Lesezeit | 17. - 26.02.2021 Nina Hoss liest "Der Liebhaber" von Marguerite Duras

Die französische Schriftstellerin Marguerite Duras (1914-1996) umkreist in ihren Werken immer wieder das eigene Leben, vor allem ihre prägenden Kindheits- und Jugendjahre im damaligen Indochina, dem heutigen Vietnam. Als 70-Jährige erlangte sie mit "Der Liebhaber" Weltruhm. Aus Anlass ihres 25. Todestags senden wir eine Lesung ihres erfolgreichsten Buchs mit Nina Hoss.

Marguerite Duras
Die französische Schriftstellerin Marguerite Duras (1914-1996) in ihrer Pariser Wohnung in den frühen 50er-Jahren. Bildrechte: dpa

Schreiben war ihr Lebenselixier. Die französische Schriftstellerin Marguerite Duras hinterließ ein beeindruckendes Œuvre, das mehr als 50 Romane, Drehbücher, Theaterstücke und einige Filme umfasst.

Auf faszinierende Weise vermischen sich in ihren Texten Fakten und Fiktion. Motive und Figuren aus der eigenen Lebensgeschichte ziehen sich durch ihr gesamtes Schaffen: Erinnerungen an die Jugend in Indochina, ihre Zeit in der Résistance, ihre Ehen und Liebesbeziehungen.

1984 veröffentlichte Marguerite Duras ihr bislang erfolgreichstes Werk "Der Liebhaber". Die autobiografische Erzählung einer Amour fou machte die damals 70-Jährige zur Bestsellerautorin und brachte ihr den Prix Grancourt, den höchsten Literaturpreis Frankreichs, ein. Das Werk wurde 1992 von Jean-Jacques Annaud als aufwändig inszeniertes Melodram verfilmt, wovon Duras sich allerdings distanzierte.

Tony Leung Ka Fai und Jane March in Der Liebhaber 24 min
Bildrechte: imago images/Mary Evans
Tony Leung Ka Fai und Jane March in Der Liebhaber 26 min
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Tony Leung Ka Fai und Jane March in Der Liebhaber 26 min
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Tony Leung Ka Fai und Jane March in Der Liebhaber 25 min
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Der Liebhaber

Die Ich-Erzählerin erinnert sich nach mehr als 50 Jahren an eine Geschichte aus ihrer Jugend in der damals französischen Kolonie Indochina, dem heutigen Vietnam, zu Beginn der 30er-Jahre. Sie beginnt mit der Überquerung des Mekongs und einer schicksalshaften Begegnung. Das 15-jährige französische Mädchen, eine Halbwaise, kehrt nach dem Ende der Schulferien von ihrem Wohnort Sadec nach Saigon zurück, wo sie das Gymnasium besucht.

Fünfzehneinhalb. Der Körper ist schmal, fast schmächtig, Kinderbrüste noch, sie ist blassrosa und rot geschminkt. [....] Alles ist vorhanden, und noch hat das Spiel nicht begonnen, ich sehe es an den Augen, alles steht schon in den Augen.

Marguerite Duras Der Liebhaber

Auf der Fähre lernt das Mädchen einen zwölf Jahre älteren chinesischen Milliardärssohn kennen. Sie lässt sich mit ihm auf eine leidenschaftliche Affäre ein, die gegen alle gesellschaftlichen Konventionen verstößt.

Vom ersten Moment an weiß sie etwas in der Art, dass er ihr verfallen ist. Dass auch andere ihr verfallen könnten. […] Und dass weder die Mutter davon erfahren darf, noch die Brüder, auch das weiß sie an diesem Tag.

Marguerite Duras Der Liebhaber

Mit der Liaison zu dem reichen Chinesen versucht das Mädchen auch, sich aus den immer schwieriger werdenden Verhältnissen ihrer fast mittellosen Familie zu lösen. Die schwermütige, früh verwitwete Mutter kann mit ihrem Gehalt als Lehrerin die Familie kaum über Wasser halten.

In kurzen Erinnerungssequenzen, die von ihrer Kindheit in Indochina bis ins Frankreich der Nachkriegszeit reichen, schildert die Erzählerin ihre komplizierte Familiengeschichte. Sie beschreibt die wachsende Verzweiflung der Mutter, die bei einem Landkauf um ihr Vermögen betrogen wurde, erzählt vom Hass auf den älteren, zur Gewalttätigkeit neigenden Bruder, der stiehlt, um seine Opium- und Spielsucht zu finanzieren. Und von ihrer Liebe zu ihrem kleinen Bruder, der bereits in jungen Jahren stirbt.

Nach anderthalb Jahren trennt sich das Mädchen von ihrem Geliebten. Sein reicher Vater verbietet ihm die Heirat mit "der kleinen weißen Prostituierten von Sadec". Die Romanze ist in der Gegend längst zum Skandal geworden, der Ruf des Mädchens ruiniert.

Die Geschichte endet mit einer Reise über den Ozean. Das junge Mädchen verlässt Indochina und kehrt mit ihrer Familie nach Frankreich zurück. Bei der Abreise verbirgt es seinen Kummer über die endgültige Trennung von ihrem Liebhaber, erst später, als das Schiff den Ozean erreicht hat und es zufällig einen Walzer von Chopin hört, kommt ihm der Gedanke, "ob es ihn nicht doch geliebt hatte".

Der Schriftstellerin Marguerite Duras

Marguerite Duras wurde 1914 in der ehemaligen französischen Kolonie Gia Dinh, dem heutigen Vietnam, als Marguerite Donnadieu geboren. Sie besuchte das Lycée Français in Saigon und machte 1931 Abitur. Ein Jahr später siedelte die Familie nach Paris um, wo sie an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Paris und an der École des Sciences Politiques studierte. Von 1935 bis 1941 arbeitete sie als Sekretärin im Kolonialministerium und heiratete 1939 den Schriftsteller Robert Antelme (1917-1990). Beide waren ab 1940 in der Résistance aktiv. Antelme wurde später in die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau deportiert.

1943 erschien Duras´ Debütroman "Les Impudents" ("Die Schamlosen"), der jedoch kaum Beachtung fand. Mit "Un Barrage contre le Pacifique" ("Heiße Küste"), das 1950 erschien, hatte sie größeren Erfolg. Internationale Bekanntheit erlangte sie schließlich 1959 mit dem Drehbuch zu Alain Resnais Film "Hiroshima, mon amour". In den späten 70er-Jahren drehte sie eigene experimentelle Filme. Nach dem sensationellen Erfolg von "Der Liebhaber" veröffentlichte sie weitere stark autobiografisch grundierte Prosawerke, wie "La douleur" ("Der Schmerz"; 1985) und "Emily L." (1987). Marguerite Duras starb am 3. März 1996 in Paris.

Die Sprecherin Nina Hoss

Nina Hoss, geboren 1975, sprach mit sieben Jahren ihre erste Hörspielrolle und stand als 14-Jährige erstmals auf der Theaterbühne. Nach ihrem Schauspielstudium war sie sowohl am Deutschen Theater in Berlin als auch beim Berliner Ensemble engagiert. Nach 15-jährigem Engagement am Deutschen Theater wechselte sie 2013 an die Schaubühne am Lehniner Platz.

Nina Hoss
Die Schaupielerin Nina Hoss Bildrechte: imago/APress

Ihren Durchbruch in Film und Fernsehen feierte Nina Hoss 1996 mit der Titelrolle in "Das Mädchen Rosemarie". Für ihre Darstellung der Yella im gleichnamigen Film wurde sie 2007 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Der Kinofilm "Barbara", in dem sie ebenfalls die Hauptrolle spielt, war für den Oscar nominiert. Für die Titelrolle im Familiendrama "Schwesterlein" erhielt sie 2020 eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
Der Liebhaber (8 Folgen)
Von Marguerite Duras
Aus dem Französischen von Ilma Rakusa

Es liest Nina Hoss
Produktion: RBB 2006

Sendung: 17. - 26.02.2021 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 17. - 26.02.2021 | 19:05-19:35 Uhr

Die Folgen dieser Lesezeit stehen hier 30 Tage zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Februar 2021 | 09:05 Uhr

Marguerite Duras: Der Liebhaber - Hörbuch
Bildrechte: Der Audio Verlag

Hörbuchtipp Marguerite Duras: Der Liebhaber

Marguerite Duras: Der Liebhaber

Ungekürzte Lesung mit Nina Hoss
1 Mp3-CD, Laufzeit: 3 Stunden 24 Minuten
Der Audio Verlag 2021
ISBN: 978-3742419040
Erscheint am 18. März 2021

Marguerite Duras: Der Liebhaber
Bildrechte: Suhrkamp

Buchtipp Marguerite Duras: Der Liebhaber

Marguerite Duras: Der Liebhaber

Aus dem Französischen von Ilma Rakusa
Taschenbuch, 194 Seiten
Suhrkamp 1989
ISBN: 978-3518381298
8,00 Euro

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