Sa 09.10. 2021 11:00Uhr 60:00 min

MDR KULTUR trifft Henrike Naumann

Installationskünstlerin, Berlin

Komplette Sendung

Henrike Naumann 42 min
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MDR KULTUR - Das Radio Sa, 09.10.2021 11:00 12:00
Ende September war die in Zwickau geborene und in Berlin lebende Installationskünstlerin Henrike Naumann bei der Ural Industrial Biennale in Jekaterinburg. Das diesjährige Thema: "Eine Zeit zum Umarmen und zum Unterlassen des Umarmens". Henrike Naumann präsentierte zwei Arbeiten. Eine beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Vorstellungen der "Urzeit" in Kapitalismus und Sozialismus. Die andere, die neu für die Ural Biennale entstand, thematisiert schamanischen Praktiken in Jekaterinburg als Umgang mit einem durch Industrie determinierten Leben. In Berlin, im Kunsthaus Dahlem, ist seit August und noch bis zum 28. November die Ausstellung "Einstürzende Reichsbauten" zu sehen. Die Künstlerin sucht, wie im gleichnamigen Buch, nach ideologischen Spuren in den Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände des Dritten Reichs und der Nachwendezeit. Henrike Naumann reflektiert mit ihrer Kunst gesellschaftspolitische Probleme auf der Ebene von Design und Interieur, erkundet den Widerschein gesellschaftlicher Umbrüche im Möbel. Über das Arrangement von ausgewähltem Mobiliar schafft sie Querverbindungen zwischen deren Geschichte und den Menschen, legt ein Reibungsverhältnis entgegengesetzter politischer Meinungen im Umgang mit Geschmack und persönlicher Alltagsästhetik frei.

Henrike Naumann wurde 1984 im sächsischen Zwickau geboren und erlebte in den 90er Jahren wie zunehmend Neonazis die Jugendkultur in ihrer Geburtsstadt dominierten. Wiedervereinigung und Rechtsextremismus stehen daher immer wieder in ihrer thematischen Auseinandersetzung, aber auch der radikale Bruch der Ästhetik im privaten wie öffentlichen Raum zu den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen ab 1989. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Ihre Arbeiten fanden und finden Eingang in Museen und Galerien in ganz Europa und Übersee. 2019 war Henrike Naumann im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen, erhielt den Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung und den Max-Pechstein-Förderpreis.
Henrike Naumann studierte von 2006 bis 2008 Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und 2008 bis 2012 Szenografie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Sie führte Regie und begann mit Installationen zu arbeiten. Ein Schlüsselmoment für Ihre Kunst sei die Enttarnung des NSU im November 2011 gewesen. Die rechtsextremen Terroristen hatten in der Nachbarschaft ihr Großmutter in Zwickau gewohnt. 2012 geht sie mit "Triangular Stories" an die Öffentlichkeit. In "Aufbau Ost" spürte Henrike Naumann 2016 anhand von Alltagsästhetik der Transformation der DDR und der Integration von Ost- und Westdeutschland nach. 2017 entwickelte sie die Rauminstallation "Das Reich" und setzt sich mit rechtsextremer Ideologie und Reichsbürgerbewegung auseinander. 2000 / 2018 setzte Henrike Naumann die Expo 2000 in Bezug zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung. 2019 war im Kunstverein Hannover "2000 - Mensch. Natur. Twipsy" zu sehen.

Ein Portrait von Henrike Naumann ist in der Reihe "East Side Storys - Standpunkte einer Generation" in der MDR Mediathek zu sehen.
Mitwirkende
Moderation: Ellen Schweda
Redaktion: Angelika Zapf