Klassikerlesung | 28.11.2022 - 31.01.2023 Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Mit Josef Schwejk hat Jaroslav Hašek eine der komischsten Figuren der europäischen Literatur geschaffen. Mit List und Tücke laviert sich der Prager Schelm durch den Ersten Weltkrieg. Den Welterfolg der Buchausgabe des Schwejk hat der tschechische Schriftsteller nicht mehr erlebt. Er starb vierzigjährig am 3. Januar 1923 in Lipnice. Aus Anlass seines 100. Todestags senden wir Hašeks berühmten Schelmenroman im Dezember und im Januar in der Klassikerlesung. Es liest Wolfram Berger.

Schwarzweiß Porträt von Jaroslav Hasek
Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Hašek (1883-1923) Bildrechte: imago/CTK Photo

Jaroslav Hašek (1883-1923) führte ein unstetes und abenteuerliches Leben. Er war Anarchist, Landstreicher und Mitbegründer einer fiktiven Partei. Als Redakteur der Zeitschrift "Welt der Tiere" schrieb er Artikel über angeblich neu entdeckte Arten, die es nicht gab. Im Ersten Weltkrieg desertierte er und avancierte auf russischer Seite zum politischen Kommissar.

Die meiste Zeit lebte Hašek als Bohemien in Prag. Seinen Lebensunterhalt und gewaltigen Bierkonsum finanzierte er mit Texten, die er oft unter Pseudonym für verschiedene Zeitungen schrieb. Auf diese Weise entstanden zwischen 1901 und 1922 etwa 1.500 Satiren und Kurzgeschichten. Ab 1911 tauchte in einigen dieser Erzählungen sowie in mehreren Theaterstücken die Figur des braven Soldaten Schwejk, eines komischen Prager Hundehändlers, auf. Ab 1920 verfasste Hašek eine Reihe von Geschichten mit Schwejk als Titelheld, die ab 1921 als Fortsetzungsroman erschienen.

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

"Jetzt haben sie uns also den Ferdinand erschlagen". Mit diesen Worten beginnt Jaroslav Hašeks berühmter Roman. Schwejks Bedienerin überbringt ihm die Nachricht von der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand. "Was für einen Ferdinand?", erwidert Schwejk.

Der in Prag lebende Hundehändler Josef Schwejk ist ein behördlich anerkannter Idiot. Den Militärdienst hat er vor Jahren quittiert, nachdem er von der militärärztlichen Kommission endgültig für blöd erklärt worden war. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird er dennoch zum Kriegsdienst einberufen und gerät ins riesige Getriebe der k. u. k. Armee. Er wird Bursche beim Feldkurat Katz, der ihn beim Kartenspiel an Oberleutnant Lukasch verspielt. Mit dem Oberleutnant wird er an die Front versetzt, findet aber immer wieder Schlupflöcher, um dem Kampfgeschehen zu entgehen. Er verpasst den Zug, vertrinkt sein Fahrgeld und stolpert von einem Missgeschick ins Nächste. Ist er wirklich so naiv, wie er scheint oder doch ein Durchtriebener, der nur den Dummen spielt?

Zitat aus "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" "Die beiden Herren Ärzte blickten einander an und einer von ihnen stellte an Schwejk die Frage: 'Wurde Ihr Geisteszustand bereits einmal geprüft?'
'Beim Militär', antwortete Schwejk feierlich und stolz, 'bin ich von den Herren Militärärzten amtlich für einen notorischen Idioten erklärt worn.'
'Mir scheint, Sie sind ein Simulant!' schrie der zweite Arzt Schwejk an.
'Ich, meine Herren', verteidigte sich Schwejk, 'bin kein Simulant, ich bin ein wirklicher Idiot.'"

Der Königsweg der Schwejkschen Verweigerung heißt nicht etwa Widerstand, sondern: Sabotage durch Übererfüllung. Pflichteifrig und von scheinbar unbedingtem Gehorsam bringt Schwejk seine Vorgesetzten zur Weißglut. Er enttarnt ihre Lächerlichkeit und Menschenfeindlichkeit nicht durch Kritik, sondern indem er sie ernst und ihre hohlen Phrasen und Befehle allzu wörtlich nimmt. Er ist nie um eine Ausrede verlegen und weiß immer eine so gar nicht passende Anekdote zu erzählen.

Nach dem Krieg um halb sechs

Vollenden konnte Jaroslav Hašek seinen Roman nicht. Der Autor starb 1923 an Tuberkulose und den Folgen seiner Alkoholsucht. Das Manuskript bricht im vierten Teil ab, mitten im Satz. In der Kneipe "Zum Kelch" hätte die Geschichte enden sollen. Ob Schwejk seine berühmt gewordene Verabredung mit seinem Saufkumpanen Woditschka "nach dem Krieg um halb sechs im Kelch" auch einhalten konnte, bleibt zu hoffen.

Durch die Vermittlung von Max Brod und die legendäre Übersetzung von Grete Reiner wurde Hašeks Roman ab 1926 auch in Deutschland bekannt. Um den Unterschied zwischen Standart- und Umgangssprache zu verdeutlichen, erfand Grete Reiner eine sprachliche Kunstform, das sogenannte "Böhmakeln". In der Produktion von MDR KULTUR aus dem Jahr 2016 hat der bekannte österreichische Schauspieler Wolfram Berger Hašeks Roman meisterhaft interpretiert. Mit großer Spielfreude gelingt es ihm, den tschechischen Klassiker ins Heute zu holen.

Der Schriftsteller Jaroslav Hašek

Jaroslav Hašek wurde 1883 in Prag geboren. Er besuchte das Gymnasium, machte eine Lehre in der Prager Drogerie Kokoška und absolvierte die Handelsschule. Schon mit siebzehn veröffentlichte er erste Gedichte und Skizzen. Nach einer kurzen Anstellung bei einer Bank entschied er sich für ein Dasein als Schriftsteller.

Sein tiefes Verständnis für Denk- und Lebensweise der kleinen Leute hat sich Hašek wohl im Selbststudium angeeignet, in den Kneipen, während eines Aufenthaltes im Irrenhaus und auch, als er einige Zeit quasi als Landstreicher durch Europa zog.

Wie sein weltberühmter Held war Hašek Soldat der k.u.k. Armee. 1915, an der Ostfront, desertierte er, trat er in die tschechische Legion ein und wechselt dann zur Roten Armeen. 1920 kehrte er nach Prag zurück und begann mit der Arbeit am "Schwejk". Er starb 1923 in Lipnice ohne den Welterfolg seines Romans zu erleben.

Der Sprecher Wolfram Berger

Der österreichische Schauspieler Wolfram Berger bei Aufnahmen der Lesung ""Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkriegs“ im Hörspielstudio von MDR Kultur am 27.07.2016
Wolfram Berger im MDR-Hörspielstudio, 2016 Bildrechte: MDR/Thekla Harre

Wolfram Berger, geboren 1945 in Graz, absolvierte seine Ausbildung zum Schauspieler an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst und nahm danach ein Engagement am Schauspielhaus Graz an. Nach Stationen an Theatern in Basel, Zürich, Stuttgart und Bochum wurde er freischaffender Künstler. Neben seiner Arbeit am Theater tritt Berger wiederholt in Kino- und Fernsehproduktionen auf. Der Schauspieler ist auch ein gefragter Sprecher und hat in zahlreichen Radio-, Hörspiel- und Hörbuchproduktionen mitgewirkt. 1997 wurde Wolfram Berger mit dem Salzburger Stier, 2001 mit dem ORF-Hörspielpreis und 2008 wie auch 2010 mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Für die MDR KULTUR Lesezeit hat Wolfram Berger auch den Roman "Ich habe den englischen König bedient" von Bohumil Hrabal (2004) eingelesen, außerdem "Abschiedswalzer" von Milan Kundera (2006) sowie Arnold Zweigs "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (2014).

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR Klassikerlesung
Zum 100. Todestag von Jaroslav Hasek am 03. Januar 2023:
Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Von Jaroslav Hašek
Es liest: Wolfram Berger
Lesefassung: Heide Böwe | Produktion: MDR 2016

Sendung: Montag bis Freitag | jeweils 15:10 Uhr
Staffel 1: 28.11. - 30.12.2022 (24 Folgen)
Staffel 2: 02.01. - 31.01.2023 (22 Folgen)

Die komplette Lesung steht hier bis zum 24.11.2023 zum Hören bereit. Die 46 Radiosendungen wurden zu 20 längeren Folgen zusammengefasst.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Klassikerlesung | 28. November 2022 | 15:10 Uhr