Lesezeit | 09.06. – 18.06.2021 Graham Greene: Der dritte Mann

Der Schwarz-Weiß-Thriller "Der Dritte Mann" zählt zu den Klassikern der Filmgeschichte. Im gleichnamigen Roman, entstanden als Vorlage für das Drehbuch, verknüpft Graham Greene (1904-1991) die düstere Kriminalgeschichte im Wien der Nachkriegszeit meisterhaft mit trockenem Humor. Auf MDR KULTUR senden wir eine Lesung mit Hanns Zischler.

Graham Greene, 1968
Der britische Schriftsteller Graham Greene, 1968 Bildrechte: IMAGO

Wien nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Stadt liegt in Trümmern. Die vier Besatzungsmächte haben das Stadtgebiet unter sich aufgeteilt, Kriminalität und Schwarzhandel blühen. Der Brite Rollo Martins, Autor billiger Wildwestromane, kommt auf Einladung seines alten Schulfreundes Harry Lime, der ihm einen Job angeboten hat, ins winterliche Wien. Bei seiner Ankunft muss er erfahren, dass Lime tot ist, angeblich kam er bei einem Autounfall ums Leben.

Orson Wells (als Harry Lime) im Filmklassiker "Der dritte Mann" (GB 1949) 28 min
Bildrechte: IMAGO / Cinema Publishers Collection
Orson Wells (als Harry Lime) im Filmklassiker "Der dritte Mann" (GB 1949) 28 min
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Orson Wells (als Harry Lime) im Filmklassiker "Der dritte Mann" (GB 1949) 28 min
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Orson Wells (als Harry Lime) im Filmklassiker "Der dritte Mann" (GB 1949) 26 min
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Orson Wells (als Harry Lime) im Filmklassiker "Der dritte Mann" (GB 1949) 28 min
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Orson Wells (als Harry Lime) im Filmklassiker "Der dritte Mann" (GB 1949) 28 min
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Orson Wells (als Harry Lime) im Filmklassiker "Der dritte Mann" (GB 1949) 29 min
Bildrechte: IMAGO / Cinema Publishers Collection

Auf der Suche nach dem dritten Mann

Tief betroffen begibt sich Martins zur Trauerfeier auf dem Zentralfriedhof. Hier begegnet er Polizeioffizier Calloway, der behauptet, dass Harry der Kopf einer üblen Schieberbande gewesen sei. Martins weist die Anschuldigungen gegen den vom ihm bewunderten Freund wütenden zurück und stellt eigene Nachforschungen an.

Er lernt Harry Limes Lebensgefährtin Anna Schmidt kennen, trifft die Unfallzeugen und stößt bald auf Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Harrys Tod. Wurde er ermordet? War er in kriminelle Machenschaften verwickelt? Und wer ist der geheimnisvolle dritte Mann, der am Unfallort gesehen wurde? Am Ende seiner dramatischen Suche muss Rollo Martins erkennen, dass Harry Lime nicht der Freund war, für den er ihn gehalten hat.

Für Martins war ganz sicher eine Welt zu Ende gegangen, eine Welt unbeschwerter Freundschaft, eine Welt der Heldenverehrung und des Vertrauens, die zwanzig Jahre zuvor auf dem Flur einer Schule begonnen hatte. Jede Erinnerung – Nachmittage im hohen Gras, die verbotenen Jagden auf dem Brickworth Common, die Träume, die Spaziergänge, jedes gemeinsame Erlebnis – wurde gleichzeitig kontaminiert, wie die Erde einer atomar verseuchten Stadt.

Graham Greene Der dritte Mann

Ein Buch zum Film

Im Vorwort zu seinem Roman bemerkt Graham Greene: "Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern nur, um gesehen zu werden." Der britische Autor verfasste die Erzählung als Vorstufe zum gleichnamigen Film, da es ihm unmöglich schien, die Geschichte "zuerst in der stumpfsinnigen Kurzschrift eines Drehbuchs einzufangen". Der von Regisseur Carol Reed inszenierte Schwarz-Weiß-Thriller mit Orson Wells als Harry Lime kam 1949 in die Kinos und wurde zu einem Welterfolg. Legendär sind Orson Wells improvisierte Kuckucksuhr-Rede, die Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation und Anton Karas' eingängige Zither-Melodie.

Der Roman, ursprünglich das Rohmaterial zum Film, erschien 1950. Vor der Kulisse des kriegszerstörten Wiens entfaltet Greene eine packende Geschichte über Freundschaft, Moral und Verbrechen. Das düstere Thema verbindet der britische Autor mit einer humorvollen Erzählweise. Schauspieler Hanns Zischler macht Greenes Klassiker zu einem spannenden Hörvergnügen.

Der Schriftsteller Graham Greene

Graham Greene wurde am 2. Oktober 1904 in Berkhampstead, Hertfordshire, geboren. Sein Großonkel war Robert Louis Stevenson, Autor der "Schatzinsel". Als Sohn des örtlichen Schuldirektors behandelten seine Mitschüler ihn als Außenseiter, und der junge Graham entwickelte sich zum Einzelgänger. In seiner Autobiografie berichtete Greene später, dass er als Schüler depressiv war und mehrere Selbstmordversuche unternahm.

Nach der Schule studierte Greene in Oxford und arbeitete danach als Journalist; zunächst beim Nottingham Journal, dann im Redaktionsstab der Times. Später fand er eine Stelle als Filmkritiker beim Spectator. Während des Zweiten Weltkrieges war Greene von 1942 bis 1943 in einer Sondermission des britischen Auslandsgeheimdienstes für das Außenministerium in Westafrika tätig. Aus dieser Zeit stammen seine präzisen Kenntnisse der verborgenen Seiten des Diplomatischen Korps, die er in seinen Romanen genussvoll ironisierend darstellte, etwa 1958 in "Unser Mann in Havanna".

Die großen Reisen, die ihn nach Westafrika und Asien führten, wurden auch zum Fundus für seine schriftstellerische Tätigkeit. Bereits sein erster Roman, "The Man Within" (1929, dt. "Zwiespalt der Seele"), beschreibt den Konflikt zwischen Gut und Böse, der im Zentrum seines Werks steht.

Graham Greene wurde mehrmals als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt, erhielt ihn jedoch nie. Er starb am 3. April 1991 in Genf.

Der Sprecher Hanns Zischler

Hanns Zischler, 1947 in Nürnberg geboren, wuchs in dem fränkischen Dorf Langenaltheim auf. Er studierte u. a. Ethnologie und Literaturwissenschaften in München und Berlin. Ab 1968 war er an Theatern in Berlin, Basel und Karlsruhe als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler tätig.

Der Schauspieler Hanns Zischler
Der Schauspieler Hanns Zischler Bildrechte: IMAGO

1970 setzte ihn Wim Wenders in seinem Spielfilm "Summer in the City" ein. Seitdem ist Hanns Zischler regelmäßig in deutschen und internationalen Filmen zu sehen und hat mit bekannten Regisseuren wie Rudolf Thome, Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Robert van Ackerens und István Szabó zusammengearbeitet.

Neben der Schauspielerei ist Hanns Zischler auch als Übersetzer, Fotograf, Herausgeber und Autor tätig. 2017 ist sein zum Klassiker gewordenes Werk "Kafka geht ins Kino" in einer erweiterte Neufassung erschienen.

Nicht zuletzt ist der vielseitige Künstler auch ein gefragter Sprecher. Er hat Werke von Gabriel García Marquez, Fernando Pessoa, Mario Vargas Llosa, Vladimir Nabokov und anderen eingelesen. 2010 erhielt er den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie "Beste Fiktion" für seine Lesung der "Chronik der Gefühle" von Alexander Kluge.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR Lesezeit
Graham Greene: Der dritte Mann (8 Folgen)

Es liest: Hanns Zischler
Übersetzer: Nikolaus Stingl
Produktion: NDR/Der Audio Verlag 2016

Sendung: 09.06. – 18.06.2021 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 09.06. – 18.06.2021 | 19:05-19:35 Uhr

Die Folgen dieser Lesezeit stehen hier 30 Tage zum Hören bereit.

Graham Green: Der dritte Mann
Bildrechte: Der Audio Verlag

Hörbuchtipp Graham Greene: Der dritte Mann

Graham Greene: Der dritte Mann

Übersetzung: Nikolaus Stingl
3 CDs, Laufzeit: 3 Stunden 53 Minuten
Der Audio Verlag 2016
ISBN: 978-3862316915

Graham Green: Der dritte Mann
Bildrechte: Hanser

Buchtipp Graham Greene: Der dritte Mann

Graham Greene: Der dritte Mann

Übersetzung: Nikolaus Stingl
Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Paul Zsolnay Verlag 2016
ISBN: 978-3552057678
18,90 Euro

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