Klassikerlesung | 18.08 - 14.09.2022 Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm

In dieser Klassikerlesung reisen wir mit Kurt Tucholsky nach Schweden. Seine heiter-melancholische Geschichte "Schloss Gripsholm" ist ein Loblied auf den Sommer, den Urlaub und die Liebe. Der Schauspieler Günter Pfitzmann liest die bezaubernde Erzählung mit einer Mischung aus Freischnäuzigkeit und Wehmut nach einer irgendwie vergangenen Zeit.

Schloss Gripsholm spiegelt sich im See Mälaren
Schloss Gripsholm im schwedischen Mariefred Bildrechte: imago images/imagebroker

Kurt Tucholsky (1890-1935) war einer der bedeutendsten Publizisten und scharfsichtigsten Gesellschaftskritiker der Weimarer Republik. Gleich unter vier Pseudonymen – Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser – veröffentlichte er seine Beiträge, unter anderem in der linksliberalen Wochenzeitschrift "Die Weltbühne". Tucholsky schrieb politische Artikel, Reportagen, Satiren, Glossen sowie Literatur- und Theaterkritiken. Frühzeitig warnte der überzeugte Pazifist vor den Gefahren eines militanten Nationalismus.

Undatiertes Archivbild des Schriftstellers Kurt Tucholsky.
Der Schriftsteller Kurt Tucholsky Bildrechte: dpa

Neben unzähligen journalistischen Arbeiten verfasste Tucholsky auch Chansons, Kabarettstücke, Gedichte und Prosatexte. Bereits 1912 legte er mit "Rheinsberg" sein literarisches Debüt vor. Die verspielt-ironische Geschichte vom unbeschwerten Ausflug zweier junger Verliebter in die märkische Sommerfrische wurde ein großer Publikumserfolg. Knapp zwanzig Jahre später schrieb Tucholsky mit "Schloss Grispholm" noch einmal eine zauberhafte Sommergeschichte. Doch in die idyllische Erzählung mischen sich auch nachdenkliche Töne.

Als das Buch 1931 erschien, hatte Kurt Tucholsky Deutschland schon den Rücken gekehrt; seit 1929 lebte er im schwedischen Exil. Enttäuscht und resigniert angesichts der politischen Situation in Deutschland, verstummte er zunehmend. Er starb am 21. Dezember 1935 in Göteborg. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof in Mariefred.

Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte.

Das Buch beginnt mit dem Abdruck eines fiktiven Briefwechsels zwischen dem Autor und seinem Verleger, Ernst Rowohlt. Darin regt Rowohlt Tucholsky an, doch mal wieder eine leichte und heitere Liebesgeschichte zu schreiben, während jener ihm stattdessen "eine kleine Sommergeschichte" anbietet und um ein höheres Honorar feilscht. Die sich anschließende Erzählung handelt vom Sommerurlaub des Erzählers Kurt mit seiner Freundin Lydia in Schweden. Kurt wird von ihr liebevoll mit unterschiedlichen Kosemanamen wie Peter, Daddy oder Fritzchen bedacht, er nennt sie "die Prinzessin".

Mit dem Zug und der Fähre geht es über Kopenhagen nach Stockholm. Auf der Suche nach einem kleinen stillen Ort gelangen Kurt und Lydia nach Mariefred am Mälarsee und quartieren sich in einem Anbau des Schlosses Gripsholm ein. Hier kommen sie endlich zur Ruhe.

Zitat aus "Schloss Gripsholm" "Baden im See; nackt am Ufer liegen, an einer versteckten Stelle; sich voll Sonne saugen, dass man mittags herrlich verdöst und trunken von Licht, Luft und Wasser nach Hause rollt; Stille; Essen; Trinken; Schlaf; Ruhe – Urlaub."

In ihrer Sommerfrische erhalten sie nacheinander Besuch von Kurts altem Kameraden und Freund Karlchen sowie von Lydias bester Freundin Billie. Mit beiden verstehen sie sich prächtig, mit der hübschen Billie erleben sie gar ein – für die damalige Zeit recht gewagtes – erotisches Abenteuer zu dritt.

Doch die schwedische Sommeridylle hat auch ihre Schattenseiten. Während ihres Aufenthaltes begegnen Kurt und Lydia einem kleinen, unglücklichen Mädchen, das in der nahegelegenen Kinderkolonie lebt. Die neunjährige Ada leidet unter dem strengen Regime der Leiterin Frau Adriani, einer Deutschen, und das Paar beschließt, dem verzweifelten Mädchen zu helfen.

In wunderbaren Dialogen fängt Tucholsky den speziellen Sound eines Liebespaares ein und ihre Sicht auf die damalige Zeit. Amüsante Unterhaltungen sind mit politischen Anspielungen durchsetzt. Witzige, romantische Szenen wechseln mit nachdenklichen. Und erinnern daran, dass man auch in der schönsten Urlaubsidylle der Realität nicht entfliehen kann.

Zitat aus "Schloss Gripsholm" "Wir hatten geglaubt, der Zeit entrinnen zu können. Man kann das nicht, sie kommt nach. Ich sah die Prinzessin an und zeigte auf die Zeitung, und sie nickte: Wir hatten heute nacht davon gesprochen, davon und von der Zeit und von dieser Zeit... Man denkt oft, die Liebe sei stärker als die Zeit. Aber immer ist die Zeit stärker als die Liebe."

Der Sprecher Günter Pfitzmann

Günter Pfitzmann, 1924 in Berlin geboren, wuchs in Neukölln auf. Eigentlich wollte er Sportlehrer werden. Auf Grund einer schweren Beinverletzung im Zweiten Weltkrieg musste er seinen Berufswunsch aufgeben. Er wandte sich der Schauspielerei zu und nahm Unterricht bei Fritz Kirchhoff an der Schauspielschule "Der Kreis" in Berlin-Charlottenburg.

1946 gab er seine Bühnendebüt am Landestheater Mark Brandenburg in Potsdam. Es folgten Auftritte an fast allen großen Westberliner Theatern. 1949 war Pfitzmann Mitbegründer der Berliner Kabarettgruppe "Die Stachelschweine". 1956 erhielt er den "Berliner Kunstpreis" der jungen Generation. Ein Höhepunkt seiner Theaterkarriere war die Mitwirkung im Musical "My Fair Lady" als Professor Henry Higgins.

Seit den 1950er-Jahren war Günter Pfitzmann regelmäßig fürs Kino und später fürs Fernsehen tätig. Es spielte unter anderem in der Erich-Kästner-Verfilmung "Emil und die Detektive" (1954), im Antikriegsfilm "Die Brücke" (1955) sowie die Hauptrolle im Edgar-Wallace-Film "Der Zinker" (1963). Große Popularität erlangte er als Dr. Brockmann in der Serie "Praxis Bülowbogen" (1987–1996).

Sein Talent als authentischer und begabter Sprecher stellte er in Hörspielserien wie "Die drei ???" oder "TKKG" unter Beweis. Als Synchronsprecher lieh er unter anderem Kirk Douglas, Jean Gabin und Lloyd Bridges seine Stimme. Günter Pfitzmann starb 2003 in Berlin.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR Klassikerlesung
Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm (20 Folgen)
Es liest: Günter Pfitzmann | Produktion: SRF 1976

Sendung 18.08 - 14.09.2022 | Montag bis Freitag | jeweils 15:10 Uhr

Alle Folgen dieser Lesung stehen hier bis 10.11.2022 zum Hören bereit. Ein Audio enthält jeweils zwei Folgen der Radiosendung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Klassikerlesung | 18. August 2022 | 15:10 Uhr

Hörbuchcover Schloss Gripsholm
Bildrechte: Der Audio Verlag

Hörbuchtipp Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm

Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm

Ungekürzte Lesung mit Günter Pfitzmann
1 MP3-CD, Laufzeit: 268 Minuten
Der Audio Verlag 2016
ISBN: 9783862318797