Klassikerlesung | 19.07. - 30.07.2021 Edgar Allan Poe: "Die Grube und das Pendel" und andere Erzählungen

Edgar Allan Poe gilt als Meister des Unheimlichen. In seinen Horror- und Schauergeschichten beleuchtet er die Nachtseite der menschlichen Existenz. Mit seinem Schaffen inspirierte er zahllose Schriftsteller, prägte das Genre der Kriminalliteratur und lehrte Generationen von Lesern das Gruseln. Die vier Erzählungen dieser Klassikerlesung zeigen, dass die Wirkung seiner Werke ungebrochen ist. Es lesen Martin Seifert, Gerd Wameling, Manfred Krug und Martin Held.

Edgar Allan Poe, (1809-1849) US-amerikanischer Schriftsteller
Der US-amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809-1849) Bildrechte: IMAGO / UIG

Edgar Allan Poe ist weltweit für seine fantastisch-unheimlichen Geschichten und Gedichte bekannt, darunter Erzählungen wie "Der Untergang des Hauses Usher", "Das verräterische Herz" und "Die schwarze Katze" sowie das Schauergedicht "Der Rabe". Mit "Der Doppelmord in der Rue Morgue" schuf er den Prototyp moderner Kriminalgeschichten. Daneben verfasste Poe auch literaturtheoretische Essays und machte sich einen Namen als scharfzüngiger Kritiker.

Charles Baudelaire (1821-1867)
Charles Baudelaire (1821-1867) betrachtete Poe als Bruder im Geiste. Bildrechte: imago/United Archives International

In Europa wurde Poe unter anderem durch Übersetzungen und Essays von Charles Baudelaire bekannt und gilt als einer der Wegbereiter des Symbolismus. So unterschiedliche Schriftsteller wie Franz Kafka, Vladimir Nabokov, Stephen King und Arno Schmidt, Science-Fiction-Autoren wie Jules Verne und H.G. Wells würdigten die Bedeutung Edgar Allan Poes für ihr Schaffen. Seine Werke wurden unzählige Male verfilmt, fanden ihren Niederschlag in Musik, Kunst und Popkultur.

Zu Lebzeiten fand Edgar Allan Poe nur wenig Anerkennung. Trotz zunehmender Bekanntheit lebte er größtenteils in bitterer Armut. Er starb am 7. Oktober 1849 in einem Krankenhaus in Baltimore, nachdem er vier Tage zuvor in verwirrtem und verwahrlostem Zustand auf der Straße aufgefunden wurde. Die Umstände sind bis heute ungeklärt. Poes Rivale und Nachlassverwalter Rufus W. Griswold veröffentlichte unter Pseudonym einen verleumderischen Nachruf, der mit den Worten beginnt:

Edgar Allan Poe ist tot. Er ist vorgestern in Baltimore gestorben. Diese Ankündigung wird viele erschrecken, aber nur wenige werden darüber betrübt sein.

Rufus W. Griswold "The Death of Edgar A. Poe" New-York Daily Tribune, 9. Oktober 1849
 Illustration zu Edgar Allan Poes "Die Grube und das Pendel" von Harry Clarke 25 min
Bildrechte: IMAGO / KHARBINE-TAPABOR
Edgar Allan Poe 21 min
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Edgar Allan Poe 26 min
Bildrechte: imago/United Archives

Edgar Allan Poe in der Klassikerlesung

Trotz seines frühen Todes war Edgar Allan Poe ein äußerst produktiver Autor. Er verfasste über 50 Gedichte, zahlreiche Essays, einen Roman und 70 Erzählungen. Seine Texte kreisen häufig um Themen wie Liebe und Hass, Leben und Tod, Vernunft und Wahnsinn. Mit messerscharfer Logik lotet er die Abgründe der menschlichen Seele aus, bedient sich dabei auch satirischer und ironischer Elemente. Mit den vier Erzählungen dieser Klassikerlesung tauchen wir ein in den literarischen Kosmos Edgar Allan Poes.

Die Grube und das Pendel gehört zu Poes bekanntesten Erzählungen. Sie erschien erstmals 1842. Schauplatz ist Toledo zur Zeit der spanischen Inquisition, wobei der Autor recht frei mit den historischen Fakten umgeht. Der namenlose Erzähler wird zum Tode verurteilt, verliert sein Bewusstsein und erwacht auf dem Steinboden eines stockfinsteren Kerkers. Minutiös schildert er die körperlichen und seelischen Qualen, die er durchlebt, während seine Peiniger ihn immer grausameren Foltern aussetzen.

Dass das Ende Tod sein würde, und zwar ein Tod von mehr als gewöhnlicher Bitternis, schien mir, der ich den Charakter meiner Richter kannte, gewiss. Die Art und die Stunde des Sterbens waren das einzige, was mich noch beschäftigte und beunruhigte.

Edgar Allan Poe Die Grube und das Pendel

Nicht selten erwähnt und zitiert wurde in letzter Zeit Poes kurze Erzählung Die Maske des Roten Todes, die ebenfalls 1842 erschien. Sie handelt von Prinz Prospero, dessen Land von einer schrecklichen Seuche, genannt "der rote Tod", heimgesucht wird. Bereits die Hälfte der Bevölkerung wurde dahingerafft, doch den Prinzen kümmert das Leid seiner Untertanen nicht. Mit einer Höflingsschar hat er sich in die Abgeschiedenheit einer Abtei zurückgezogen. Im Gefühl der Sicherheit veranstaltet er nach einigen Monaten einen extravaganten Maskenball.

In Edgar Allan Poes satirischer Erzählung Das System von Dr. Teer und Prof. Feder berichtet ein junger Mann von seinem Besuch in einer privaten Irrenanstalt im Süden Frankreichs, die für ihre revolutionäre Behandlungsmethode bekannt ist. Vom Direktor des Instituts, Monsieur Maillard, erfährt er, dass das sogenannte "Besänftigungssystem" seit einiger Zeit nicht mehr angewendet wird und durch ein strengeres, auf den Arbeiten von Dr. Teer und Prof. Feder basierendes System ersetzt wurde. Der Gast wird zum Abendessen eingeladen, zu dem sich eine bizarre Gesellschaft seltsam gekleideter Männer und Frauen versammelt.

Eine von Poes düstersten Geschichten ist Die schwarze Katze, die einige Ähnlichkeiten zu "Das verräterische Herz" aufweist. Um seine Seele zu erleichtern, legt ein nameloser Ich-Erzähler am Vorabend seines Todes eine Art Beichte ab. Er schildert darin die Veränderung seines Charakters zum Bösen: einst weichherzig und tierliebend wird er durch seine Trunksucht aggressiv und gewalttätig, misshandelt im Rausch seine Frau und seine Tiere und wird schließlich zum Mörder.

Es war jene unergründliche Gier der Seele, sich selbst zu quälen und im Trotz gegen ihre erhabene Reinheit allein um des Bösen willen das Böse zu tun, die mich antrieb, meine Schuld an der wehrlosen Katze noch zu erweitern, soweit nur eben möglich.

Edgar Allan Poe Die schwarze Katze

Der Schriftsteller Edgar Allan Poe

Poe wurde am 19. Januar 1809 in Boston als Sohn zweier Schauspieler geboren und wuchs nach dem frühen Tod der Mutter in der Familie von John Allan, einem reichen Tabakhändler, in Richmond, Virginia auf.

1826 begann er ein Studium an der University of Virginia, brach es nach zwei Semestern wieder ab und stand nach einem Streit mit seinem Ziehvater mittellos da. 1827 verpflichtete er sich zum Militärdienst. 1830 besuchte er mit erneuter Unterstützung Allans die Militärakademie West Point, provozierte aber bereits im folgenden Jahr seine Entlassung.

Poe entschied sich, fortan als freier Schriftsteller zu leben und arbeitete in den folgenden Jahren als Journalist und Herausgeber für verschiedenen literarische Zeitschriften. Er wechselte mehrfach den Wohnsitz, lebte unter anderem in Baltimore, Philadelphia und New York. 1838 heiratete er seine 13-jährige Cousine Virginia Clemm, die 1847 an Tuberkulose starb. Poe starb am 7. Oktober 1849 in Baltimore.

Der Sprecher Martin Seifert

Martin Seifert
Martin Seifert, 2006 Bildrechte: MDR/ Gerhard Hehtke

Martin Seifert, geboren 1951 in Jena, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. 1978 kam er ans Berliner Ensemble. Im Film wurde er durch Heiner Carows "Bis dass der Tod euch scheidet" (1979) bekannt. Er ist in Tatort- und Polizeiruf 110-Folgen zu sehen und in Filmen wie "Abgehauen" (1998), "Sumo Bruno" (2000), "Der Turm" (2012) oder "Bibi und Tina" (2014).  

Außerdem ist er als Sprecher tätig. Beim MDR hat er im Hörspiel "Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas und in zahlreichen Feature-Produktionen mitgewirkt. Außerdem hat er "Grimms Märchen" (2009), Karl Mays "Der Schatz im Silbersee" (2012) und "Der schwarze Mustang" (2016) eingelesen.

Der Sprecher Gerd Wameling

Der Schauspieler Gerd Wamling im Hörspiel  "Eine ganz dunkle Geschichte", MDR 2003
Gerd Wamling, 2003 Bildrechte: Foto:MDR/Dabdoub

Gerd Wameling, geboren 1948 in Paderborn, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen. Er folgten Engagements unter anderem in Frankfurt und Berlin. Bis 1992 gehörte er zum Ensemble der Schaubühne am Lehniner Platz. Seitdem ist er freischaffend, spielt unter anderem bei den Salzburger Festspielen und hat regelmäßige Engagements am Renaissance-Theater Berlin. Zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen wie "In weiter Ferne so nah" von Wim Wenders (1993), "Sophiiie!" (2002), sowie"Bella Block" und "Tatort" machten ihn einem breiteren Publikum bekannt.

Gerd Wameling ist ein gefragter Sprecher, er hat zahlreiche Hörbücher eingelesen, unter anderem Werke von Dostojewski, Proust, Thomas Mann und Carl Riuz Zafón. Beim MDR hat er zuletzt im Hörspiel "Atmen" (2016) von Christian Hussel mitgewirkt.

Der Sprecher Manfred Krug

Manfred Krug im Hörspielstudio von MDR KULTUR im Leipziger Funkhaus Springerstraße im Juni 1995 bei Aufnahmen zum Hörspiel  "Frauentags Ende oder die Rückkehr nach Ubliaduh“ von Fritz Rudolf Fries.
Manfred Krug, 1995 Bildrechte: MDR/Hillert

Manfred Krug, am 8.2.1937 in Duisburg geboren, wächst nach der Scheidung der Eltern beim Vater auf, der arbeitsuchend 1949 mit ihm nach Leipzig geht. Nach einer Lehre als Stahlschmelzer in Brandenburg bewirbt sich Krug an der staatlichen Schauspielschule in Ost-Berlin. Wegen "disziplinarischer Schwierigkeiten" hinausgeworfen, gelingt es ihm 1955 am "Berliner Ensemble" unter Brecht die Bühnenreifeprüfung abzulegen. Ab 1957 arbeitet er als freischaffender Darsteller für DEFA und den Deutschen Fernsehfunk. Unter dem Pseudonym Clemens Kerber schreibt Krug Texte für vier LPs, die er als Sänger zusammen mit Günther Fischer bei AMIGA produzierte.

Walter Felsenstein holt ihn 1970 als "Sporting Life" in seine "Porgy and Bess"-Inszenierung an die Komische Oper. Krugs Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November 1976 setzt seiner Karriere als Kino- und Platten-Star in der DDR ein jähes Ende. Nach vehementen Repressalien beantragt Krug am 16.4.1977 die Ausreise und übersiedelte mit der Familie am 20.6.1977 nach West-Berlin. Mit TV-Serien wie "Auf Achse" (1978-1993) oder "Liebling, Kreuzberg" (1986-1998) sowie seinem Tatort-Kommissar Stöver (1984-2001) spielt sich Krug in die Herzen eines gesamtdeutschen Publikums. 2001 hängt er die Schauspielerei an den Nagel und widmet sich der Schriftstellerei (Autobiographie: "Mein schönes Leben" 2003), sowie Musikproduktionen und Konzerten. Er stirbt am 21.10.2016 im Alter von 79 Jahren an einer Lungenentzündung und wird auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf beigesetzt.

Der Schauspieler Martin Held

Martin Held wurde 1908 in Berlin-Wedding geboren. Nach einer Lehre als Feinmechaniker erhielt er seine schauspielerische Ausbildung an der "Hochschule für Musik und darstellende Kunst". Erste Engagements hatte er unter anderem in Darmstadt und Frankfurt am Main. 1951 holte ihn Boleslaw Barlog an die Staatlichen Schauspielbühnen nach Berlin.

Sein Filmdebüt gab Martin Held 1951 im Melodram "Schwarze Augen". Für seine Darstellung des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich im Film "Canaris" (1954) erhielt er als bester Nebendarsteller das Filmband in Gold. In der Justizsatire "Rosen für den Staatsanwalt" (1959) brillierte er als Staatsanwalt Dr. Schramm, den seine NS-Vergangenheit einholt. 1980 wurde der Schauspieler mit dem Bundesfilmpreis für sein langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film ausgezeichnet. Martin Held starb 1992 in Berlin.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR Klassikerlesung
Edgar Allan Poe: "Die Grube und das Pendel" und andere Erzählungen

19.07. - 22.07.2021
Die Grube und das Pendel
Es liest: Martin Seifert | MDR 1992

23.07. - 26.07.2021
Die Maske des Roten Todes
Es liest: Gerd Wameling | BR 2005

27.07. - 28.07.2021
Das System von Dr. Teer und Prof. Feder
Es liest: Manfred Krug | Runfunk der DDR 1965

29.07. - 30.07.2021
Die schwarze Katze
Es liest: Martin Held | NDR 1964

Sendung: 19.07. - 30.07.2021 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

Die Lesung "Die Grube und das Pendel" steht hier nach der Ausstrahlung drei Monate zum Hören bereit. Die Lesungen "Die Maske des Roten Todes" und "Das System von Dr. Teer und Prof. Feder" stehen 30 Tage zum Hören bereit. Ein Audio enthält jeweils zwei Folgen der Radiosendung. Die Aufnahme von "Die schwarze Katze" können wir aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zum Hören anbieten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Klassikerlesung | 17. Mai 2021 | 15:10 Uhr

Edgar Allan Poe: "Die Grube und das Pendel" und andere Erzählungen
Bildrechte: Anaconda Verlag

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