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Plattenbausiedlung in Hoyerswerda, 1991 Bildrechte: IMAGO / Detlev Konnerth

Lesezeit | 20.05.2022 – 06.06.2022Grit Lemke: Kinder von Hoy

Grit Lemke blickt auf ihre Heimatstadt Hoyerswerda, die mit den rassistischen Ausschreitungen von 1991 traurige Berühmtheit erlangte. In ihrem dokumentarischen Roman zeichnet die Autorin das spannende Porträt einer Generation, die in den 70er-und 80er-Jahren in der DDR-Musterstadt aufwuchs und nach der Wende deren Niedergang miterlebte. MDR KULTUR sendet das Werk in 10 Folgen in der Lesezeit. Mit Gabriela Maria Schmeide, Götz Schulte, Sigrun Fischer, Roman Knizka und Felix Goeser.

Hoyerswerda war eine DDR-Musterstadt - aus dem Heideboden gestampft, aus Bauelementen zusammenmontiert, für die Beschäftigten im Gaskombinat "Schwarze Pumpe". Sie kommen in den 60er- und 70er-Jahren aus den umliegenden Dörfern und holen etwas später ihre Kinder nach oder gründen Familien. Die in Hoyerswerda aufgewachsene Autorin und Filmemacherin Grit Lemke erzählt in ihrem Buch die Geschichte dieser Kinder.

Freiheit und Glück

Die Meisten verbringen in der neuen Stadt eine fröhliche und recht unbeschwerte Kindheit. Zwischen Wohnblock, Kindergarten und Schule können sie sich frei bewegen. Vor der Tür trifft man immer Spielfreunde, unbebaute Wildnis bietet Platz für Abenteuer. Müssen die Eltern zur Schicht, kümmern sich ältere Geschwister oder Nachbarn.

Zitat aus "Kinder von Hoy":"Dieses behütete Helikopter-Ding von heute war es mit Sicherheit nicht. Es war ein sehr viel weitläufigeres Behütet-Sein, mit vielen unterschiedlichen Menschen. Kinderkrippenerzieherinnen und Kindergärtnerinnen. Der Spielplatz. Die Nachbarn."
Schudi, 1965 in Hoyerswerda geboren

Ernüchterung und Subkultur

Zu Beginn der 80er-Jahre macht sich gewisse Ernüchterung breit, die versprochene Zukunft ist nicht eingetreten. Das Stadtzentrum liegt noch immer brach, es mangelt an Wohnraum und an Perspektiven für die heranwachsende Jugend. Berufswünsche werden umgelenkt – viele landen schließlich doch als Lehrlinge im Kombinat "Schwarze Pumpe".

Zitat aus "Kinder von Hoy":"Fernfahrer wollte ich werden, ich wollte immer wegfahren. Durfte ich ni, wegen der Brille. Na ja – Schwarze Pumpe. Maschinist für Wärmekraftanlagen, schöner Klassiker."
Rottl, 1968 in Hoyerswerda geboren

Ihre Freiräume schaffen sich die jungen Menschen selbst. Um den charismatischen Sänger Gerhard Gundermann und die "Brigade Feurstein" entwickelt sich eine lebendige Kultur- und Kunstszene. Es entstehen eigene Klubs, man spielt Theater, macht Aktionskunst und Dada. Nachts wird gefeiert, am nächsten Morgen geht’s wieder zur Schicht.

Niedergang und rechte Gewalt

Die politische Wende hat für Hoyerswerda gravierende Folgen: Kraftwerke und Fabriken werden geschlossen, Tagebaue stillgelegt, Tausende Menschen verlieren ihre Arbeit und die Stadt ihren Rhythmus. Bomberjacken und Springerstiefel tauchen auf, Hakenkreuze werden auf Hauserwände geschmiert. Es kommt zu Anfeindungen gegen Ausländer.

Zitat aus "Kinder von Hoy":"Wir haben das 1989 schon gemerkt durch diese Demos. Dass unser Leben anders wird. Vorher haben sie sich nicht so getraut. Aber da explodierte das, und man hat laut gerufen: 'Der Neger muss raus jetzt.' Nach der Arbeit mussten wir in unserem Wohnheim sein, nicht allein rausgehen."
David, 1959 in Mosambik geboren, ab 1979 als Vertragsarbeiter in der DDR

Im September 1991 eskalieren Hass und Gewalt: Jugendlichen Neonazis greifen ein Wohnheim für DDR-Vertragsarbeiter und später ein Asylantenheim an. Anwohner schauen tatenlos zu oder klatschen Beifall, bis zu 500 Leute versammeln vor den Heimen, Polizei und Politik sind vollkommen überfordert.

Fast eine Woche halten die pogromartigen Ausschreitungen an, die Vertragsarbeiter und die Asylsuchende werden schließlich in Bussen aus der Stadt gebracht. Die Kinder von Hoy stehen den Ereignissen entsetzt und ohnmächtig gegenüber. Wenig später werden sie selbst angegriffen.

Neonazis vor dem Wohnheim der Vertragsarbeiter in Hoyerswerda im September 1991 Bildrechte: Gerd Fügert

Die Autorin Grit Lemke, die schon mit ihrem Grimme-Preis-nominierten Film "Gundermann Revier" einen tiefen Blick in das Leben ihrer Heimatstadt Hoyerswerda geworfen hatte, arbeitet in "Kinder von Hoy" die Biografie ihrer komplexen Generation auf.  Für ihren dokumentarischen Roman hat sie Freunde und Freundinnen von einst befragt und mit David, einem ehemaligen Vertragsarbeiter aus Mosambik gesprochen. Ihre eigene Erzählung verknüpft sie mit den Stimmen der Zeitzeugen zu einer kollektiven Geschichte.

Die Autorin Grit Lemke

Grit Lemke Bildrechte: Börres Weiffenbach/Suhrkamp Verlag

Grit Lemke, geboren 1965 in Spremberg/Niederlausitz, aufgewachsen in Hoyerswerda, studierte nach einer Baufacharbeiterlehre und Arbeit im Kulturbereich Kulturwissenschaft, Ethnologie und Literatur in Leipzig und promovierte an der Humboldt-Universität Berlin in Europäischer Ethnologie. Seit 1991 arbeitet sie als Filmkritikerin, Autorin und für Filmfestivals, u.a. langjährig für DOK Leipzig, wo sie bis 2017 Leiterin des Filmprogramms war, sowie für das FilmFestival Cottbus als Leiterin der deutsch-sorbischen Sektion "Heimat | Domownja | Domizna". Ihr Dokumentarfilm "Gundermann Revier" wurde 2020 für den Grimme-Preis nominiert. Ihr Buch "Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror" erschien 2021 im Suhrkamp Verlag.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
20.05.2022 – 06.06.2022
Grit Lemke: Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror (10 Folgen)
Die Lesung steht hier für ein Jahr zum Download bereit.

Regie: Andreas Meinetsberger
Bearbeitung: Nicole Standtke
Produktion: MDR 2022

Sprecher:
Gabriela Maria Schmeide - Erzählerin
Götz Schulte - Hausi, Karsten, Micha, Pfeffi, Röhli
Sigrun Fischer - Beate, Gabi, Claudia, Yvonne
Roman Knizka - Hanni, Maura, Rottl, Schudi
Felix Goeser - David

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2022 | 09:05 Uhr