Kulturgeschichte Weimars verschwundenes Hotel "Zum Erbprinz"

Nur ein Fassadenrest ist geblieben vom einstigen Hotel Erbprinz. Seit Jahrzehnten klafft eine Lücke in Weimars Innenstadt, direkt neben dem Hotel Elephant. Dabei hat der Nachbarbau eine mindestens ebenso glanzvolle wie auch dramatische Vergangenheit, die mit den Brüchen und Zeitläufen dreier Jahrhunderte und mit großen Namen wie Bach und Liszt, Schiller und Lenz, Freud und van de Velde verbunden ist.

Der Marktplatz von Weimar gehört mit seinen Renaissancebauten zu den touristischen Highlights der Stadt. Geführte Gruppen machen hier gern vor dem Hotel Elephant Halt, wo sie Erzählungen lauschen, in denen prominente Namen auftauchen. Die Anekdoten über den Dichter Mann, den Diktator Hitler oder den Rockstar Lindenberg reihen sich ein in die Sammlung von Kulturmythen, aus denen Weimar-Besuche nun einmal bestehen.

Fassadenrest des "Hotel Erbprinz" in Weimar, 2020
Fassadenrest des Hotels Erbprinz Bildrechte: Jörg Wunderlich

Geht es vom Markt aus weiter in Richtung Anna-Amalia-Bibliothek, führt der Weg an einer langgestreckten Wandruine vorbei. Statt auf leuchtend restaurierte Torbögen schaut man plötzlich auf zugemauerte Fensterleibungen und Rauhputz Marke DDR. Eine Gedenkplatte gibt Auskunft, dass sich hier einmal der Wohnsitz von J.S.Bach befand. Weitere Hinweise zu dem aus der Zeit gefallenen Gebäuderest finden sich keine. Wollte man die Maßstäbe des Kulturmarketings anwenden, könnte diese unscheinbare Wand mit vielen weiteren Namenstafeln versehen sein. Denn am Markt Nr. 16 stand einmal ein geschichtsträchtiges Hotel, in dem die Großen des Kontinents nächtigten: Dichter und Komponisten, Maler und Bildhauer, Fürsten und Könige, Politiker und Diplomaten.

Berühmte Gäste zur Goethezeit

Eröffnet wurde es als Gasthof "Zum Erbprinz" im Jahr 1749, als der Postmeister J. M. Braun "aus herzoglichen Gnaden" eine Konzession für Logis und Weinausschank erhielt. Wer damals in der 6.000 Einwohner zählenden Residenzstadt aus der Postkutsche stieg, konnte nun sein Quartier gleich in der Poststation nehmen. So taten es 1776 die Dichter Lenz und 1787 Schiller, als sie jeweils die Nähe Goethes suchten.

Der seinerseits brachte später selbst illustre Gäste wie die Gebrüder Humboldt hier unter, als aus dem Gasthof ein klassizistischer Hotelbau geworden war. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts wohnte dann Franz Liszt mehr als ein Jahr im "Erbprinz" wo er korrespondierte und komponierte, einen Salon betrieb und Freunde wie Richard Wagner empfing, dessen Opern er in Weimar zum Durchbruch verhalf.

Das Hotel Erbprinz in Weimar

Original Konzessionsurkunde von 1749 mit Siegel
Konzessionsurkunde von 1749. Postmeister Braun erwarb damit die Erlaubnis für Logis und Weinausschank im Gasthof "Zum Erbprinz" in Weimar. Bildrechte: Jörg Wunderlich
Liszt-Zimmer im Weimarer "Hotel Erbprinz"
An einen der berühmeten Bewohner erinnerte das Liszt-Zimmer. Der Komponist ließ sich 1848 in Weimar nieder und wohnte ein Jahr lang im Hotel Erbprinz. Bildrechte: Franz Vältl/Nachlass W. Vetter
Teilnehmer am Psychoanalytiker Kongress 1911 im Hotelgarten des "Erbprinz" - in der Mitte: Sigmund Freud und C.G. Jung
Im September 1911 tagte der "III. Internationale psychoanalytische Kongress" in Weimar und nutzte das Hotel als Hauptquartier. Berühmt wurde das im Hotelgarten aufgenommene Foto der Teilnehmer, darunter Sigmund Freud und Gustav Jung (Mitte), sowie Lou Andreas-Salomé (untere Reihe, 5. von links). Bildrechte: Franz Vältl
Ansicht Hotelgarten um 1925
Blick in den 1200 Quadratmeter großen Hotelgarten, um 1925. Das Hotel galt in dieser Zeit als erstes Haus am Platz. Zu den Gästen zählten Gerhard Hauptmann, Arthur Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal, Anatole France, Wilhelm Furthwängler, Gret Palucca und viele andere. Bildrechte: Nachlass W. Vetter
Hotel "Elephant" nach dem Umbau 4. Juli 1938, Vorbeimarsch an A. Hitler
Adolf Hitler machte ab 1926 das benachbarte Hotel Elephant zu seiner Stammadresse in Weimar. Im Bild: Hitler (stehend im Auto) nimmt einen Vorbeimarsch vor dem Hotel Elephant ab, 4. Juli 1936. Auf Hitlers Befehl wurde das historische Gebäude 1937 bis auf die Grundmauern abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Hotelier Carl Vetter wurde ein Opfer der Nazis, die es auch auf das Hotel Erbprinz abgesehen hatten. Bildrechte: Stephan Liebig/Sammlung Madlung
geschlossenes Parkhotel 'Erbprinz' neben Interhotel 'Elephant' 1980
Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Carl Vetters Sohn Wolfgang das Hotel trotz Schikanen weiterzuführen, bis er sich 1960 zur Flucht in die Bundesrepublik entschloss. Danach wurde das Hotel von der HO verwaltet und Ende der 60er-Jahre geschlossen. Im Bild: Geschlossenes Parkhotel Erbprinz neben Interhotel Elephant, 1980 Bildrechte: Messbildstelle Dresden
Original Konzessionsurkunde von 1749 mit Siegel
Konzessionsurkunde von 1749. Postmeister Braun erwarb damit die Erlaubnis für Logis und Weinausschank im Gasthof "Zum Erbprinz" in Weimar. Bildrechte: Jörg Wunderlich
Goethezimmer 1908 Postkarte
In diesem Zimmer brachte Johann Wolfgang Goethe bevorzugt seine Gäste unter, darunter die Brüder von Humboldt, den Bildhauer Christian Daniel Rauch und den Baumeister Karl Friedrich Schinkel. Später nahmen hier berühmte Besucher wie der Maler Max Klinger oder der Politiker Gustav Stresemann Quartier. Bildrechte: ansichtskarten-lexikon.de
Galerie zum Hotelgarten des Hotels "Erbprinz", 1925
Blick in die Speisegalerie zum Garten, um 1925. Hotelier Carl Vetter, der das Haus 1903 erwarb, verband Tradition mit modernstem Komfort seiner Zeit. Bildrechte: Louis Held / Nachlass W. Vetter
Saalansicht vor dem letzten Abriss, 1993
Nach der Schließung war das traditionsreiche Hotel der Plünderung und dem Verfall preisgegeben. 1989 wurden auf Anordnung der SED-Bezirksleitung die vorderen Gebäudeteile abgrissen, 1993 die verbliebenen Gebäude auf dem hinteren Areal. Im Bild: Saalansicht vor dem Abriss, 1993 Bildrechte: Messbildstelle Dresden
Vor dem denkmalgeschützten Fassadenrest des ehemaligen Hotel "Erbprinz" in Weimar
Denkmalgeschützter Fassadenrest des ehemaligen Hotels Erbprinz in Weimar. Eine Tafel erinnert daran, dass sich hier von 1707 - 1717 ein Wohnsitz von Johann Sebastian Bach befand. Bildrechte: Thomas Fenn
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Einzug der Moderne

Hotelier Carl Vetter um 1910
Hotelier Carl Vetter, um 1910 Bildrechte: Franz Vältl

Als 1903 der aus Hamburg kommende Carl Vetter das Hotel erwarb, waren viele Zimmer schon nach ihren einstigen Bewohnern benannt: Hebbel und Napoleon, Paganini und Berliosz, von Weber und Rubinstein. Der Hotelier investierte und modernisierte, legte ein Gästebuch an, auf dessen erster Seite sich 1905 Max Klinger, Max Liebermann und Henry van de Velde eintrugen. 1911 kamen Sigmund Freud und C.G. Jung hinzu, die zu einem Kongress anreisten.

1919, während der Zeit der Nationalversammlung, findet sich auf einer einzigen Gästebuchseite das politische Who is Who der noch zu gründenden Weimarer Republik. In den 20er-Jahren tauchten dann Namen wie Anatole France und Andre Gide, Max Reinhardt und H.G. Wells, Julien Green und Aristide Maillol auf. Carl Vetter und sein Sohn Wolfgang waren kulturell gebildete und interessierte liberale Hoteliers, wie sie das bürgerliche Zeitalter hervorbrachte. Auch die Bach-Gedenktafel wurde von ihnen gestiftet, nachdem 1929 bekannt wurde, dass der Komponist im ältesten Teil ihres Hauses einmal seine Dienstwohnung hatte.

Empfangshalle des Hotel "Erbprinz" Weimar, Historische Aufnahme: Atelier Louis Held 1938
Empfangshalle des Hotels Erbprinz, 1938 Bildrechte: Atelier Louis Held/Stefan Renno

Eine schmerzliche Lücke in Weimar

Carl Vetter wurde ein Opfer der Nazis, sein Hotel ein Opfer von Bombenkrieg, DDR-Verfall, Willkür und Nachwende-Spekulation. Die offensichtliche Baulücke mitten im historischen Zentrum besteht seit nunmehr drei Jahrzehnten. Mit der Zeit entstanden hier bereits Leerstellen und Verfälschungen in der Erinnerungslandschaft der Weltkulturerbestadt.

Heute macht sich der Verein Bach in Weimar e.V. für eine Wiederbebauung der Brache stark. Für die Idee eines Bach-Zentrums am originalen Wohn- und Schaffensort gibt es breite Unterstützung. Die Frage, was aus den baulichen Überresten des "Erbprinz" und seiner in Vergessenheit geratenen Geschichte wird, ist nach wie vor offen.

Der Feature-Autor Jörg Wunderlich Jörg Wunderlich, geboren 1970, studierte Bildende Kunst, Kulturwissenschaften und Journalismus in Berlin und Halle. Er ist als freier Journalist und Autor für verschiedene Rundfunkanstalten tätig. Außerdem arbeitet er als Onlineredakteur, Kurator und Kulturmanager. Für MDR KULTUR realisierte er die Feature "Grau - Vom Siegeszug einer Nicht-Farbe" (2015), "Verfemter Meister der Burg Giebichenstein - Erwin Hahs" (2015), "Die Graswurzener - Aussteigen Vier Punkt Null" (2018), "Die Graswurzener – Zwei Jahre später" (2020) und "Faszination Turmuhren" (2020).

Angaben zur Sendungen

MDR KULTUR - Feature
Wand an Wand zum "Elephant"
Weimars verschwundenes Hotel "Zum Erbprinz"
Von Jörg Wunderlich

Regie: Andreas Meinetsberger
Redaktion: Tobias Barth
Produktion: MDR 2021 - Ursendung

MDR KULTUR | Feature
02.06.2021 | 22:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: Wand an Wand zum "Elephant" | 02. Juni 2021 | 22:00 Uhr

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