Klassikerlesung | 03. – 12.05.2021 Gerhart Hauptmann: Das Meerwunder

Gerhart Hauptmann (1862-1946) ist vor allem als Dramatiker des Naturalismus bekannt, dessen Stücke wie "Die Weber" und "Der Biberpelz" heute zum Standartrepertoire deutscher Bühnen gehören. Dabei war er auch ein großer Erzähler. In seinem Spätwerk entfernte er sich immer mehr vom Naturalismus und wandte sich phantastischen Erzählweisen zu. Ein typisches Zeugnis ist die Novelle "Das Meerwunder" von 1934. Es liest Richard Münch.

Gerhart Hauptmann, 1910
Gerhart Hauptmann, 1910 Bildrechte: imago images/Mary Evans

Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1862-1946) hinterließ ein ungewöhnlich vielschichtiges Werk, das neben Dramen auch zahlreiche Novellen, Erzählungen, Romane, Essays und Lyrik umfasst. Er begann als Naturalist, als ein Beobachter und Ankläger der sozialen Misere, mit Erzählungen wie "Bahnwärter Thiel" und den sozialkritischen Stücken "Vor Sonnenaufgang" und "Die Weber". Im Laufe seines Schaffens löste er sich von rein naturalistischen Darstellungsweisen und wandte sich mythischen Stoffen zu. Aus dem Dichter des sozialen Mitleids wurde einer des Leidens an sich selbst, der Albträume und des Wahns. Dafür steht seine 1934 erschienene Novelle "Das Meerwunder", die er im Untertitel "eine unwahrscheinliche Geschichte" nannte.

Das Meerwunder

Die Rahmenhandlung spielt in einer italienischen Stadt am Mittelmeer. Der Ich-Erzähler, ein junger Literat, lernt einen Mann namens Philippo Ottinierie kennen, der ihn in den "Klub der Lichtstümpfe", eine Art Geheimloge von Sonderlingen, einlädt. Er zeigt ihm die in den Räumen aufbewahrten Raritäten, darunter das Journal und die Gallionsfigur eines gesunkenen Schiffs. Am darauffolgenden Abend erscheint überraschend der Besitzer dieser Gegenstände, von den Logenbrüdern Cardenio genannt, im Klub und erzählt seine unglaubliche Lebensgeschichte.

Auf seiner ersten Fahrt als Kapitän hat Cardenio einem anderen Seemann die Frau abspenstig gemacht. Nach einigen Jahren auf See lässt er sich aus Eifersucht mit ihr auf einer einsamen Hallig nieder. Doch das Leben auf der Insel bekommt der Seekatze, wie die Frau genannt wird, nicht und eines morgens findet er ihre Leiche am Strand. Cardenio verewigt sie in einer hölzernen Gallionsfigur, die er an seiner neuen Barke anbringen lässt, und sticht wieder in See.

Es war keine Seereise, die ich tat wie die andern vorher. Als ich diesmal die Anker gelichtet, war ich befreit von der alten Welt und befand mich in einer, die ich mit einigem Recht als Zwischenreich bezeichnen könnte. Es war eben das Reich meiner Galionsfigur, nur dass ich von der Seite des menschlichen Lebens, sie von der Seite des menschlichen Todes mit ihm verbunden war.

Gerhart Hauptmann Das Meerwunder

Nach dem Untergang seines Schiffs strandet Cardenio mit dem Koch Sarrazin und der Gallionsfigur auf einer einsamen Insel. Das Kultbild, das Sarrazin am Giebel ihrer Schutzhütte befestigt, scheint zum Leben zu erwachen. Ein Meerweib taucht auf und lockt die Schiffbrüchigen mit betörendem, sirenenhaftem Gesang.

Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann

Gerhart Hauptmann, 1862 in Schlesien geboren, zeigte schon früh sein dichterisches Interesse. Er besuchte 1880-82 die Kunst- und Gewerbeschule zu Breslau; 1882-88 hörte er Vorlesungen an deutschen und schweizerischen Universitäten. 1887 veröffentlichte er seine Novelle "Bahnwärter Thiel". Mit der skandalumwitterten Uraufführung des sozialkritischen Dramas "Vor Sonnenaufgang" wird Hauptmann 1889 zu einem der führenden Dramatiker der Moderne.

Seit 1901 lebte Hauptmann mit seiner zweiten Frau, Margarete Marschalk, einer Schauspielerin und Musikerin in Agnetendorf (heute Jagniątków, Polen), auf Hiddensee, in der Südschweiz und an der italienischen Riviera. 1912 wurde Hauptmann mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. In der Weimarer Republik galt er als möglicher Reichspräsident. Nach 1933 zog sich Hauptmann weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, verlor aber durch seine ambivalente Haltung zu den neuen Machthabern an Ansehen. Er starb 1946 in Agnetendorf und wurde auf der Insel Hiddensee bestattet.

Der Sprecher Richard Münch

Richard Münch, 1916 in Gießen geboren, besuchte die Hochschule für Theater in Frankfurt. Sein Bühnendebüt gab er 1937 in Gerhart Hauptmanns "Hamlet in Wittenberg" an den Städtischen Bühnen Frankfurt.

Der deutsche Schauspieler und Hörspielsprecher Richard Münch, Deutschland 1960er Jahre
Der Schauspieler Richard Münch, 1960er-Jahre Bildrechte: imago/United Archives

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Weitere Engagements führten ihn nach Hamburg, Düsseldorf, Zürich und Wien. Ab den 1950er-Jahren war er auch für Film und Fernsehen tätig. Für seine Darstellung des Dr. Erwin Glass in Bernhard Wickis "Das Wunder des Malachias" (1961) erhielt er das Filmband in Gold. Größere Bekanntheit erlangte er in der Rolle des FBI-Chefs Mr. High in den Jerry-Cotton-Filmen der 60er-Jahre.

Gerhart Münch war auch ein gefragter Hörspielsprecher. Er wirkt hatte u. a. in Günter Eichs Hörspielklassiker "Träume" (1951) und in der ersten Staffel der Kriminalhörspiel-Serie "Gestatten, mein Name ist Cox" (1952). Er starb 1987.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR Klassikerlesung
Das Meerwunder (8 Folgen)
Von Gerhart Hauptmann

Gelesen von Richard Münch
Produktion: NDR

Sendung: 03. – 12.05.2021 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

Die Folgen dieser Klassikerlesung stehen hier nach der Ausstrahlung 30 Tage zum Hören bereit. Ein Audio enthält jeweils zwei Folgen der Radiosendung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Mai 2021 | 15:10 Uhr

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