So 26.12. 2021 18:00Uhr 90:00 min

MDR KULTUR - Hörspiel Abschied von Gülsary (Teil 2 von 2)

Von Tschingis Aitmatow

Komplette Sendung

Pferd im Tian Shan 68 min
Bildrechte: IMAGO / agefotostock
MDR KULTUR - Das Radio So, 26.12.2021 18:00 19:30
Wohin strebt der Mensch; warum verschreibt er sich Zielen, die er nie erreichen wird. Wer trägt daran schuld? Und wem nützen diese Fragen - werden sie doch in aller Regel zu spät gestellt. Aitmatow reflektiert gleichzeitig poetisch und konkret Anspruch, Zweifel und Desillusionierung beim Aufbau der Sowjetmacht in Kirgisistan nach dem II. Weltkrieg.

Im Zentrum des Romans steht Tanabai Bakassow, Sohn eines kirgisischen Knechtes, glühender Parteigänger der Leninschen Revolution, Mitgründer der Kolchose in seinem Ail. Heimgekehrt aus dem II. Weltkrieg, krempelt er dir Ärmel hoch: nun soll endlich, endlich alles besser werden.

In diesen frühen Jahren trifft Tanabai auf einen einzigartigen Gefährten, den noch jungen Passgänger-Hengst Gülsary. Dieser Gülsary wird Aitmatow zum Helden, mehr aber noch zum Vertreter der beleidigten Schöpfung, der geschundenen, missachteten Natur. Der Passgänger Gülsary ist ihr Wappentier, eingespannt zwischen frühem Ruhm als uneinholbares Rennpferd und dem postwendenden Wunsch der höheren Kader, sich mit dem edlen Tier als ihr Eigentum schmücken zu können. Ihn trifft die Achtlosigkeit ebenso wie die Schafe, die Tanabai als einfacher Hirte durch den Winter bringen muss. Vom Menschen vermehrt und dann unter ärgsten Bedingungen nahezu allein gelassen, sterben viele einen jämmerlichen Tod.

Tanabai ist zornig und ratlos: Wie konnte es soweit kommen? Statt besser wird alles nur schwieriger, die Schafe ohne Stall, die Menschen in löchrigen Jurten. Wie kann das sein, wo im Sowjetsystem doch alle für alle arbeiten? Und wie der einst unbesiegbare Gülsary nun im Kummet einen alten Karren zieht, ist auch sein früher Gefährte, der ihn nach vielen Jahren wiedersieht, gealtert und sprachlos. Ihm bleibt nur, Gülsary auf seinem letzten Weg ein Freund zu sein.

In einem eindrücklichen Epochenbild verknüpft Aitmatow die Lebensläufe des Passgänger-Hengstes Gülsary und des Hirten Tanabai zu einem berührenden Doppelporträt von früher Kraft, Lebenserfüllung, Scheitern und Tod.


* Tschingis Aitmatow
Tschingis Aitmatow (* 1928 Scheker, + 2008 Nürnberg) wuchs als ältestes von vier Kindern im Talas-Tal in Kirgistan zweisprachig (russisch/kirgisisch) auf. Sein Vater wurde 1937 im Zuge der stalinistischen Säuberungen erschossen und 1956 rehabilitiert. Aitmatow lernte an einem Veterinär-Technikum und arbeitete als Tierzüchter.

Erste literarische Texte, Abschluss des Moskauer Gorki-Literaturinstituts mit "Dshamila" (1959). Für "Abschied von Gülsary" erhielt er 1968 den Sowjetischen Staatspreis für Literatur. Trotz seines sich immer deutlicher ausbildenden ethisch-ökologischen Weltbildes konnte Aitmatow in der Sowjetunion publizieren. Sein Roman "Die Richtstatt" (1986) wurde zum wichtigen Meilenstein der geistig-literarischen Perestroika. Das Buch erfuhr auch in der DDR starken Zuspruch.

Nach der Auflösung der Sowjetunion wurde Aitmatow Botschafter der Russischen Föderation und weiterer GUS-Staaten in Luxemburg, ab 1995 vertrat er Kirgistan diplomatisch in Belgien, Frankreich und der EU. Seine in dieser Zeit veröffentlichten Romane "Das Kassandramal" (1994) und "Der Schneeleopard" (2007) wurden von der Literaturkritik zurückhaltend aufgenommen, fanden aber in Deutschland, wo er seine größte Leserschaft hatte, noch einmal viel Resonanz. Aitmatow war von 1983 bis zu seinem Tod Mitglied der Europäischen Akademie der Künste und Wissenschaft.

(70 Min.)
Mitwirkende
Regie: Heike Tauch
Bearbeitung: Heike Tauch
Komponist: Andre Matthias
Produktion: MDR 2021
Darsteller
Sprecher:
Valery Tscheplanowa: Erzählerin
Felix Goeser: der junge Tanabai
Christian Redl: der alte Tanabai
Julika Jenkins: Dshaidar
Winfried Glatzeder: Tschoro
Matti Krause: Kreisstaatsanwalt
Mirco Kreibich: Erster Sekretär
Max Hegewald: Kerimbekow
Henning Nöhren: Samansur
Janus Torp: Ibrahim und Bübchen

Solisten:
Isgaard
Christian Fotsch
Riccardo Rocchi
Sandro Friedrich