Uhr

Abonnieren