Di 23.11. 2021 15:00Uhr 30:00 min

MDR KULTUR - Die Klassikerlesung Wanderungen durch Thüringen (Folge 17 von 22)

Von Ludwig Bechstein

Komplette Sendung

Amt Wachsenburg, Thüringen 25 min
Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich
MDR KULTUR - Das Radio Di, 23.11.2021 15:00 15:30
"Thüringen ist und bleibt nach den Rheingegenden mir der liebste Strich in Deutschland. Es ist so etwas Heimisches, Befreundetes in dem Boden; wie ein alter herzlicher Jugendfreund heisst er den Wandrer willkommen. Wenn man durch die freudenleere Leipziger Fläche sich müde und matt hindurchgearbeitet hat, dann empfängt den Pilger das freundliche Land mit seinen tausendfach wechselnden Reizen. Die Natur entfaltet sich mit jedem Schritte immer reicher, kühner, üppiger. Ich sagte Dir schon, die Bäume bekämen ein ganz andres Grün, so wie man Thüringens Boden betritt. Herrliche Berge krönen das Land mit unverwüstlichen Wäldern; romantische Gründe laden zu fröhlichem Lebensgenuss; kühne gigantische Felsen predigen mit ewiger Begeisterung die Allmacht der Natur und enthüllen auf kolossalen Blättern die urälteste Geschichte der Erde und das tiefe Wunder ihrer ewigen Metamorphose... Über dem ganzen Lande schwebt der Geist der Vorzeit annoch mit hörbarem Flügelschlag und mit prophetischen Stimmen; das Werk der Gewaltigen ist nicht dahin, in himmelanstrebende Bäume und Felsen ist es aufgegangen, aus den schauervollen Ruinen redet noch Heldenkraft und Ritterliebe in vernehmlichen Tönen..."

Diese Zeilen von Friedrich Gottlob Wetzel wählte Ludwig Bechstein als Motto für seine "Wanderungen durch Thüringen", die 1838 erstmals in Leipzig erschienen.

Darin beschreibt der 1801 in Weimar geborene Bechstein seine Heimat und nimmt den Leser mit in Städte und Regionen wie Meiningen, den Dolmar, das Tal der Lichtenau, Suhl, Oberhof, Ilmenau, Schleusingen, das Meininger Oberland, Saalfeld u.v.a.

Ludwig Bechstein wurde am 24. November 1801 als außerehelicher Sohn von Johanna Dorothea Bechstein und dem französischen Emigranten Louis Hubert Dupontreau in Weimar geboren und absolvierte zunächst eine Apothekerlehre in Arnstadt. Seine 1828 erschienenen Sonettenkränze lenkten die Aufmerksamkeit des Herzogs Bernhard von Sachsen-Meiningen auf den jungen Schriftsteller, und der Herzog gewährte ihm ein Stipendium, um ihm ein Studium der Geschichte, Philosophie und Literatur (1829/30 in Leipzig) zu ermöglichen. Ab 1830 war Bechstein in München, wo er mit Pocci, Chezy, Duller und Maßmann verkehrte. Anschließend erhielt Bechstein eine Anstellung als Bibliothekar, später als Archivar in Meiningen. Seine Vorliebe für historische Stoffe, seine Freude am Stöbern in alten Quellen und Chroniken äußerte sich nicht nur in seinen Märchen- und Sagensammlungen, die im Mittelpunkt seines Oeuvres stehen, sondern auch in seinen Balladen, Romanzen, Erzählungen und historischen Romanen. Der schon zu Lebzeiten vielgelesene Schriftsteller starb am 14. Mai 1860 in Meiningen.
Mitwirkende
Regie: Anke Beims
Produktion: MDR 2021