Klassikerlesung | 3. bis 28. Januar 2022 Annette von Droste-Hülshoff: "Ledwina" und "Die Judenbuche"

Zu Lebzeiten fand ihr dichterisches Werk kaum Beachtung, heute gilt Annette von Droste-Hülshoff als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Bekannt wurde sie vor allem für ihre eindringlichen Naturgedichte. Aus Anlass ihres 225. Geburtstags widmen wir uns Annette von Droste-Hülshoff in dieser Klassikerlesung. Neben der bekannten Novelle "Die Judenbuche" senden wie das Romanfragment "Ledwina". Es lesen Janina Sachau und Angelica Domröse.

Die zeitgenössische Darstellung zeigt die deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.
Annette von Droste-Hülshoff, Schwarz-Weiß-Aufnahme des Gemäldes von Johann Joseph Sprick Bildrechte: dpa

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) entstammte einem alten westfälischen Adelsgeschlecht. Sie wurde streng katholisch erzogen, erhielt aber gemeinsam mit ihren Geschwistern eine für Mädchen zur damaligen Zeit außergewöhnlich umfassende Bildung. Bereits mit sechs Jahren verfasste sie erste Gedichte und fühlte sich früh zur Dichterin berufen.

Zwischen Selbstverwirklichung und Adelspflichten

Den Freiraum für ihre literarische Tätigkeit musste sie sich Annette von Droste-Hülshoff mühsam erkämpfen, aufgrund ihrer adligen Herkunft waren ihr enge Grenzen gesetzt. Der Konflikt zwischen ihren schriftstellerischen Ambitionen und ihren Familien- und Standespflichten begleitete sie ein Leben lang.

Geburtshaus der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff
Burg Hülshoff, Geburtshaus der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Droste-Hülshoff schrieb Gedichte, Dramen und Prosatexte. Ihr lyrisches Schaffen umfasst geistliche Gedichte, Verserzählungen, Balladen und Naturgedichte. Bekannt wurde Droste-Hülshoff vor allem für ihre stimmungsvollen Landschaftsbilder, in denen sie ihre westfälische Heimat beschreibt. In ihren Gedichten verbindet sie geschickt detailreiche, mit allen Sinnen wahrgenommene Naturschilderungen mit spukhaften und phantastischen Elementen. Psychologisch genaue Schilderungen, Ambivalenz und Selbstreflexivität zeugen von der erstaunlichen Modernität ihres Werks.

Erst spät wagte Annette von Droste-Hülshoff den Schritt in die Öffentlichkeit. Ihren ersten Gedichtband, der 1838 erschien, durfte sie aus Rücksicht auf die Familie nur unter dem Halbpseudonym "Annette Elisabeth v. D.… H…." herausgeben. Die adlige Verwandtschaft reagierte mit Hohn und Unverständnis, nur wenige Zeitgenossen erkannten die Bedeutung ihres Werks. Doch die Dichterin ließ sich nicht beirren, Anpassung an literarische Moden um des Erfolges willen lehnte sie entschieden ab. 1843 schrieb sie in einem Brief:

So steht mein Entschluß fester als je, nie auf den Effekt zu arbeiten, keiner beliebten Manier, keinem anderm Führer als der ewig wahren Natur durch die Windungen des Menschenherzens zu folgen, und unsre blasierte Zeit und ihre Zustände gänzlich mit dem Rücken anzusehn. Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möcht ich gelesen werden, und vielleicht gelingt's mir.

Annette von Droste-Hülshoff Brief an Elise Rüdiger vom 24. Juli 1843

Ledwina

Annette von Droste-Hülshoff arbeitete an ihrem Roman "Ledwina" mit größeren Unterbrechungen zwischen 1820 und 1825. Das Werk blieb unvollendet und wurde erstmals 1886 veröffentlicht.

Ledwina, die älteste Tochter des Adelsgeschlechtes von Brenkfeld, lebt mit ihrer verwitweten Mutter, ihren zwei Schwestern Therese und Marie und dem Bruder Carl auf dem Familienschloss bei Göttingen. Die Mutter, streng, konservativ und klassenbewusst, fungiert seit dem Tod ihres Mannes als Familienvorstand. Es deutet sich an, dass ihr Sohn Carl, der gerade vom Studium heimgekehrt ist, bald die Geschäfte übernehmen will.

Ledwina fühlt sich in ihrer Familie als Außenseiterin. Sie ist empfindsam und kränklich, hat eine überbordende Fantasie, neigt zu Visionen und wird von Todesahnungen bedrückt. Der familiären Enge und den gesellschaftlichen Zwängen ihres Standes versucht sie durch einsame Spaziergänge am Fluss und den Rückzug in ihre Fantasieräume zu entfliehen. Geborgenheit findet sie nicht im heimatlichen Schloss, sondern im Haus der Bäuerin Lisbeth. Die junge Adlige schwankt zwischen Resignation und ihrer Sehnsucht nach Selbstbestimmung, zwischen Lebensüberdruss und Lebenswillen.

Vieles, was Droste ihrer Hauptfigur Ledwina mitgibt, verweist auf biographische Parallelen: Beide sind gesundheitlich angeschlagen, beide hadern mit dem Frauenbild des 19. Jahrhunderts und reflektieren ihre gesellschaftliche Situation. Das macht dieses wenig bekannte Fragment zu einem "modernen" Stoff: Die Frage nach den Möglichkeiten weiblicher Subjektivität jenseits moralischer Normen und Standeskonventionen und die Suche nach dem existenziellen Ort der Schriftstellerin in der Gesellschaft. Auch literaturhistorisch ist "Ledwina" interessant: Man kann darin eine frühe Form des Gesellschafts- und Konversationsromans entdecken, lange bevor er von Theodor Fontane oder Wilhelm Raabe als Genre etabliert wurde.

Die Judenbuche

"Die Judenbuche" ist das einzige vollendete Prosawerk der Droste-Hülshoff. Sie arbeitete daran zwischen 1837 und 1841. Die düstere Novelle gilt als bedeutendes Werk des Frührealismus, sie wurde bis heute in über sechs Millionen Exemplaren verbreitet und in viele Sprache übersetzt.

Dass das Vorurteil ein Seelendieb sei, das stellt Annette von Droste-Hülshoff ihrer Novelle selbst voran, in einem kurzen Gedicht, das den Text eröffnet. Das Vorurteil, das dem Jungen Friedrich, der aus schlecht beleumundetem Elternhause stammt, nur Übles unterstellt. Aussichten auf die Zukunft - für Friedrich Mergel ist da nicht viel. Und bald fügt er sich in das Bild, das man von ihm hat, in einer Gesellschaft, "in der die Begriffe von Recht und Unrecht einigermaßen in Verwirrung geraten waren".

Als der Jude Aaron im Wald unter einer Buche ermordet wird, fällt der Verdacht auf Friedrich Mergel, den Außenseiter des Dorfes. Mit seinem ihm ergebenen Gefährten Johannes Niemand flieht er, um der Strafe zu entgehen. Die Juden der Gegend kaufen den Baum, unter dem Aaron gefunden wurde und ritzen eine hebräische Inschrift in den Stamm: "Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast." Jahrzehnte später kommt ein Fremder ins Dorf. Er gibt sich als Johannes Niemand aus und berichtet, was damals geschehen sei.

Die Erzählung geht auf eine wahre Begebenheit aus dem Umkreis der Dichterin zurück. Im Gutsbezirk ihres Großvaters erschlug 1783 der Knecht Johann Georg Winkelhagen den Juden Soestmann-Behrens, floh vor der Verhaftung aus seiner Heimat und geriet in algerische Sklaverei. Erst 1805 kehrte er zurück und erhängte sich bald darauf am Ort des Verbrechens.

Neben der mündlichen Überlieferung diente Droste-Hülshoff vor allem die schriftliche Fassung dieses Vorfalls als Quelle, die ihr Onkel August von Haxthausen 1818 unter dem Titel "Geschichte eines Algierer-Sklaven“ veröffentlicht hatte. Annette von Droste-Hülshoff schrieb mit der "Judenbuche" nicht nur eine Kriminalgeschichte, ihr ging es um das soziale Umfeld der Tat, psychologische Beweggründe des Täters und die Reaktionen der Umwelt auf das Verhalten der Tatverdächtigen. Die von Zeitgenossen kritisierte Mehrdeutigkeit wird heute als Zeichen für die Modernität der Erzählung angesehen.

Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff

Portrait von Annette von Droste-Hülshoff, 1797 - 1848
Annette von Droste-Hülshoff (1797 - 1848) Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Annette von Droste-Hülshoff wurde am 12., nach anderen Quellen 10. Januar 1797, auf der Wasserburg Hülshoff bei Münster geboren. Durch eine frühe Geburt war sie seit ihrer Kindheit kränklich. Auf dem Stammsitz der Familie, einem alten westfälischen Adelsgeschlecht, wuchs sie wohlbehütet auf.

Annette von Droste-Hülshoff galt als hochbegabt, hatte in ihrer weitverzweigten adligen Familie aber keinen leichten Stand. Ihr Stief-Onkel Werner von Haxthausen äußerte über seine Nichte, sie sei talentiert und "überaus gescheut", aber auch "eigensinnig und gebieterisch, fast männlich" und habe "mehr Verstand wie Gemüt".

Auf dem Bökerhof, dem Gut ihres Großvaters, verliebte sich Annette von Droste-Hülshoff 1820 in den mittellosen Göttinger Jurastudenten Heinrich Straube, doch die Beziehung zu dem bürgerlichen Protestanten wurde von den Verwandten missbilligt und durch eine Intrige zerstört. Diese sogenannte "Jugendkatastrophe" erschütterte Droste-Hülshoff zutiefst. Sie blieb lebenslang unverheiratet und beugte sich fortan den gesellschaftlichen Normen ihres Standes. Nach dem Tod des Vaters 1826 musste sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester ins nahe gelegene Rüschhaus bei Münster umsiedeln. Zum Schreiben zog sie sich in ihr "Schneckenhaus" genanntes Wohn- und Arbeitszimmer zurück.

Ab 1841 weilte Annette von Droste-Hülshoff häufig bei ihrer Schwester auf Burg Meersburg am Bodensee. Im Winter 1841/42 erlebte sie dort eine äußerst produktive und glückliche Zeit, die maßgebliche auf die Anwesenheit ihres jugendlichen Freundes Levin Schücking (1814-1883) zurückzuführen war. Viele bekannte Texte für ihren zweiten Gedichtband entstanden in diesen Monaten. Schücking ermunterte sie auch zur Vollendung ihrer Novelle "Die Judenbuche", die auf seine Vermittlung erstmals 1842 im Cotta’schen "Morgenblatt für gebildete Leser" erschien und heute zu ihren berühmtesten Werken zählt.

Annette von Droste-Hülshoff starb am 24. Mai 1848 im Alter von 51 Jahren auf Schloss Meersburg. Viele ihrer Werke blieben unvollendet und wurden erst posthum veröffentlicht. Dass sie auch eine begnadete Komponistin war, wurde erst nach ihrem Tod bekannt.

Die Schauspielerin Janina Sachau

Janina Sachau, 1976 in Dortmund geboren, absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Engagements führten sie ans Theater Darmstadt, nach Freiburg und ans Düsseldorfer Schauspielhaus. Seit der Spielzeit 2013/2014 gehört sie zum Ensemble des Schauspiel Essen.

Neben der Theaterarbeit ist Janina Sachau auch für Film und Fernsehen tätig. Für die Hauptrolle in Dagmar Knöpfels Kinofilm "Requiem für eine romantische Frau" wurde sie 1999 mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Als Sprecherin hat sie bei zahlreichen Lesungen und Hörspielproduktionen für verschiedene ARD-Anstalten mitgewirkt.

Die Schauspielerin Angelica Domröse

Angelica Domröse, 1941 in Berlin geboren, ist eine der renommiertesten deutschsprachigen Theater- und Filmschauspielerinnen. 1958 wurde sie unter 1500 Bewerberinnen für die Rolle der Sigi in Slatan Dudows Film "Verwirrung der Liebe" ausgewählt. Parallel zu den Dreharbeiten begann sie ihr Schauspielstudium an der HFF Potsdam-Babelsberg. In legendären Inszenierungen, zuerst am Berliner Ensemble, ab 1966 an der Berliner Volksbühne, feierte sie Theatererfolge.

Im Film übernahm sie bald Charakterrollen, etwa in Joachim Haslers "Chronik eines Mordes" (1964) und in der Fontane-Adaption "Effi Briest" (1969). Als alleinstehende junge Mutter "Paula" in Heiner Carows Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" (1973) wurde sie landesweit bekannt.

1980 siedelte Angelica Domröse gemeinsam mit ihrem Mann Hilmar Thate in die Bundesrepublik über. Sie arbeitete überwiegend am Schillertheater Berlin und konnte mit großen Bühnenrollen bei Peter Zadek und George Tabori an ihre früheren Erfolge anknüpfen. Beim Fernsehen arbeitete sie mit Regisseuren wie Frank Beyer, Egon Günther und Michael Haneke zusammen und war unter anderem in TV-Serien wie Helmut Dietls "Kir Royal" und "Der Alte" zu sehen. Sie hielt Vorlesungen an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und führte Theaterregie in Berlin und Meiningen.

Für den MDR stand Angelica Domröse in großen Hörspielproduktionen wie "Der Graf von Monte Christo" (1997), "Die Päpstin" (1999) und "Die Affäre Winckelmann" (2009) vor dem Mikrophon. Im Frühjahr 2003 erschien ihre Autobiographie unter dem Titel "Ich fang mein Leben ein".

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR Klassikerlesung
Zum 225. Geburtstag von Annette von Droste-Hülshoff am 12. Januar

03.01. – 14.01.2022
Annette von Droste-Hülshoff: Ledwina
10 Folgen | Es liest Janina Sachau | WDR 2016

17.01. – 28.01.2022
Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
10 Folgen | Es liest Angelica Domröse | Produktion: Argon Verlag 2013

Sendung: 03.01. - 28.01.2022 | Montag bis Freitag | jeweils 15:10 Uhr

Alle Folgen dieser Klassikerlesung stehen hier nach der Ausstrahlung 30 Tage zum Hören bereit. Ein Audio enthält jeweils zwei Folgen der Radiosendung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Klassikerlesung | 03. Januar 2022 | 15:10 Uhr

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Buchtipp Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

Taschenbuch, 108 Seiten
Insel Verlag 2013
ISBN: ‎978-3458362418
6,60 Euro

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
Bildrechte: Argon Verlag

Hörbuchtipp Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

Gelesen von Angelica Domröse
Download, Laufzeit: 140 Minuten
Argon Verlag
ISBN: 978-3732402892