Sa 20.08. 2022 11:00Uhr 60:00 min

Irina Scherbakowa, Germanistin, Publizistin, Historikerin, Kulturwissenschaftlerin
Irina Scherbakowa, Germanistin, Publizistin, Historikerin, Kulturwissenschaftlerin Bildrechte: IMAGO / Sven Simon
MDR KULTUR - Das Radio Sa, 20.08.2022 11:00 12:00
MDR KULTUR - Das Radio Sa, 20.08.2022 11:00 12:00

MDR KULTUR trifft Irina Scherbakowa

MDR KULTUR trifft Irina Scherbakowa

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Der Menschenrechtspreis 2022 der Stadt Weimar geht an Irina Scherbakowa (Rußland/ Deutschland) und Olga Karatch (Belarus). Irina Scherbakowa gehört zu den Gründungsmitgliedern von "Memorial" im Jahr 1988, einer der ersten, unabhängigen zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Sowjetunion. Mit großem Nachdruck hatte "Memorial" in den letzten 35 Jahren aufgeklärt, kämpfte für die Menschenrechte und die Stärkung der Zivilgesellschaft im heutigen Rußland. Irina Scherbakowa leitete das Jugend- und Bildungsprogramm und koordinierte den landesweiten Schülerwettbewerb "Der Mensch in der Geschichte. Rußland im 20. Jahrhundert."

Im Oktober 2016 wurde "Memorial" durch das russische Justizministerium auf die Liste "ausländischer Agenten" gesetzt. Ende Februar 2022 verfügte ein russisches Gericht in letzter Instanz die Auflösung der Organisation. Irina Scherbakowa musste wegen zunehmender Repressionen im März 2022 ihre Heimat verlassen und fand nach einem Aufenthalt zunächst in Israel Exil in Weimar. Als langjähriges Mitglied des wissenschaftlichen Kuratoriums der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora ist sie eng mit der Stadt Weimar verbunden und nimmt derzeit einen Forschungsaufenthalt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena wahr.

Die Menschenrechtsorganisation "Memorial" erhielt in diesem Jahr den 57. Theodor Heuss Preis. "Wir müssen sehen, wie wir den demokratischen Kräften in Rußland helfen können, sie stärken und ihnen Mut machen", begründete Ex-Bundesinnenminister und Kuratoriumsmitglied Gerhart Baum die Preisvergabe.

In Moskau wurde Irina Scherbakowa wurde 1949 geboren. Sie stammt aus einer Familie jüdischer Intellektueller, die Ende der 40er Jahre stark dem Antisemitismus in der Sowjetunion ausgesetzt war. Nach einem Studium der Germanistik und Geschichte an der Moskauer Staatlichen Universität wurde Irina Scherbakowa 1972 in Germanistik promoviert. In den folgenden Jahren arbeitete sie als Übersetzerin deutscher Belletristik und als Journalistin. Ende der 1970er Jahre begann Irina Scherbakowa Tonbandinterviews mit den Opfern des Stalinismus zu sammeln. Seit 1991 forschte sie in den Archiven des KGB.

Ihre universitäre Laufbahn begann sie 1992 als Dozentin an der Russischen Staatlichen Universität für Humanwissenschaften Moskau. Von 1996 bis 2006 war sie Dozentin am Zentrum für Oral History und visuelle Anthropologie. Irina Scherbakowa war Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, in Wien und Freiburg, sowie Gastprofessorin an den Universitäten in Salzburg, Bremen und Jena. Ihre Forschungsgebiete umfassen Oral History, Totalitarismus, Stalinismus, Gulag und sowjetische Speziallager auf deutschem Boden nach 1945.

Als Autorin und Herausgeberin hat Irina Scherbakowa zahlreiche Bücher zum Stalinismus und Erinnerungskultur veröffentlicht, viele erschienen in deutscher Sprache. Große Aufmerksamkeit fand das gemeinsam mit dem deutschen Osteuropa-Historiker Karl Schlögel verfaßte Dialogbuch "Der Rußland-Refelx. Einsichten in eine Beziehungskrise (2015). Irina Scherbakowa ist Mitglied diverser Stiftung, sitzt u.a. im internationalen Beirat der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin. 2005 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, 2014 mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik.