Klassikerlesung | 1. bis 31. Dezember 2021 Gustave Flaubert: "Ein schlichtes Herz" und andere Prosa

Gustave Flaubert (1821-1880) gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des französischen Realismus und als Wegbereiter der Moderne. Sein Roman "Madame Bovary" machte ihn weltberühmt. Mit seinem Schaffen inspirierte er Schriftsteller wie Franz Kafka und James Joyce. Zum 200. Geburtstag des großen Erzählers senden wir ausgewählte Prosatexte und Auszüge seines Briefwechsels mit George Sand. Es lesen Friedhelm Ptok, Otto Sander, Christian Brückner, Rosemarie Fendel, Martin Reinke und Peter Lühr.

Historischer Druck aus dem 19. Jahrhundert, Portrait von Gustave Flaubert, 1821 - 1880, ein französischer Schriftsteller
Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert (1821 - 1880) Bildrechte: Imago

Gustave Flaubert, 1821 in Rouen geboren, begann bereits in seiner Kindheit eigene Texte zu verfassen. Im Alter von 14 Jahren gab er seiner Begeisterung fürs Schreiben mit den Worten Ausdruck:

Ihr wisst vielleicht nicht, was für eine Lust das ist: dichten! Schreiben! Oh! Schreiben, das heißt sich der Welt bemächtigen; das heißt fühlen, wie das eigene Denken entsteht, wächst, lebt, sich auf seinem Podest aufrichtet und für immer dort bleibt.

Gustave Flaubert Un parfum à sentir ou les Baladins

Flauberts hoher Anspruch führte dazu, dass seine Manuskripte lange unveröffentlicht blieben. Er war 35 Jahre alt, als 1856 sein erster Roman "Madame Bovary" in der Zeitschrift La Revue de Paris erschien und ihn in ganz Frankreich bekannt machte. Die Geschichte einer Ehebrecherin brachte ihm 1857 einen Prozess wegen Verstoßes gegen die Sitten ein, der aber mit Freispruch endete.

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Völlig neuer Stil realistischen Erzählens

Kühle Distanz und unparteiische Sachlichkeit verbunden mit höchster stilistischer Präzision zeichnen Flauberts Prosa aus. Mit akribischer Sorgfalt arbeitete der Schriftsteller an seinen Texten, unermüdlich auf der Suche nach dem "mot juste", dem einzig richtigen Wort. In einem Brief an seine Geliebte Louise Colet schrieb er:

Der Autor ist wie Gott überall in seinem Werk anwesend, aber nirgends sichtbar. Der Autor moralisiert nicht, er beobachtet und beschreibt nur, aber das auf das Genaueste. Das Urteil über sein Werk überlässt er seinem Leser.

Gustave Flaubert Brief an Louise Colet, 9. Dezember 1852

Flaubert schuf einen völlig neuen Stil realistischen Erzählens, der nicht nur Zeitgenossen wie Guy de Maupassant, Alphonse Daudet und Émile Zola, sondern die gesamte europäische Literatur beeinflusste. Zahlreiche Autoren des 20. Jahrhunderts wie Franz Kafka, James Joyce, Gertrude Stein und Nathalie Sarraute berufen sich auf ihn.

Flauberts Prosa in der Klassikerlesung

Diese Klassikerlesung versammelt ausgewählte Erzählungen, Romanauszüge und Briefe Flauberts. Am Anfang steht die erste Erzählung aus dem Band "Trois Contes".

Ein schlichtes Herz spielt in der normannischen Kleinstadt Pont-l'Évêque und erzählt vom Leben der einfachen Dienstmagd Félicité, einer Frau von schlichtem Gemüt. Ein halbes Jahrhundert steht sie in Diensten ihrer Herrin Madam Aubin, verrichtet ihre Arbeit ohne aufzubegehren. Am Ende ihres entbehrungsreichen Lebens hängt ihr ganzes Herz an einem grünen Papagei.

Ebenfalls zu den "Trois Contes" gehört die Erzählung Herodias, welche die Geschichte der Enthauptung Johannes' des Täufers nacherzählt. Die historisch verbürgte Figur der Herodias hat in zweiter Ehe den Halbruder ihres Mannes, den Tretarchen Herodes Antipas geheiratet. Von Johannes dem Täufer öffentlich als Sünderin angeprangert, trachtet sie nach seinem Leben.

Bibliomanie heißt ein Jugendwerk Flauberts, das er bereits im Alter von 15 Jahren schrieb. Es handelt vom Buchhändler und Antiquar Giacomo, der zurückgezogen in Barcelona lebt. Er liebt Bücher über alles, doch allmählich wird seine Leidenschaft zur Besessenheit. Er ist bereit, für ein Buch alles zu opfern und schreckt sogar vor Mord nicht zurück.

Er liebte die Wissenschaft wie ein Blinder den Tag. Nein! Nicht die Wissenschaft liebte er, nur ihre sichtbare Gestalt, ihren greifbaren Ausdruck. Er liebte ein Buch weil, es in Buch war.

Gustave Flaubert Bibliomanie

Von den Wonnen des Wissens enthält Auszüge aus Flauberts radikalem Spätwerk "Bouvard und Pécuchet", das posthum 1881 erschien. Der Roman ist eine bitterböse Satire auf die bürgerliche Gesellschaft und die Wissenschaftsgläubigkeit im 19. Jahrhundert.

Eine unverhoffte Erbschaft ermöglicht es den beiden Pariser Büroangestellten Bouvard und Pécuchet, sich auf dem Land niederzulassen. Mit glühendem Enthusiasmus aber erfolglos beschäftigen sie sich im Laufe der Jahre mit nahezu allen Wissenszweigen – vom Gartenbau über Medizin und Biologie, Literatur und Geschichte bis zum Okkultismus. Die naiven Autodidakten scheitern auf allen Gebieten – beim Ackerbau ebenso wie bei der Schnapsbrennerei oder bei ihren pädagogischen Bemühungen um zwei Waisenkinder.

Aus Angst vor Enttäuschungen trieben sie keine Studien mehr; die Einwohner von Chavignolles hielten sich von ihnen fern; die Zeitungen, die erlaubt waren, brachten nichts Neues, und ihre Einsamkeit war tief, ihre Untätigkeit vollständig.

Gustave Flaubert Bouvard und Pécuchet

Aus dem Briefwechsel mit George Sand

Gustave Flaubert führte ein zurückgezogenes Dasein auf seinem Familiengut in Croisset bei Rouen. Er beteiligte sich wenig am öffentlichen Leben, pflegte aber eine rege Korrespondenz mit seiner Geliebten Louise Colet und zahlreichen Schriftstellerkollegen wie Iwan Turgenjew, Guy de Maupassant und Émile Zola.

Seine Korrespondenz mit George Sand begann im Jahr 1863. Die Schriftstellerin veröffentlichte in "La Presse" eine wohlwollende Besprechung über Flauberts Romans "Salammbô", er schrieb ihr einen Dankesbrief. Der so einsetzende Briefwechsel mündete in eine der großen Autorenfreundschaften des 19. Jahrhunderts, deren Spuren sich in über 400 Briefen und zahlreichen Tagebucheinträgen nachlesen lassen. Ihre Briefe geben Einblick in den Gedankenaustausch der beiden so verschiedenartigen Schriftsteller und in das Leben ihrer Zeit.

Der Schriftsteller Gustave Flaubert

Gustave Flaubert
Gustave Flaubert Bildrechte: imago images/Design Pics

Gustave Flaubert wurde am 12. Dezember 1821 als Sohn eines Chirurgen in Rouen in der Normandie geboren. Auf Drängen des Vaters begann er 1840 ein Jurastudium, das er nach einem epileptischen Anfall 1843 abbrach. Fortan widmete er sich ganz dem Schreiben.

Nach mehreren Reisen ins Ausland, die ihn u. a. nach Griechenland, Ägypten und in den Nahen Osten führten, zog sich Flaubert zu seiner mittlerweile verwitweten Mutter auf das Familiengut in Croisset bei Rouen zurück, das er nur selten verließ. Er starb dort am 8. Mai 1880 im Alter von 58 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof seiner Heimatstadt Rouen.

Zu Flauberts bekanntesten Werken gehören die Romane "Madame Bovary" (1857), "Salammbô" (1862) und "L’Education sentimentale" (1869) sowie der Erzählband "Trois Contes" (1877). Er selbst hielt sein unvollendetes Spätwerk "Bouvard und Pécuchet" (1881) für den Höhepunkt seines Schaffens.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR Klassikerlesung
Zum 200. Geburtstag von Gustave Flaubert am 12. Dezember
Gustave Flaubert: "Ein schlichtes Herz" und andere Prosa

01.12. – 09.12.2021
Ein schlichtes Herz | 7 Folgen
Es liest: Friedhelm Ptok | BR 2018

10.12. – 17.12.2021
Alle meine Zärtlichkeiten
Aus dem Briefwechsel zwischen George Sand und Gustave Flaubert | 6 Folgen
Kommentierte Ausgabe von Alphons Jacob, aus dem Französischen von Annette Lallement, Helmuth Scheffel und Tobias Scheffel, ausgewählt von Wieland und Eva Förster
Es lesen: Rosemarie Fendel und Martin Reinke | MDR 2004

20.12. – 23.12.2021
Von den Wonnen des Wissens
Aus: "Bouvard und Pécuchet“ | 4 Folgen
Es lesen: Otto Sander und Peter Fitz | SFB 1984

24.12. – 28.12.2021
Herodias | 3 Folgen
Es liest: Peter Lühr | SDR 1958

29.12. – 31.12.2021
Bibliomanie | 3 Folgen
Es liest: Christian Brückner | Produktion SFB 1980

Sendung: 01.12. - 31.12.2021 | Montag bis Freitag | jeweils 15:10 Uhr

Die Lesung "Ein schlichtes Herz" steht hier nach der Ausstrahlung 30 Tage zum Hören bereit. Die beiden Audiofiles beinhalten alle sieben Radiofolgen. Die Lesung "Alle meine Zärtlichkeiten" steht ein Jahr zum Hören und Herunterladen bereit. Alle anderen Folgen dieser Klassikerlesung können wir aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht zum Hören im Internet anbieten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Klassikerlesung | 01. Dezember 2021 | 15:10 Uhr

 Gustav Flauberts "Drei Geschichten"
Bildrechte: Hanser Verlag

Buchtipp Gustave Flaubert: Drei Geschichten

Gustave Flaubert: Drei Geschichten

Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
Hanser 2017
ISBN: 978-3446256590
28,00 Euro