Lesezeit | 07. – 14.06.2022 Colum McCann: Hungerstreik

Der in New York lebende irische Schriftsteller Colum McCann wurde mit Romanen wie "Der Tänzer" und "Die große Welt" international bekannt. In "Hungerstreik" erzählt er die Coming of Age-Geschichte eines dreizehnjährigen Jungen vor dem Hintergrund des nordirischen Bürgerkriegs. Auf MDR KULTUR senden wir die Erzählung als Lesung in sechs Folgen mit Ulrich Matthes.

Der irische Schriftsteller Colum McCann liest am 15.03.2014 in Köln im Rahmen des internationalen Literaturfestival lit.cologne.
Der irische Schriftsteller Colum McCann Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Schauplatz von Colum McCanns Novelle "Hungerstreik" ist Galway. Der dreizehnjährigen Kevin, der früh seinen Vater verloren hat, lebt mit seiner Mutter in einem Wohnwagen auf einer Klippe in der Nähe der Stadt. Um den Bürgerkriegs-Unruhen in Nordirland zu entkommen, sind sie vor Kurzem aus Derry an die irische Küste gezogen. Seine Mutter hat hier früher die Sommer verbracht.

Colum McCann: Hungerstreik 28 min
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28 min

Ein 13-jähriger Junge lebt mit seiner Mutter in einem Wohnwagen an der irischen Küste. Sein Onkel, ein IRA-Kämpfer, den der Junge nur von Fotos kennt, sitzt im Gefängnis und befindet sich im Hungerstreik.

MDR KULTUR - Das Radio Di 07.06.2022 09:00Uhr 27:43 min

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Colum McCann: Hungerstreik 27 min
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27 min

Der 13-jährige Kevin steckt mitten in der Pubertät: Er ist voller Wut und lehnt in seiner Ohnmacht alles und jeden ab. Von seiner Mutter will er alles über seinen IRA-Kämpfer-Onkel und die politischen Vorgänge wissen.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 08.06.2022 09:00Uhr 27:20 min

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Colum McCann: Hungerstreik 28 min
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Kevin erinnert sich an Demonstrationen, auf denen er mit seiner Mutter war. Er denkt an den Onkel im Gefängnis: Wie es ihm wohl geht? Aus Sympathie tritt er ebenfalls in einen Hungerstreik, den er nicht lange durchhält.

MDR KULTUR - Das Radio Do 09.06.2022 09:00Uhr 27:55 min

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Colum McCann: Hungerstreik 28 min
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Während seine Mutter mit ihrer Gitarre in den Pubs auftritt, streunt Kevin allein und mit großer Wut in der Gegend umher. Er denkt an seinen Onkel im Gefängnis, der wegen des Hungerstreiks schon 17 Pfund abgenommen hat.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 10.06.2022 09:00Uhr 28:04 min

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Colum McCann: Hungerstreik 28 min
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Auf seinen Streifzügen am Strand lernt Kevin ein altes litauisches Paar kennen. Der wortkarge Mann nimmt ihn mit hinaus aufs Meer und bringt ihm das Paddeln bei. Schließlich erzählt Kevin dem Mann von seinem Onkel.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 13.06.2022 09:00Uhr 28:05 min

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Colum McCann: Hungerstreik 28 min
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Wütend und hilflos streitet Kevin mit seiner Mutter über Schuld und Unschuld seines Onkels im Gefängnis, dem es immer schlechter geht. Täglich fährt er mit dem alten Litauer raus aufs Meer, dabei findet er Ruhe.

MDR KULTUR - Das Radio Di 14.06.2022 09:00Uhr 27:32 min

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Heranwachsen in schwierigen Zeiten

Der Junge ist über den Ortswechsel nicht glücklich und rebelliert gegen die Mutter. In Gedanken ist er bei seinem Onkel, einem inhaftierten IRA-Kämpfer, der in einen Hungerstreik getreten ist. Obwohl er ihn nur von Fotos kennt, nimmt er großen Anteil an seinem Schicksal. Er fragt seine Mutter über das Leben des Onkels aus, verfolgt das Geschehen im Radio und in der Zeitung und versucht, die politischen Lage zu verstehen. Der Junge stellt sich vor, wie es dem Onkel in seiner Zelle geht und schließt sich sogar seinem Hungerstreik an, wenn auch nur für kurze Zeit.

Zitat aus "Hungerstreik" "Bei Tisch musterte er das Essen und stocherte darin herum. Täglich hörte man jetzt von einer bevorstehenden Einigung, aber die Gespräche wurden immer abgebrochen. Selbst die Nachrichtensprecher klangen zermürbt. In den Zeitungen waren Karikaturen, die er nicht verstand. […] Er beschloss nichts mehr zu essen. Als seine Mutter nicht hinsah, warf er das Hühnchen mit Reis auf seinem Teller in den Mülleimer und er trank nur Wasser. Er legte sich auf sein Bett und entwarf in Gedanken ein Manifest. Er würde nichts mehr essen, bis alle Forderungen seines Onkels erfüllt waren."

Je länger der Hungerstreik andauert, umso größer werden Wut und Verzweiflung des Jungen. In der Abgeschiedenheit der westirischen Provinz fühlt er sich zur Untätigkeit verdammt. Einmal entlädt sich sein Zorn an einem Pfahl im Hafen, den er sich als britischen Soldaten vorstellt und mit Steinen bewirft, dann wieder beschimpft er die Wellen des Meeres, die plötzlich zu Gegnern werden.

Der Junge und das Meer

Etwas Beistand findet Kevin bei einem alten litauischen Paar, das er bei seinen Streifzügen durch den Ort kennenlernt. Der Mann nimmt den Jungen in seinem Kayak mit hinaus aufs Meer und bringt ihm bei, sich gegen Wind und Wellen zu behaupten. "Kämpf nicht gegen das Wasser an, lass das Meer die Arbeit tun", rät er ihm. Auf dem Meer kann Kevin seinen Sorgen für eine Weile entfliehen, an Land holen sie ihn wieder ein.

Zitat aus "Hungerstreik" "Der Junge rannte nach Hause. Seine Mutter wartete auf ihn. Und am frühen Abend nach dem Essen erzählte sie ihm von seinem Onkel, von dem, was sie durch das Telefon am Pier erfahren hatte. […] 'Er zieht es bis zum Ende durch', sagte seine Mutter. 'Wird er sterben?' "Er zieht es bis zum Ende durch', sagte sie noch einmal."

Historischer Hintergrund

Colum McCanns Novelle "Hungerstreik" erschien auf Deutsch erstmals im Band "Wie alles in diesem Land" (2001). In den drei darin versammelten Erzählungen widmet sich der irische Schriftsteller dem Bürgerkrieg in Nordirland und offenbart, wie die Folgen des Konflikts ins Alltagsleben der Menschen eindringen.

Historischer Hintergrund seiner Novelle ist der Hungerstreik inhaftierter Mitglieder der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) im Jahr 1981, bei dem zehn Männer starben. Er bildete der Höhepunkt eines seit 1976 anhaltenden Protests mit dem Ziel, für die Gefangenen des Nordirlandkonflikts den politischen Status zurückzugewinnen.

Der Autor Colum McCann

Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Europa und Amerika. Für den Roman "Die große Welt" erhielt er 2009 den National Book Award. Er ist verheiratet und lebt seit 1996 in New York.

Der Schauspieler Ulrich Matthes

Schauspieler Ulrich Matthes (in der Rolle des Eduard) bei Aufnahmen zum Hörspiel "Westend" nach dem gleichnamigen Theaterstück von Moritz Rinke
Ulrich Matthes Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Ulrich Matthes, geboren 1959 in Berlin, gehört zu den wichtigsten deutschen Schauspielern. Nach zahlreichen Engagements auf allen großen Bühnen ist er seit 2004 fest am Deutschen Theater Berlin engagiert. Hier spielte er unter anderem in Inszenierungen von Jürgen Gosch und Barbara Frey.

Daneben brillierte er Filmen wie "Aimée & Jaguar" (1999), "Der Untergang" (2004) und "Bornholmer Straße" (2014) . Zuletzt hat er im Thriller "München – Im Angesicht des Krieges" (2021) mitgewirkt. Ulrich Matthes ist außerdem einer der gefragtesten deutschen Hörspiel- und Hörbuchsprecher.

Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2004 den Gertrud-Eysoldt-Ring für herausragende schauspielerische Leistungen, 2008 den FAUST Theaterpreis sowie 2015 den Grimme Preis. 2022 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
Hungerstreik (6 Folgen)                 
Von Colum McCann

Es liest: Ulrich Matthes
Produktion: HR 2006

Sendung: 07.06.2022 – 14.06.2022 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 07.06.2022 – 14.06.2022 | 19:05-19:35 Uhr

Alle Folgen dieser Lesezeit stehen hier 90 Tage zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2022 | 09:05 Uhr

Colum McCann: Hungerstreik
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Buchtipp Colum McCann: Hungerstreik

Colum McCann: Hungerstreik

Gebundene Ausgabe, 120 Seiten
Mare Verlag September 2004
ISBN: ‎978-3936384178
nur antiquarisch erhältlich

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