Lesezeit | 20.01. - 27.01.2021 Imre Kertész: Detektivgeschichte

Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész (1929-2016) wurde mit seinem "Roman eines Schicksalslosen" weltweit bekannt. In seinen Werken hat sich der Schriftsteller immer wieder mit dem Leben im Totalitarismus auseinandergesetzt. In seiner "Detektivgeschichte" schildert er die Mechanismen des Terrors aus Sicht eines Geheimpolizisten in einer fiktiven südamerikansichen Diktatur. Es liest Ulrich Noethen.

Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreistträger Imre Kertész.
Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész (1929-2016) Bildrechte: imago images / SKATA

In "Roman eines Schicksalsslosen", seinem wohl berühmtesten Buch, verarbeitete der ungarische Schriftsteller Imre Kertész seine Erfahrungen während des Holocausts. Er zeichnet darin den Leidensweg eines 15-jährigen jüdischen Jungen in den Lagern von Auschwitz und Buchenwald. Das Werk erschüttert durch die konsequente Darstellung aus Sicht des unwissenden Ich-Erzählers, während der Autor auf jegliche Einordnung oder Wertung verzichtet.

In seiner "Detektivgeschichte", die 1977 in Ungarn erschien, wechselt Imre Kertész die Perspektive: Er versetzt sich in die Gedankenwelt eines Täters. Der Schriftsteller musste den Text innerhalb von vierzehn Tagen niederschreiben, damit sein zuvor beendeter Roman "Spurensucher", der zu schmal geraten war, veröffentlicht werden konnte. Um die ungarische Zensur passieren zu können, verlegte er die Handlung nach Südamerika.

Die Beichte des Folterknechts

Erzählt wird die Geschichte des Geheimpolizisten Antonio Rojaz Martens. Nach dem Sturz eines totalitären Regimes wird er vor Gericht gestellt. Während er im Gefängnis auf seine Verurteilung wartet, legt er sich selbst Rechenschaft ab und vertraut das Manuskript seinem Pflichtverteidiger an.

Ich will eine Geschichte erzählen. Eine einfache Geschichte. Sie können sie auch ungeheuerlich nennen. Doch das ändert nichts an ihrer Einfachheit. Ich möchte also eine einfache und ungeheuerliche Geschichte erzählen.

Imre Kertész Detektivgeschichte

Antonio Martens schildert, wie er vom Polizisten zum Folterknecht wird. Mit der Aussicht auf Karriere wechselt er von der Kripo zum sogenannten "Corps", der Geheimpolizei des Regimes. Deren Aufgabe ist es "Ordnung zu schaffen, die Konsolidierung voranzubringen, das Vaterland zu retten, den Widerstand zu liquidieren". Dafür sind jegliche Mittel recht: Überwachung, Verhaftung und Folter. Zwar ist Martens zunächst vom Verhalten seiner sadistischen Kollegen irritiert, doch es hält ihn nicht davon ab, seinen Job zu erledigen.

Bei der Suche nach Aufständigen gerät auch Enrique Salinas, der Sohn eines reichen Kaufhausbesitzers, ins Visier der Geheimpolizei. Zwar lebt die Familie in relativer Sicherheit vor den Handlangern des Regimes, doch der idealistische junge Mann will unbedingt Widerstand leisten. Beim Versuch des Vaters, seinen Sohn vor sich selbst zu schützen, geraten beide in die Hände des Corps. Obwohl die Unschuld der Salinas erwiesen ist, lässt sich ihr Schicksal nicht mehr aufhalten. Erst jetzt erkennt Martens die "Logik" des Systems, der er blindlings gefolgt ist.

Und endlich verstand ich Diaz‘ Logik, ich glaube jedenfalls, dass ich sie verstanden habe. Ich begriff, dass wir inzwischen alles abgelegt hatten, was uns noch an die Gesetze der Menschen band, und ich begriff, dass wir unser Vertrauen auf nichts mehr setzen konnten, als uns selbst.

Imre Kertész Detektivgeschichte

Der Geheimpolizist Mertens ist nur ein Rädchen im Getriebe eines totalitären Systems, das ihn seiner Urteilsfähigkeit beraubt. Imre Kertészs "Detektivgeschichte" ist ein bedrückendes Lehrstück über die Mechanismen der Macht in einer Diktatur.

Der Schriftsteller Imre Kertész

Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Sein autobiografischer "Roman eines Schicksallosen", den er Anfang der 1970er-Jahre abgeschlossen hatte, wurde zunächst von den Verlagen abgelehnt und nach seiner Veröffentlichung 1975 noch jahrelang ignoriert. Erst nachdem sich die politische Situation in Ungarn geändert hatte, brachte die Neuausgabe dem Autor die lange versagte Anerkennung und schließlich sogar den Nobelpreis für Literatur im Jahr 2002. Kertész starb 2016 in Budapest.

Der Sprecher Ulrich Noethen

Ulrich Noethen, 1959 in München geboren, studierte zunächst Rechtswissenschaften und wechselte dann an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Theaterengagements führten ihn nach Freiburg, Köln und Berlin.

Sein Kinodebüt gab Noethen 1997 in dem Film "Comedian Harmonists". Für seine Darstellung des Harry Frommermann erhielt er den Deutschen Filmpreis sowie den Bayerischen Filmpreis. Daraufhin avancierte er zu einem der vielseitigsten und erfolgreichsten Darsteller des deutschen Kinos. Zurzeit ist er in der neuen Staffel der Fernsehserie "Charité" in der Rolle des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch zu erleben.

Ulrich Noethen ist regelmäßig als Sprecher tätig. Bei MDR KULTUR hat er unter anderem in den Hörspielen "House of God" (2002), "Ich kann Fliegen zähmen" (2011), "Die vier Himmelsrichtungen" (2014) und "Washington-Square" (2014) mitgewirkt. Für die Lesezeit hat er Eugen Ruges Romane "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (2011) und "Metropol" (2019) eingelesen.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
Detektivgeschichte (6 Folgen)
Von Imre Kertész

Es liest: Ulrich Noethen
Produktion: RBB 2005

Sendung: 20.01. - 27.01.2021 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 20.01. - 27.01.2021 | 19:05-19:35 Uhr

Alle Folgen dieser Lesezeit stehen hier 7 Tage zum Hören bereit.

Imre Kertész: Detektivgeschichte
Bildrechte: Rowohlt Verlag

Buchtipp Imre Kertész: Detektivgeschichte

Imre Kertész: Detektivgeschichte

Übersetzt von Angelika Máté und Peter Máté
Taschenbuch, 144 Seiten
Rowohlt Verlag 2006
ISBN: 978-3499242335
7,90 Euro

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