Di 23.04. 2019 18:05Uhr 55:00 min

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MDR KULTUR - Das Radio Di, 23.04.2019 18:05 19:00

MDR KULTUR Spezial: CD-Neuheiten

MDR KULTUR Spezial: CD-Neuheiten

Empfehlungen aus Pop + Klassik

mit Hendryk Proske und Claus Fischer

  • Stereo
* Pop

- Jade Bird: "Jade Bird"
(Kobalt Label Services (Original-Label: Glassnote Entertainment Group - Best.-Nr.: GLS-0242-02
bzw. auch JB001 / EAN: 0810599022259)

Und nun endlich das Debutalbum! Seit knapp zwei Jahren geistert der Name dieser jungen Engländerin schon durch Blogs, Zeitschriften und Radios. Die BBC zählte Jade Bird schon 2018 zu den wichtigsten Talenten. Die Stimme von Janis Joplin, der Charme einer Dusty Springfield, sie selbst nennt Pattie Smith als Vorbild. Und dann covert sie auf der Bühne Klassiker der Pixies oder Bluesperlen von Son House! Bird verfügt über ein großes songwriterisches und spielerisches Talent an der Gitarre. Aber vor allem besitzt sie ein unglaublich sympathisches, einnehmendes und unterhaltsames Wesen. Betritt diese Frau eine Bühne hat sie innerhalb von Minuten den Saal um ihre Finger gewickelt. Zwischen berührenden Songs mit einer für ihr junges Alter beeindruckenden, aber keineswegs altklugen Tiefe steckt sie mit ihrem Lachen und kurzen, witzigen Geschichten zwischendurch alle an. Diese Energie, dieses Versprechen nun auf Platte zu bannen war die große Aufgabe. In großen Teilen ist das gelungen. Zwar mussten offenbar einige Songs für den internationalen Radiomarkt künstlich "gepimpt" werden, dennoch darf dieses Debut als ein gelungener Einstand gelten.


- Peter Doherty & The Puta Madres: "Peter Doherty & The Puta Madres"
(CARGO RECORDS (Original-Label: Strap Originals
- Best.-Nr.: 131794 / EAN: 5055869546270)

Wie viele Leben hat dieser Mann eigentlich? Peter, oder manchmal auch nur Pete Doherty galt lange als exzentrisches Talent, welches seinen 30. Geburtstag wohl nicht erleben würde. Zu viel Alkohol, zu viele Drogen, zu viel von Skandalen, Schlägereien im Rausch und besoffenen Diebestouren. Doch gleichzeitig ein bemerkenswerter Output von Lyrik und Songs. Doherty hat mindestens so viele Alben veröffentlicht wie Entzugskliniken von innen gesehen. Ob Solo oder mit seinen Bands, den Libertines oder den Babyshambles – immer wieder gelangen ihm grandiose zeitlose Songs und Zeilen voll tiefster Sehnsucht und Liebe. Für 2019 hat Doherty sich vorgenommen 40 zu warden. Und er hat zusammen mit Freunden die Band "The Puta Madras" gegründet. Deren Debut entstand angeblich in nur vier Tagen in einem einsamen Haus in der Normandie. So herrlich wie es rotzt und rumpelt hätte es auch nur eine Garage sein können.

- Lisa Morgenstern: "Chameleon"
EAN: 3615937107752

Lisa Mogenstern kommt aus dem sächsischen Vogtland, wohnt mittlerweile in Berlin. Als Kind hat sie an der Palucca-Schule in Dresden getanzt, doch eine Verletzung machte schnell alle Träume in diese Richtung zunichte. Gleichzeitig hatte sie allerdings angefangen klassisch Klavier zu lernen. Später entdeckte sie die Chancen elektronischer Instrumente für sich. Musikalisch wagt sie sich in experimentelle Welten – Irgendwo zwischen Elektronik und Neo-Klassik. Ihre Stimme kann ebenso strahlen wie auch geisterhaft flirren. Man denkt mal an PJ Harvey, mal wieder an Lisa Gerrard und Dead Can Dance. Selten gibt es Künstlerinnen, denen man so direkt dabei zusehen kann, wie sie sich LIVE im Moment und ihrem Spiel verlieren. Zuweilen hadert sie, wie sie selber zugibt, mit ihrem Hang zum Perfektionismus. Ihr bereits zweites Album lässt dennoch eine Menge Potential ahnen!



* Klassik

- Haydn 2032
No. 7 Gli Impresari
Giovanni Antonini
Kammerorchester Basel
Alpha Classics Alpha 680

Ein Jahrhundertprojekt! Bis zum Jahr 2032, das ist das Jahr des 300. Geburtstages von Joseph Haydn, will das Kammerorchester Basel sämtliche Sinfonien aufgenommen haben - nach heutigem Kenntnisstand 107. Mit dieser 7. CD hat man nun gut 15 geschafft – und wenn die anderen CDs so werden wie diese, dürfte die Edition das Haydn-Bild revolutionieren. Denn so farbig und mitreißend wie die Musiker hier unter Giovanni Antonini musizieren, macht die drei Sinfonien vom ersten bis zum letzten Ton spannend!
Diese siebte CD bringt nun drei Sinfonien, die Haydn ursprünglich als Schauspielmusiken, u.a. für das Hoftheater auf Schloß Esterhaza konzopiert hat. Er hat diese Gelegenheitswerke, die zu seinen Aufgaben als Kapellmeister der Esterhazys gehören, dann umgearbeitet und erweitert. Der Musikwissenschaftler Christian Moritz-Bauer hat da in letzter Zeit einige spannende Erkenntnisse zutage gefördert, er hat auch das Booklet zur CD geschrieben. Da erschließen sich die drei aufgenommen Haydn-Sinfonien dann noch einmal auf ganz neue Weise, wenn man ungefähr weiß, was zur Musik auf der Bühne passiert ist…


- "Mr Handel’s Dinner"
George Frideric Handel & Friends
Music for the Opera Intermissions
Maurice Steger
La Cetra
Harmonia Mundi HMM 902607

Georg Friedrich Händel hat sein Privatleben in London massiv abgeschottet, seine Diener und Mitarbeiter waren zur Verschwiegenheit verpflichtet. So wissen wir auch nicht, ob es beim ihm zuhause Musik zum Dinner gespielt wurde. Der Titel der CD spielt allerdings auf
Händels öffentliche Auftritte an. Seine italienischen Opern sind ja recht lang, und in den Pausen wurden Speisen gereicht. Dazu gab es dann Musik von Mitgliedern aus Händels Orchester.
Der Schweizer Blockflötist Maurice Steger ist einer der besten seiner Zunft weltweit. Hier zeigt er sich enorm wandlungsfähig, verkörpert quasi Händels Kompositionsschüler William Babbel, der wahrscheinlich Blockflötist in dessen Orchester war. Das Barockorchester La Cetra ist an der Kaderschmiede des Originalklangs entstanden, der Schola Cantorum Basiliensis. Die Mitglieder musizieren rhetorisch perfekt, sehr musikantisch und farbig und sind beim Bällezuspielen der perfekte Gegenpart zum Solisten…


- Schumann, "Dichterliebe"
Julian Prégardien, Eric Le Sage
Alpha Classics Alpha 457

Kein Liedkomponist hatte einen derart feinen Sensus für literarische Texte wie Robert Schumann. Und es gibt viele Sänger, die diesem Sensus nachzuspüren nicht in der Lage sind – anders hier beim Tenor Julian Prégardien! Er schreibt im Booklet, dass er Schumanns Notenhandschriften ausgiebig studiert hat, und auch etliche Briefe, die er um das Werk herum gewechselt wurden. Julian Prégardien tritt in einen imaginären Dialog mit Robert Schumann, macht auch manches anders als der es im Notentext vorschreibt, aber immer aus dem Geist der Romantik heraus – also eine höchst spannende Auseinandersetzung!
Was Julian Prégardien auszeichnet ist eine großartige Textverständlichkeit. Das ist heutzutage leider auch bei Stars im Bereich des Kunstliedes nicht mehr selbstverständlich. Das Ergebnis ist aber keinesfalls "nüchtern" - wer Emotion sucht, kommt ebenso auf seine Kosten. Ich würde zwar nicht so weit gehen wie einige Kritiker, die den Schmelz in der Stimme von Julian Prégardien mit Fritz Wunderlich vergleichen, aber tenoralen Schmelz ha auch er - und setzt ihn gekonnt ein. Mit dem Franzosen Eric Le Sage hat er einen historisch-informierten Pianisten an seiner Seite, der die Emotion gekonnt im Zaum hält, er spielt auf einem Leipziger Blüthner-Flügel von 1856.