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FeatureZukunft Gartenstadt

Wohnen

Stadtentwicklung in der Lausitz: Comeback des Wohnkonzepts "Gartenstadt"

von Matthias Körner

Stand: 13. September 2021, 13:55 Uhr

Manchmal ist ein Blick in die Vergangenheit gleichzeitig auch ein Blick in die Zukunft. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der Engländer Ebenezer Howard das Modell der Gartenstädte, das auch in Deutschland aufgenommen wurde. Besonders viele Siedlungen entstanden in der Lausitz. Wie sehen die Gartenstädte von einst aus und wie die von heute? Und kann diese alte Idee ein Wohnmodell für die Zukunft sein?

Wohnen in einer Gartenstadt, bedeutet das nicht Wohnen im Grünen, in der Peripherie großer Städte? Ein Siedlungshäuschen mit Vorgarten und mit etwas Glück gibt es sogar eine Bushaltestelle im Ort? Gefehlt: Gartenstädte sind eigene Gebilde, die nach genau festgelegten Kriterien errichtet wurden.

Symbiose von Stadt und Land


Alles beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. Der Engländer Ebenezer Howard veröffentlicht seine Gedanken in dem Buch "Tomorrow. A Peaceful Path to Real Reform", das unter dem verheißungsvollen Titel "Gartenstädte in Sicht" in Jena bei Diederichs seine deutsche Premiere erlebt. Ihm ging es um eine Symbiose von Stadt und Land. Arbeit und eigene Wohnung sollten den Menschen nicht mehr Kampfplatz für ein Gegeneinander, sondern für ein nachbarschaftliches Wohlbefinden sein.

Eine Idee, die von der Reformbewegung im Wilhelminischen Deutschland dankbar aufgenommen wurde. So gründete sich ein kleiner Anfang in Oranienburg, die "Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden", als erste vegetarische Siedlung im Land. Aber auch Industrielle fanden Gefallen an der Gartenstadt-Idee. Nicht ganz uneigennützig. Ein Hotspot wurde die Lausitz mit ihren Kohlevorkommen.

Werkssiedlung Gartenstadt Nord in Lauta, 1921 Bildrechte: imago images / Artokoloro

Gartenstädte in der Lausitz

Der Direktor der Ilse Bergbau AG, Gottlob Schumann, erkannte in Howards Ideen die soziale Bindekraft und beauftragte den Architekten Georg Heinsius von Mayenburg, eine Siedlung anzulegen – die Gartenstadt Marga. Mit der Erschließung weiterer Tagebaue entstanden auch dort Siedlungen nach dem Vorbild von Marga, so in Laubusch die Gartenstadt Erika. Die Gartenstädte, das nur als Randnotiz, trugen allesamt die Namen der Töchter und Enkelinnen der Besitzer und von Mitarbeitern der Führungsetage.

Gartenstadt Marga in Senftenberg Bildrechte: dpa

Der Grund für das soziale Engagement war erkennbar: Die Besitzer der Industriewerke und Kohlegruben mussten Arbeitskräfte an die strukturschwachen Standorte locken und sie dort beheimaten. So entstanden Werkssiedlungen und die Wissenschaftsgeister stritten, ob sie die Bezeichnung Gartenstadt tragen durften oder ob die Werkssiedlungen nur die Schwestern einer Gartenstadt seien. Eigentlich hätte Erikas Muttersiedlung Marga das Etikett "Erste Deutsche Gartenstadt" verdient, aber sie entsprach nicht der reinen Lehre. Und so trägt Hellerau diesen Titel. Doch auch Marga war mehr als eine Werkssiedlung. Außer den bezahlbaren Wohnungen zählten Sonderzuwendungen, Pensionskasse und Werkssparkasse zum sozialen "System Ilse". Es gab eine Kirche auf dem Dorfanger, ein Kaufhaus, eine Schule und ein Kulturhaus. Es war für alles gesorgt, was man zum Leben brauchte.

Erweckung aus dem Dornröschenschlaf

Die Lausitz ist auch meine Heimat. Hier, in dieser ganz besonderen Landschaft, wo Traditionen, gerade auch die der sorbischen Minderheit, zum Teil brutal auf die Moderne treffen. Ich habe sorbische und deutsche Dörfer in den riesigen Tagebauen versinken sehen, habe den Kohlestaub der Brikettfabriken von den Fensterbänken meines Zuhauses gewischt. Und ich habe die gewaltigen Veränderungen der letzten Jahre miterlebt: Eine Grube nach der anderen schloss und die sogenannten Restlöcher wurden zu Badeseen. Die Gartenstädte verfielen, fast unbemerkt. "Erika" was nun?

Wohnhaus in der Gartenstadt Erika Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Holger Schmidt, Professor für Stadtumbau und Ortserneuerung an der TU Kaiserslautern, hat viele Jahre in der Stiftung Bauhaus Dessau gearbeitet und betreibt in Dessau noch ein Büro für Siedlungserneuerung. In Laubusch betreut er ein Studentenprojekt zur Gartenstadt Erika. Es ist Teil eines weit in die Zukunft greifendenden Gesamtprojektes mit dem wegweisenden Titel "Gartenstadt 2030", das im Rahmen des Wettbewerbs "Ideen für den ländlichen Raum, simul+" als Sieger eine Förderung von 415.000 Euro bekommen hat. Gesamtkoordinator Matthias Priebe sieht darin eine Riesenchance:

Wir haben also schnelles Internet, tolle Seen, ne Geschichte, schöne Gebäude, ein Umfeld, das ist grün, das ist ruhig und jetzt müssen wir überlegen, was wir damit machen. [...] Wir wollen hier Zuzug organisieren, wir wollen, dass auch wieder neu gebaut wird auf den Abrissflächen und dass dann eine Gemeinschaft entsteht, die diesen Gedanken Gartenstadt sozialökologisch nachhaltig in die Zukunft trägt.

Matthias Priebe, Gesamtkoordinator "Lausitzer Gartenstadt 2030"

Innerhalb des Projektes gibt es für Wissenschaftler und Studierende die Gelegenheit vor Ort zu arbeiten und sich mit dem Strukturwandel in der Braunkohleindustrie und der Siedlungsentwicklung in der Lausitz zu befassen. Entsteht aus dem derzeitigen Manko eine Chance für unsere Zukunft? Und sollten wir Ebenezer Howards letzten Satz in seiner "Gartenstadt-Bibel" als Aufforderung nehmen und seine Utopie neu zu denken? Frei nach dem Motto: "Ich hoffe, wir treffen uns in Kürze in der Gartenstadt."

Gartenstadt Erika in Laubusch Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Über den Feature-AutorMatthias Körner wurde in Kamenz geboren, studierte am Literaturinstitut in Leipzig, schreibt Romane und Sachbücher. MDR KULTUR produzierte unter anderem seine Features "Jedes Sorbenherz ein Fels" (2012), "Grundwasser: Die schleichende Flut" (2014) und "Polizeieinsatz im Grenzgebiet" (2017).

Angaben zu den Sendungen

MDR KULTUR | Feature
Zukunft Gartenstadt
Von Matthias Körner

Sprecherin: Frauke Poolman
Zitator: Matthias Hummitzsch
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2021 - Ursendung

Sendung:
12.05.2021 | 22:00 – 23:00 Uhr

Das Feature steht hier ab 12. Mai 2021 für 1 Jahr zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | Feature "Zukunft Gartenstadt" | 12. Mai 2021 | 22:00 Uhr