Mo 11.03. 2019 18:05Uhr 55:00 min

Die Band Madison Violet bei der MDR KULTUR Studiosession
Die Band Madison Violet bei der MDR KULTUR Studiosession Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky
MDR KULTUR - Das Radio Mo, 11.03.2019 18:05 19:00

MDR KULTUR Spezial Musik

MDR KULTUR Spezial Musik

Neue Alben: Empfehlungen aus Pop & Klassik

Mit Claus Fischer und Hendryk Proske

  • Stereo
Pop-Neuvorstellungen:

* E.B. The Younger: To Each His Own (Bella Union 08.03.)
Einmal so richtig aus den vollen schöpfen, alles zulassen, keine konzeptionellen Beschränkungen. So oder ähnlich muss sich das für Eric Pulido angefühlt haben. Der Mann, jahrelang Gitarrist der texanischen Band Midlake, hat für sein Solodebut dem songwriterischen Affen aber mal so richtig Zucker gegeben. Songs die alles geben, was handwerklich guter Pop zu bieten hat: große Melodiebögen, Schwung und Eleganz, Vielseitigkeit und Abwechslung in Arrangement und Instrumentierung ohne die Klarheit der jeweiligen Songidee aus dem Auge zu verlieren.
Ein Album mit bemerkenswertem Reichtum an musikalischen Ideen und dem Können, all das dann auch strahlen zu lassen. Das erinnert an 70er-Sound ohne in der Retrofalle zu verenden. Beatles, Fleetwood Mac, Jeff Lynne, Elton John oder Simon & Garfunkel lassen immer wieder grüßen. Mal verspielt, mal mit großer Geste zaubert E.B. The Younger ein optimistisches Lächeln auf die Gesichter seiner Zuhörer. Absolut bereichernd!

* Youn Sun Nah: Immersion (Warner Music 08.03.)
Was für eine Künstlerin! Welch bemerkenswertes künstlerisches Einfühlungsvermögen. Was für eine Wandlungsfähigkeit! Die Südkoreanerin Youn Sun Nah macht immer wieder sprachlos. Geübt im Musicalfach, gelernt in Jazz und Chanson, ihrer asiatischen Wurzeln bewusst überrascht die fast 50jährige auf jedem Album.
Für "Immersion" hat sie sich auf Folk, Soul und R'n'B eingelassen. Das muss man sich wohl tatsächlich genauso vorstellen: Youn Sun Nah erschließt sich immer wieder in ihrer Karriere einen neuen musikalisch, künstlerischen Horizont, taucht ein, studiert, saugt auf, verdaut und kreiert neu. Auch in diesem Fall.
Unterstützt von einer exzellenten Band, die in den richtigen Momenten das Experiment vorantreibt, Türen und Räume öffnet, um sich im nächsten Moment dezent zurückzuhalten, um Youn souverän den Vortritt zu lassen. Und so macht sie es nun mit Songs von Marvin Gaye oder den Supremes. George Harrison oder Leonard Cohen. Wobei, die gefühlt zweimillionste "Hallelujah"-Version hätte es gar nicht gebraucht. Aber der Rest des Albums ist eine einzige Entdeckungsreise.

* Madison Violet: Everything's Shifting (Passenger Sounds / Big Lake Music 08.03.)
Neulich bei Facebook Live – Frage eines Fans: "Hi Ihr Beiden, bei wie vielen der neuen Songs werde ich in Tränen ausbrechen?" - Antwort: "Naja, es sind elf auf dem neuen Album. Mit etwas Glück musst Du bei zweien NICHT weinen!". Man sollte dazu erwähnen, dass Brenley und Lisa, die beiden Kanadierinnen, die zusammen das Duo Madison Violet bilden, bei dieser Antwort dann doch ziemlich lachen mussten.
Es mag ein Klischee sein, dass ihre guten Folksongs, stabil getragen von akustischer Gitarre und sparsamen Einsatz diverser anderer ergänzender Instrumente wie Mundharmonika, Schlagzeug, Bass und ab und an einer Violine, immer dank des harmonisch-verträumten Gesangs irgendwie melancholisch bis traurig klingen. Aber was sollen sie auch machen? Beide Stimmen harmonieren seit 20 Jahren so wunderbar zusammen. Was Madison Violet singen und spielen ist purer Wohlklang. Da ist nichts zu viel, nichts aufgesetzt, nichts schräg, nichts verstörend. Klassisch arrangierte Songs voll Wärme, Schönheit, Brillanz und natürlicher Leichtigkeit! Musik für einen sommerlichen Cabrio-Road-Trip. Im besten Fall ohne konkretes Ziel…


Klassik-Neuvorstellungen:

* Joseph Haydn, Piano Sonatas (Kristian Bezuidenhout Label: Harmonia mundi France)
Klaviersonaten von Joseph Haydn aufznehmen war nicht die Idee von Kristian Bezuidenhout, sondern die seiner Plattenfirma, nach dem Motto "Du spielst so guten Mozart, lass uns doch mal Haydn machen!" Und so hat sich der Pianist in die Sprache Haydns intensiv hineinbegeben. Er sieht sich als "Redner", er setzt Akzente in seinem Vortrag, er macht es spannend, platziert geschickte "Hinhörer" sozusagen. Als „Ratgeber“ diente ihm Carl Philipp Emanuel Bach, der Haydn sehr beeinflusst hat. Kristian Bezuidenhout hat so die Musik Haydns auf ihren Verlauf hin untersucht, er versucht, den Redefluss Haydns beim Improvisieren nachzuvollziehen. Wir wissen, dass Haydn immer am Instrument komponiert hat, also aus der Improvisation heraus. Und das Ergebnis ist völlig organisch. Haydns Spache ist Kristian Bezuidenhout tatsächlich in Fleisch und Blut übergegangen!

* Seconda Donna – Händel / Vivaldi (Julia Böhme, La Folia Barockorchester, Robin Peter Müller)
Die "Primadonna", die "erste Frau" auf der Opernbühne war in der Zeit des Barock immer eine Sopranistin, in der Regel eine Königin und eine glücklich oder oft auch unglücklich Liebende. Und die "Seconda Donna" war eine Frauengestalt im Schatten. Sie ist die, die für die unglückliche Liebe sorgt, die im Hintergrund Intrigen spinnt, die Fallen stellt, oder die vielleicht selbst den Prinzen liebt, der für die Primadonna bestimmt ist. Die Stimmlage der Secona Donna ist natürlich…Alt.
Wir haben es hier mit einem dramaturgisch sehr klugen Konzeptalbum zu tun…
Julia Böhme, ihr Name taucht bei Barockfestivals in unserer Region immer wieder auf, stammt aus Eilenburg, nordöstlich von Leipzig und lebt in Dresden, wo sie auch studiert hat. Und sie hat u.a. mit der "Lautten Compagney" und dem "Ensemble 1704" aus Prag in den letzten Jahren konzertiert, dabei entstanden auch einige CDs. Diese ist nun aber das erste Soloalbum von Julia Böhme und es ist absolut hinreßend! Die Stimme hat alles, was ein profunder Alt braucht, Wärme, Süffigkeit, große Lyrizität, ein Mahagoni-Timbre…aber Julia Böhme ist dazu auch unglaublich flexibel, sehr expressiv, dramatisch, also im Grunde ganz Prima-donna. Und die geschickte Auswahl der Arien zeigt sie in all ihren Facetten!

* Schostakowitsch, Under Stalins Shadow (Boston Symphony – Andris Nelsons)
Andris Nelsons dirigiert Schostakowitsch auf geniale Weise! Er hat ja am St. Petersburger Konservatorium bei Alexander Titov studiert und ich nehme stark an, da auch den Kosmos der Schostakowitsch-Sinfonien kennenglernt und durchdrungen haben. Also er setzt Boston Symphony mit seinem reichen Obertonspektrum sehr gekonnt ein – mit dazu enormer, auch rhythmischer Präzision.
Das Ganze ist unheimlich transparent musikziert, auch in der Siebten, "Leningrader", der sicher bekanntesten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Die hat ja auch in Amerika eine lange Aufführungstradition. Die Partitur wurde auf Mikrofilm aufgezeichnet und in die USA gebracht, Arturo Toscanini hat sie 1942 mit dem NBC-Symphony Orchestra in New York uraufgeführt. Und auch Boston Symphony hat das Werk lange schon im Repertoire. Und Andris Nelsons hat die Gabe, selbst im grössten musikalischen Gewirr Linien hörbar zu machen. Das hat er auf den ersten beiden Schostakowitsch-CDs mit Boston ja schon bewiesen, die beide mit Grammys ausgezeichnet wurden…