Sa 13.02. 2021 09:00Uhr 35:00 min

Aufnahme eines Studiodetails aus dem Hörspielstudio Halle des Mitteldeutschen Rundfunks
Aufnahme eines Studiodetails aus dem Hörspielstudio Halle des Mitteldeutschen Rundfunks Bildrechte: MDR/Marco Prosch
MDR KULTUR - Das Radio Sa, 13.02.2021 09:00 09:35
MDR KULTUR - Das Radio Sa, 13.02.2021 09:00 09:35

MDR KULTUR - Feature Gerechtigkeit für das "Äh"

Gerechtigkeit für das "Äh"

Von Jörg Sobiella

  • Stereo
Das "Äh" ist ein Saboteur der Verständigung. Es stellt sich irgendwo im Satz quer und behindert den Lauf der Worte und Gedanken. Klar, dass einem solchen kommunikativen Störenfried bisher kaum Beachtung geschenkt wurde. Hat sich ein Dichter oder Romanautor je für das "Äh" interessiert, obwohl es wahre Großmeister des "Ähs" gibt? Mehr als ein Vierteljahrhundert lang hat der Radioredakteur Jörg Sobiella nicht nur alle Versprecher, sondern auch alle "Ähs" aus den O-Tönen für seine Beiträge getilgt. Die "Ähs" störten den Redefluss der O-Ton-Geber und sie beanspruchten Zeit, die in einem Beitrag von drei oder vier Minuten immer kostbar ist.

Jetzt, am Ende seiner beruflichen Laufbahn, möchte er den verachteten "Ähs" Gerechtigkeit widerfahren lassen und die Eliminierten hörbar machen und die verschiedenen Arten von "Ähs" zu Wort kommen lassen, zum Beispiel: das nachdenkliche "Äh", das Angst-"Äh", das selbstbewusste "Äh", das schnöselige "Äh", das professorale "Äh". Warum sagen wir "Äh", wenn wir sprechen? Und warum sagen nicht alle Sprechenden "Äh"? Warum sagen wir "Äh" und nicht "Om"? Oder "Hurz"? Und welche Laute geben eigentlich die Menschen anderer Sprachen von sich, wenn sie beim Sprechen ins Stocken geraten? Ist das "Äh" ein globales Phänomen oder nur eine deutsche Eigenart?

Jörg Sobiella, 1954 in Wernigerode im Harz geboren, studierte Journalistik, Geschichte und Literatur in Leipzig. Beschäftigt in den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar, 1984-1991 Dramaturg und 1989-1991 auch Leiter des Kabaretts "Fettnäppchen" in Gera. Seit 1992 Landes-Korrespondent für MDR KULTUR im Freistaat Thüringen, zunächst mit Sitz in Weimar, später in Erfurt. Im Frühjahr 2019 kam seine Hörfolge "Weimar 1919 - Der lange Weg zur Demokratie" zur Ursendung - das gleichnamige Sachbuch erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Mit diesem Feature zum "Äh" verabschiedet sich Jörg Sobiella aus seinem aktiven Redakteursleben. Neben seiner bemerkenswerten Berichterstattung aus Thüringen - allen voran die zum Brand der "Anna-Amalia-Bibliothek" in Weimar im September 2004 bis zur Wiedereröffnung im Oktober 2007 - erinnert es an viele originelle Features aus seiner Feder. So etwa an: "Tritte der Ohnmächtigen in den Hintern der Macht - Betrachtungen über den politischen Witz in der DDR", "Preise, die man nicht zahlt - Der Bloch-Schüler Jürgen Teller" (beide 1992), an sein Feature über das DDR-Comic "Mosaik": "Wie die Thälmann-Pioniere in Karl Mays wilden Westen kamen" (1995) oder an: "Bauhaus - Schule des neuen Denkens" (2019).

"Es war ein gutes Gefühl, mit Jörg einen kritischen Kopf mit Esprit unter den Kollegen zu wissen, dass die räumliche Entfernung Leipzig-Weimar / Halle-Erfurt gegenstandslos zu sein schien. Dankeschön, dass Deine Sottisen mich so oft haben lachen lassen, dass es wirklich Balsam für Geist und Seele war. Mit spitzer Zunge, Hölderlin- und Goethe-belesen - so habe ich Dich vor 40 Jahren bei einer Nachwuchs-Werkstatt in der Jugendherberge Grethen bei Grimma erlebt. Und zum keunerischen Erbleichen gäbe es keinen Grund, wenn ich Dir nun nur wenig Änderung nach all der Zeit attestierte." So der Teamleiter Künstlerisches Wort, Matthias Thalheim in einem Verabschiedungsgruß.
Mitwirkende
Regie: Stefan Kanis
Produktion: Mitteldeutscher Rundfunk 2019
Darsteller
Sprecher:
Ilja Richter
Bettina Kurth
Axel Thielmann