Sa 07.09. 2019 09:05Uhr 30:00 min

MDR KULTUR - Feature Wohnen im Bauhaus

von Sandra Meyer

100 Jahre Bauhaus

Komplette Sendung

Walter Gropius Bau Haus Auerbach in Jena, Innen wie Außen 29 min
Bildrechte: Michaela Reith
MDR KULTUR - Das Radio Sa, 07.09.2019 09:05 09:35

Puristische, funktionale Gebäude aus Glas, Stahl und Beton – die Bauhaus-Architektur galt in ihren Anfängen als revolutionär, heute zählt sie zum Weltkulturerbe. Aber wie wohnt es sich eigentlich in so einem Baudenkmal? Autorin Sandra Meyer war in Jena, Dessau und Elberingerode auf Hausbesuch.

Im Jenaer Westviertel steht zwischen historistischen Villen ein dreigeschossiger Bau mit Flachdach: Das Haus Auerbach. Die 1924 für den Physiker Felix Auerbach und seine Frau Anne erbaute Villa ist eins von nur sechs privaten Wohnhäusern, die Walter Gropius in Deutschland errichtet hat und das erste im sogenannten Baukastenprinzip. Es besteht aus zwei unterschiedlich hohen Quadern, die sich rechtwinklig durchdringen.

"Man muss tatsächlich ein Freak sein, um in solch einem Haus zu wohnen." erzählt Martin Fischer, der das Haus vor 25 Jahren mit seiner Frau Barbara Happe erworben hat. Es gibt weder Teppich noch Vorhang und schon gar keinen Nippes. Vor der originalen Schrankwand steht ein Mies van der Rohe-Sofa - authentisch, aber unbequem. Bauhaus ist für Fischer und Happe eine "Lebensauffassung" und so bewohnen sie mit ihrem Hund rund 400 Quadratmeter, empfangen Freunde und Gäste, Künstler und Architekten aus aller Welt.

Ein Experiment in Sachen preisgünstigem Wohnungsbau hat Walter Gropius in Dessau hinterlassen: die Siedlung Törten, die zwischen 1926 und 1928 entstanden ist. 314 Reihenhäuser, zweigeschossige, helle Kuben mit einer Größe von 57 bis 74 Quadratmetern Wohnfläche, Garten zur Selbstversorgung und Kleintierhaltung.

Ein einheitliches Bild bietet die Siedlung heute nicht mehr. Die Bewohner haben in den vergangenen 95 Jahren zahlreiche Veränderungen vorgenommen: Dächer erhöht, Fenster versetzt oder Räume angebaut. Statt Tierställen stehen heute Garagen in den Gärten, Plumpsklo und Kohleofen gibt es nicht mehr. Bernd Eichhorn sieht den Vorteil der Häuser eben gerade darin, dass sie alle diese Veränderungen mitmachen. Der studierte Landwirt besitzt gleich zwei Reihenhäuser, eins hat er von seinen Großeltern geerbt. Mit Restauratoren hat er darin die originale Farbigkeit wiederhergestellt. Es ist das einzige Haus ohne Anbauten und steht noch da, "wie Gropius es schuf".

Dritte Station ist Elbingerode im Oberharz - dort lebt und arbeitet eine evangelische Schwesternschaft in einem Gebäude im Bauhaus-Stil. Anfang der 30er-Jahre wurde das Diakonissen-Mutterhaus von Godehard Schwethelm gebaut. Der Erfurter Architekt war kein Bauhaus-Schüler, aber ein Anhänger des Neuen Bauens.

Um das Gebäude ganz auf die Bedürfnisse der Schwestern auszurichten, lebte Schwethelm ein Vierteljahr mit ihnen zusammen. Statt einer externen Kirche integrierte er einen flexibel gestalteten Kirchsaal ins Mutterhaus, der vielfach genutzt werden kann. Auffallend ist die hochmoderne Ausstattung mit Fahrstühlen und Geschirrspülern, zur Wärme- und Stromerzeugung gibt es ein eigenes Maschinenhaus. Mit der überschüssigen Wärme wird nachts das Schwimmbad erwärmt. Es befindet sich direkt unter dem Kirchsaal des praktisch-funktionalen Baus, in dem auch die Bewohner immer wieder neue Details entdecken. Reinhard Holmer, Pastor und Direktor des Diakonissenhauses, meint: "Man muss anfangen, mit offenen Augen durch das wunderbare Gebäude zu gehen und dann merkt man auf einmal … Ich persönlich nenne es einen Geist, der in der Form ist."

Sandra Meyer, 1968 in Niedersachen geboren. Studium der Kultur-, Literatur- und Kunstwissenschaft an der Universität Bremen. Als freie Publizistin arbeitete sie für verschiedene Magazine, Hörfunk und TV Stationen, absolvierte ihr Volontariat beim Deutschlandradio Berlin und Köln und arbeitet seit 1999 als Landeskorrespondentin für MDR Kultur in Sachsen-Anhalt.
Mitwirkende
Regie: Tobias Barth
Produktion: MDR 2019
Darsteller
Sprecherin: Ulrike Krumbiegel