Lesezeit | Zum 100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatt: "Mondfinsternis" und andere Prosa

Vor 100 Jahren, am 5. Januar 1921, wurde Friedrich Dürrenmatt geboren. Mit Werken wie "Der Richter und sein Henker", "Der Besuch der alten Dame" und "Die Physiker" wurde er weltberühmt. In der Lesezeit erinnern wir an den großen Schweizer Schriftsteller, Maler und Denker mit ausgewählten Prosatexten. In einer Neuproduktion von MDR KULTUR senden wir seine Novelle "Mondfinsternis" und "Autobiografische Notizen". Es liest der Schauspieler Stefan Merki.

Der Schweizer Autor und Dramatiker Friedrich Duerrenmatt, aufgenommen in Schwetzingen am 18 Juni 1988
Der Schweizer Autor und Dramatiker Friedrich Dürrenmatt, 1988 Bildrechte: dpa

Dürrenmatts Novelle "Mondfinsternis" spielt in dem kleinen, unzugänglichen Bergdorf Flötigen. Tief im Winter kehrt der Auswanderer Walter Locher mit seinem Cadillac in seinen Geburtsort zurück. In Kanada ist er zu Geld gekommen, nun möchte er sich an Mani rächen, der ihm damals die Freundin abspenstig gemacht hat. Vierzehn Millionen - für jeden Haushalt in Flötigen eine Million - bietet er der Dorfgemeinschaft für den Mord an seinem einstigen Rivalen.


Bei Vollmond soll es geschehen, so fordert es der steinreiche Heimkehrer nun. Die Flötiger machen sich bereit fürs Morden. Demokratisch wird abgestimmt - es herrscht Einstimmigkeit bei einer Enthaltung: Mani soll erschlagen werden, das Dorf braucht die Millionen. Beinahe jeder berauscht sich an der Vorstellung des bevorstehenden Geldsegens. Sogar Mani ist einverstanden, sein Leben ist ihm ohnehin zu beschwerlich geworden und mit der Million lässt sich sein heruntergekommener Hof sanieren. In der Nacht der Hinrichtung aber beginnt der Mond sich zu verfinstern. Zweifel beschleichen die Männer, die zur Hinrichtung angetreten sind.

Mondfinsternis – Autobiografische Notizen

Seit den siebziger Jahren bis zu seinem Lebensende arbeitete Friedrich Dürrenmatt an seinem großen Spätwerk "Stoffe", in dem er Autobiografisches mit fiktionalen Texten und philosophischen Essays verband. Er beschäftigt sich darin mit der Geschichte seiner Stoffe, den geschriebenen ebenso wie den ungeschrieben, und spürt den Umständen ihrer Entstehung nach. Im Rahmen dieser Arbeit erinnert er sich an die "Mondfinsternis":

Plötzlich tauchte aus den verschiedenen Motiven, zum Beispiel aus der Mondgeschichte während meines Physikstudiums und aus dem Zusammenleben mit den Bergbauern, die Erinnerung an einen Stoff auf, den ich einmal Mondfinsternis genannt habe.

Friedrich Dürrenmatt "Mondfinsternis - Autobiografische Notizen" aus: "Stoffe I-III"

Die Idee zu "Mondfinsternis" notierte Dürrenmatt bereits 1953. Er begann zunächst, eine Novelle zu schreiben, entschied sich dann aber – auch aus finanziellen Gründen, denn er war in Schulden geraten – die Geschichte in ein Theaterstück umzuwandeln: Aus dem Auswanderer Walter Locher wurde die Multimilliardärin Claire Zachanassian, aus dem Bergdorf Flötigen die Kleinstadt Güllen. Es entstand die Tragikomödie "Der Besuche der alten Dame", die 1956 in Zürich uraufgeführt wurde und Dürrenmatts Weltruhm begründete.

Mehr als dreißig Jahre nach der Veröffentlichung des Theaterstücks griff Dürrenmatt den frühen Prosatext wieder auf und begann 1978 mit einer Rekonstruktion der Novelle. Sie erschien 1981 im Band Stoffe I-III.

Dürrenmatt als Erzähler

In dieser Lesezeit sendet MDR KULTUR weitere Prosatexte Dürrenmatts aus verschiedenen Schaffensphasen. Sie geben einen Einblick in die Vielfalt seines erzählerischen Werks.

Die surreale Kurzgeschichte "Der Tunnel", erstmals 1952 im Sammelband "Die Stadt. Prosa I - IV" erschienen, gehört zu Dürrenmatts bekanntesten. Er schildert darin aus Sicht eines jungen Studenten, wie eine scheinbar gewöhnliche Bahnfahrt in eine Katastrophe mündet. In einer Autorenlesung von 1985 ist der Schriftsteller selbst zu hören: Friedrich Dürrenmatt liest einen Ausschnitt aus seinem Kriminalroman "Justiz". Ausgehend von der Geschichte eines öffentlich begangenen Mordes entfaltet sich ein großes Verwirrspiel über Recht und Unrecht, Schein und Sein.

Die Erzählung "Der Versuch" entstand 1989 und wurde 1992 posthum veröffentlicht. Der Schriftsteller befasst sich darin mit den Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz und thematisiert die Unmöglichkeit einer Abbildung der Wirklichkeit.  Aus dem 1990 veröffentlichten Band "Turmbau - Stoffe IV - XI" stammt der Text "Das Hirn", eine literarische Auseinandersetzung mit der Urknalltheorie. Anstelle des Urknalls beschreibt Dürrenmatt ein menschliches Gehirn, welches aus sich heraus das Universum mit all seinen Erscheinungen hervorbringt und schließlich beim Autor selbst ankommt.

Ist Das Hirn meine Fiktion, die ich schreibe, oder bin ich die Fiktion des Hirns, die Das Hirn schreibt? […] Wer hat wen erfunden, gibt es mich überhaupt, gibt es nicht vielmehr nur ein Hirn, das eine Welt träumt als Abwehr gegen die Angst, eine erträumte Welt, in der einer aus dem gleichen Grunde schreibt, aus dem heraus ihn ein Hirn träumt?

Friedrich Dürrenmatt "Das Hirn" aus: "Turmbau - Stoffe IV - XI"

Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt

Friedrich Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen bei Bern als Sohn eines Pfarrers geboren. Er studierte Philosophie in Bern und Zürich und lebte als Dramatiker, Erzähler, Essayist, Zeichner und Maler in Neuchâtel.

Friedrich Dürrenmatt, ca. 1986
Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) Bildrechte: imago/SKATA

Bekannt wurde er mit seinen Kriminalromanen und Erzählungen "Der Richter und sein Henker", "Der Verdacht", "Die Panne" und "Das Versprechen", weltberühmt mit den Komödien "Der Besuch der alten Dame" und "Die Physiker". Den Abschluss seines umfassenden Werks schuf er mit der Prosasammlung "Stoffe". Der Schriftsteller erhielt für sein Schaffen zahlreiche Auszeichnungen darunter den Grossen Schillerpreis (1960) und den Georg-Büchner-Preis (1986). Friedrich Dürrenmatt starb 1990 in Neuchâtel.

Der Schauspieler Stefan Merki

Stefan Merki, geboren 1963 in Baden in der Schweiz, studierte Schauspiel an der Hochschule der Künste in Berlin. Sein erstes Engagement hatte er am Schillertheater in Berlin. Er gastierte an der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin, am Thalia Theater Hamburg und am Theater Aachen. 1996 ging er ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Seit 2001 gehört er zum Ensemble der Münchner Kammerspiele.

Der Schauspieler Stefan Merki
Stefan Merki Bildrechte: Luis Zeno Kuhn

Neben seiner Bühnentätigkeit arbeitet Stefan Merki regelmäßig für Film und Fernsehen, sowie als Sprecher für Rundfunk und Hörbuchproduktionen. Eine seiner ersten Rollen spielte er in Pepe Danquarts Oscar-prämiertem Kurzfilm "Schwarzfahrer" (1992). Er hatte Auftritte in den Krimiserien "Tatort" und "Polizeiruf 110". Im Kino war er u. a. im Thriller "Colonia Dignidad" (2015) und in der Literaturverfilmung "Das Tagebuch der Anne Frank" (2016) zu sehen. Stefan Merki lebt in München.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
Zum 100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt am 5. Januar

28.12. - 31.12.2020
Mondfinsternis (4 Folgen)
Von Friedrich Dürrenmatt
Gelesen von Stefan Merki | Produktion: MDR 2020 | Erstsendung

04.01.2021
Das Hirn
Von Friedrich Dürrenmatt
Gelesen von Klaus Piontek | Produktion: DS-KULTUR 1991

05.01.2021
Justiz (Auszug)
Von Friedrich Dürrenmatt
Gelesen von Friedrich Dürrenmatt | Produktion: RIAS 1985

06.01. - 07.01.2021
Mondfinsternis - Autobiografische Notizen (2 Folgen)
Von Friedrich Dürrenmatt
Gelesen von Stefan Merki | Produktion MDR 2020

08.01.2021
Der Tunnel
Von Friedrich Dürrenmatt
Gelesen von Christian Brückner | Produktion NDR 1988

Sendung: 28.12. 2020 - 08.01.2021 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 28.12. 2020 - 08.01.2021 | 19:05-19:35 Uhr

Das Lesungen "Mondfinsternis" und "Autobiografische Notizen" stehen hier 30 Tage zum Hören bereit. Alle anderen Folgen dieser Lesezeit können wir aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zum Hören anbieten.

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