Fr 20.03. 2020 19:05Uhr 30:00 min

Ingo Schulze, 2014
Ingo Schulze, 2014 Bildrechte: Ilong Göll
MDR KULTUR - Das Radio Fr, 20.03.2020 19:05 19:35

Lesezeit Die rechtschaffenen Mörder (15/15)

Die rechtschaffenen Mörder (15/15)

Von Ingo Schulze

  • Stereo
(Ursendung)

Wer immer in der DDR nach (zumindest) geistiger Unabhängigkeit strebte und sich daher seine Lektüre weder von der Zensur, noch von der Mangelwirtschaft vorschreiben lassen wollte, kannte das Antiquariat von Norbert Paulini in Dresden-Blasewitz, zumindest dem Namen nach. Nicht bloß Sammler oder Liebhaber seltener Ausgaben pilgerten in die heiligen Hallen im ersten Stock der "Villa Kate" in der Brucknerstraße, auch diejenigen, die auf noch immer kursierende Kontrebande der Vorkriegsjahrzehnte hofften oder auf Bücher, die einst in der DDR erschienen waren, bevor ihre Verfasser vom Bannstrahl der Politbürokraten ausgelöscht werden sollten. Wer Norbert Paulinis Gunst gewann, kam an Lektüren heran, die sich als Lektionen in Eigensinn und Widerständigkeit entpuppten. Die Lesungen und Veranstaltungen in Paulinis Schatzkammer taten ein Übriges. Ja, der Mann selbst, der da im bescheidenen blaugrauen Kittel, jedoch mit stupender Belesenheit sein Reich regierte, schien ein Musterbild des unangepassten Außenseiters zu sein, dem man vor lauter Bewunderung seine eigenbrötlerische Marotten nur umso leichter verzieh. In der Nischengesellschaft der DDR einer ihrer legendären Helden, geriet er nach dem Fall der Mauer wie nicht wenige seines Schlages ins Abseits, ökonomischer Druck setzte ihm zu, und den Rest seiner einstigen Magie zerfraß herrische Bitterkeit.

Diesem Mann das zweifellos verdiente Denkmal zu setzen, ist das offenkundige Anliegen des Erzählers dieser Geschichte. Er selbst hat Paulini schon als Oberschüler kennengelernt, und Bücher sind nicht das einzige, was er ihm zu verdanken hat. Enge persönliche Beziehungen verbinden ihn mit dem auf eigne Art aristokratischen Antiquar (und versorgen ihn mit detailliertem Wissen über das Leben eines Mannes, der sich schon früh zum Sonderling berufen fühlte). Ja, manche von ihnen sind enger, als ihm, dem Erzähler, lieb sein kann. Und sie reichen weit, sie reichen bis zur Goldsteigaussicht in der Sächsischen Schweiz, an deren Fuß man den toten Paulini finden wird, zusammen mit einer Frau. War es ein Unfall, ein gemeinschaftlicher Suizid, war es Mord? Plötzlich fällt es nicht nur schwer zu entscheiden, wem die Geschichte eigentlich gilt, ihm oder ihr, plötzlich lässt sich selbst der Erzähler nicht mehr aus dem Kreis der Tatverdächtigen ausschließen.

Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, seit seinem Debüt mit dem Erzählungsband "33 Augenblicke des Glücks" einer der profiliertesten Schriftsteller seiner Generation. Veröffentlichte neben den Romanen "Simple Stories", "Neue Leben", "Adam und Evelyn" und "Das abenteuerliche Leben des Peter Holtz" sowie den Erzählungsbänden "Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier" und "Orangen und Engel" auch Essays, Publizistik und Hörspiele: "Das ‚Deutschlandgerät‘" (MDR 2014), "Die Abflussrohre spuckten ihre Eisblöcke wie abgelutschte Bonbons auf den Gehsteig - Variationen über die Zeit" (SWR 2015), "Augusto, der Richter" (MDR/BR 2016) und "Die Verwirrungen der Silvesternacht" (MDR 2018).
Mitwirkende
Regie: Thomas Fritz
Produktion: MDR/Argon-Verlag 2020
Darsteller
Sprecher:
Sylvester Groth
Victoria Trauttmansdorff