Sa 19.10. 2019 09:05Uhr 30:00 min

MDR KULTUR - Feature Ich flüchte mich ins Schreiben - Der Schriftsteller Dogan Akhanli

Von Birgit Morgenrath

Buchmesse Frankfurt

Komplette Sendung

Dogan Akhanli 29 min
Bildrechte: IMAGO
MDR KULTUR - Das Radio Sa, 19.10.2019 09:05 09:35
(Übernahme)

"Es gibt Persönlichkeiten, die nicht schweigen können, wenn es um Gerechtigkeit geht". Mit diesen Worten ehren die Juroren Dogan Akhanli 2019 mit der Goethe-Medaille. "Mit großer Klarheit setzt sich der deutsch-türkische Schriftsteller für den Dialog der Kulturen ein. Seine Dichtung ist Wahrheit, eine bittere Wahrheit, wunderschön verwebt in seinen Romanen, Theaterstücken und Essays, die in besonderer Weise zur Verständigung der Völker beiträgt."

Dogan Akhanli, 1957 in der Türkei in der Provinz Artvin am Schwarzen Meer geboren, verbrachte seine Kindheitsjahre im Nordosten der Türkei, zog mit zwölf zu seinem Bruder nach Istanbul und studierte später Geschichte und Pädagogik. Nachdem er wegen des Kaufs einer linksgerichteten Zeitschrift in den siebziger Jahren für fünf Monate in Untersuchungshaft saß, wurde er Mitglied der illegalen "Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei". Nach dem Militärputsch im September 1980 tauchte er in den Untergrund ab. Fünf Jahre später wurde Akhanli zusammen mit seiner Frau Ayse und dem 16 Monate alten Sohn verhaftet. Zweieinhalb Jahre saß er als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul. 1991 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. Im Exil begann er zu schreiben.

Inzwischen hat er zahlreiche Romane und Theaterstücke verfasst, in denen er sich immer wieder für den wahrhaftigen Umgang mit historischer Gewalt, für die Erinnerung daran sowie für die Unteilbarkeit der Menschenrechte einsetzt. Mit dem auch ins Deutsche übersetzten Band "Die Richter des Jüngsten Gerichts" schrieb Akhanli den ersten Roman über den Genozid an den Armeniern im Jahr 1915, bis heute ein Tabu in der Türkei. Sein Roman "Madonna'nin Son Hayali" ("Madonnas letzter Traum", 2005, dt. 2019) handelt von der Versenkung eines Frachters mit 700 jüdischen Flüchtlingen im Schwarzen Meer 1942 durch ein russisches U-Boot. Sein erstes Theaterstück in deutscher Sprache "Annes Schweigen" wurde 2012 in Berlin uraufgeführt. Nach erneuten Verhaftungen: 2010 bei einem Besuch in der Türkei und zuletzt 2017 im Urlaub in Spanien, rettete sich Dogan Akhanli wieder, wie er sagt, ins Schreiben. Die Erzählung "Sibirien" und das Buch "Verhaftung in Granada" halfen ihm das Unerträgliche zu verarbeiten.

Birgit Morgenrath arbeitete nach dem Studium der Politik und Germanistik sowie nach einer Journalistenausbildung in Köln einige Jahre beim WDR in Dortmund, bevor es sie in die Weite zog. Als freie Journalistin reiste sie später häufig nach Afrika, vor allem nach Südafrika, um dort die dramatischen politischen Prozesse ab den 90er Jahren in zahlreichen Features für die ARD journalistisch zu begleiten. Immer wieder befasste sich die Autorin auch mit afrikanischer Literatur und mit Fragen der Flüchtlingspolitik in Europa und Deutschland. Dogan Akhanli lernte sie Anfang der 90er Jahre kennen.

Regie: Maria Schüller
Produktion: Deutschlandradio 2018

Sprecher:
Angelika Bartsch
Jörg Hustiak
Birgit Morgenrath