Mi 13.06. 2018 22:00Uhr 60:00 min

Die Tochter der Terroristin

Komplette Sendung

Fahndungsfotos RAF-Terroristen (Vorderseite des Faltblattes "Dringend gesuchte Terroristen)
Bildrechte: dpa
MDR KULTUR - Das Radio Mi, 13.06.2018 22:00 23:00
Vor 50 Jahren: Im April 1968 Kaufhaus-Brandstiftung in Frankfurt am Main
Von Rosvita Krausz
(Ursendung)

Das Rätsel ihrer verschwundenen Mutter lag wie ein Schatten über Claudias Kinderleben. Wenn Claudia M., Fotografin (Jg. 68) heute versucht, sich an diese Zeit zu erinnern, fallen ihr vor allem die Fahndungsfotos ein. "Gefährliche Terroristin Jutta M. gesucht. 100.000 DM für den, der einen Hinweis geben kann." Der Weg zur Schule war jedes Mal ein Spießrutenlaufen, ihr Herz klopfte dann schneller. Sie schämte sich für ihre Mutter, hatte aber gleichzeitig Sehnsucht nach ihr. Was eine Terroristin ist und warum man sie suchte, konnte ihr niemand erklären.
An der Seite ihrer Mutter (Cutterin, Jg. 49) zu leben, war für Claudia M. schon früh zu gefährlich geworden. Seit ihrem 4. Lebensjahr sorgte Vater Ernst P. (Grafiker Jg. 50) für das Kind. Jutta kam nur selten vorbei. Und nach dem Attentat auf Jürgen Ponto Ende August 1977 war sie dann 14 Jahre lang ganz verschwunden.
1991 dann die brisante Meldung. Jutta M. hatte in der DDR ein bürgerliches Leben geführt und eine zweite Familie gegründet. Nach der Devise "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" hatte sie als RAF-Aussteigerin in der damaligen DDR Asyl gefunden und war im Zuge der Wende verhaftet worden. Da lebte Claudias Mutter in Schwedt an der Oder, - nicht irgendwo im fernen Mexiko - und hatte sich nie gemeldet.
Rosvita Krausz hat Mutter, Tochter und auch den Vater getroffen. Wie haben sie die Jahre der Trennung erlebt? Wie das Wiedersehen. Bereut Jutta, dass sie sang- und klanglos aus dem Leben ihrer Tochter verschwand? Kann Tochter Claudia ihrer Mutter verzeihen? Unter der Bedingung, ihre Namen nicht zu nennen, waren sie bereit, ihre Geschichten zu erzählen.

Rosvita Krausz, Studium der Germanistik in Hamburg, danach Besuch der NDR-Rundfunkschule bei Axel Eggebrecht. Sie ist eine der wenigen Autoren, die im Feature für ihre besonders langen Recherchen bekannt geworden ist, immer versucht sie, sich der Wahrheit von vielen Perspektiven zu nähern. Ihre Stücke erzählen von Außenseitern und Grenzgängern, von Traumatisierten.
Rosvita Krausz lebt und arbeitet als freie Rundfunkautorin in Hamburg. Ihre jüngstes Feature "Vogelfrei - Leben mit Personenschutz" entstand 2018 für den Deutschlandfunk.

Regie: Wolfgang Bauernfeind
Produktion: MDR 2018