Mi 26.09. 2018 22:00Uhr 60:00 min

MDR KULTUR - Feature Der Chirurg aus dem Rheinland und seine Lausitzer Kinder

Von Günter Kotte

Komplette Sendung

Ein alter Koffer steht auf einem Feldweg 56 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mi, 26.09.2018 22:00 23:00
(Ursendung)

Köln 1953. Der Chirurg Hans Decker, 1920 in Mankartzhof im Rheinland geboren, liberaler Katholik und heilfroh den Krieg überlebt zu haben, sitzt auf gepackten Koffern und will dringend weg. Weg von den sich ahnungslos stellenden NSDAP-Eliten, weg vom hohlen katholischen Standesdünkel und weg von der ihn erdrückenden Familie. Sein Plan, in die DDR zu gehen, der doch gerade Tausende von Landsleuten entfliehen, löst unter seinen Vertrauten Entsetzen aus. Aber der 33-jährige Mann lässt sich nicht beirren und geht seinen Weg. In Spremberg beendet er die Facharztausbildung und geht in die Oberlausitz, nach Wittichenau, eine sorbische Enklave in Sachsen. Von 1954 - 59 werden die Kinder Thomas, Georg und Ingeborg geboren, als DDR-Bürger. Zuhause wird rheinisch gesprochen und nicht nur dadurch fallen die Kinder in der Schule auf.

Ost-Berlin 2004. Sein ältester Sohn, der Mediziner Thomas Decker, sitzt auf gepackten Koffern und will ebenfalls dringend weg. Weg aus einem Privatklinikum ohne Verständnis für ein Früherkennungsprogramm für Brustkrebs - aber auch weg von den sich ahnungslos stellenden früheren SED-Kadern, den ehemaligen Schnüfflern, weg aus dem so vertrauten Ostmief, den er als DDR-Bürgerrechtler nicht hat auslüften können. Sein Plan, nach Münster ans Universitätsklinikum zu gehen, löst auch unter seinen Vertrauten Unverständnis aus. Trotzdem geht er, um dort das erste Referenzzentrum für Früherkennung mitaufzubauen.

Heute arbeitet Dr. Decker als Chefpathologe in Neubrandenburg. Sein Bruder, Georg ist Chirurg. Seine Schwester, Ingeborg, ist Agraringenieurin und lebt noch immer bei Pulsnitz in der alten Mühle, die ihr Vater 1969 für die Familie gekauft hatte und in der er 1997 starb. Wenn sich die drei Geschwister in der alten Bibliothek des Vaters zusammen setzen und sich seiner erinnern, entsteht ein ganz eigenes Bild vom geteilten und wiedervereinigten Deutschland.

Günter Kotte, 1949 in Pirna geboren, Grundschule in Bühlau bei Stolpen, 1964-66 Kinder- und Jugendsportschule Dresden, 1968-73 Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, 1973-83 freiberuflich für das DEFA-Studio für Dokumentarfilme tätig, 1976 Mitunterzeichner der Petition gegen die Ausweisung Wolf Biermanns, 1977 zur Vermeidung des NVA-Wehrdienstes Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik St. Joseph, 1978 Regieassistent bei Rainer Simon für den DEFA-Spielfilm "Zünd an, es kommt die Feuerwehr!", 1983 Übersiedlung nach Westberlin, "Liebesleben" - Hörspiel zusammen mit Katja Lange-Müller (RIAS 1984), ab Mitte der 90er Jahre wendet sich Kotte wieder verstärkt dem Dokumentar-Film und Hörfunk-Features zu.

Hörfunk-Feature (alle MDR KULTUR) u.a.: "Lieber Wolodja - Erinnerung an die sowjetische Liedermacherlegende Wladimir Wyssozki", "Russisches Gold - Aus dem Leben des Vadim Iwanowitsch Tumanow" , "Ich stehe keinem mehr gegenüber - Der Schriftsteller Tschingis Aitmatow" , "Strawalde oder Mach dich an dein sündiges Leben", "Des Wodkas reine Seele", "Wenn die Zeit still steht. oder: Langweilen sich Fische eigentlich auch?", "Stalins Stimme", "Die Gräber der großen Russen" und "Die Mumie vom Roten Platz"

Regie: Matthias Thalheim
Produktion: MDR/WDR 2018